Medienmacher: Der Adblocker und die Pressefreiheit

Medienmacher: Der Adblocker und die Pressefreiheit

, aktualisiert 12. August 2016, 16:37 Uhr
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Der Handelsblatt-Medienexperte mit Sitz in Hamburg berichtet in seiner Kolumne über die neuesten Rochaden im Mediengeschäft.

von Kai-Hinrich RennerQuelle:Handelsblatt Online

Axel Springer geht gegen die Blockade redaktioneller Inhalte vor, das Medienhaus Funke verpasst seinen Regionalzeitungen einheitliche Unterzeilen. Und warum Blendle trotz guter Zahlen ein PR-Problem hat.

HamburgDie juristische Auseinandersetzung um Werbeblocker wie dem von der Kölner Eyeo GmbH hergestellten Adblock Plus geht in die nächste Runde. Der Tenor der meisten bisherigen Gerichtsentscheidungen lässt sich im Großen und Ganzen so zusammenfassen: Werbeblocker sind prinzipiell legal. Als juristisch höchst problematisch gilt dagegen die Praxis des sogenannten Whitelisting, also das Nicht-Blockieren bestimmter Werbeangebote gegen Zahlung einer Gebühr an den Hersteller des Werbeblockers.

Mit einem ganz anderen Aspekt des Themas hat sich nun das Landgericht Hamburg beschäftigt. Die Computer Bild Digital GmbH, eine Tochter des Berliner Medienhauses Axel Springer („Bild“, „Welt“), hatte den Erlass einer einstweiligen Verfügung gegen Eyeo beantragt, weil deren Adblock Plus redaktionelle Inhalte auf ihrem Portal Computerbild.de blockiert habe. In einer bereits am 21. Juli gefällten Entscheidung gaben die Richter dem Antrag der Springer-Tochter auf Erlass einer einstweiligen Verfügung statt.

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Konkret soll Adblock Plus mehrmals redaktionelle Inhalte auf dem Portal blockiert haben: So hätten bei einem Bericht über Reaktionen der Netzgemeinde auf eine spektakuläre Rettungsaktion von Jerôme Boateng im Fußball-Europameisterschaftsspiel gegen die Ukraine Adblock-Plus-Nutzer von der Redaktion eingebettete Tweets nicht sehen können. Ein anderes Mal sei der Live-Ticker von Computerbild.de zur diesjährigen Apple-Entwicklerkonferenz WWDC komplett blockiert worden.

Nach Ansicht des Gerichts sei sich Eyeo der Gefahr durchaus bewusst gewesen, dass durch Adblock Plus auch redaktionelle Inhalte blockiert werden können, da der Werbeblocker Filterbefehle ungeprüft in seine Blockade übernehme. Damit verletze Eyeo den Kernbereich der Pressefreiheit. Und die ist bekanntlich ein sehr hohes Gut, das im Artikel fünf des Grundgesetzes garantiert wird.

Axel Springer wollte auf Anfrage nur bestätigen, dass die Unternehmenstochter Computer Bild eine einstweilige Verfügung gegen den Werbeblocker erwirkt habe. Eine Eyeo-Sprecherin sagt, ihr Unternehmen bereite derzeit einen Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung vor. Den Vorwurf, Eyeo verletze mit Adblock Plus den Kernbereich der Pressefreiheit, weist sie entschieden zurück. Da es sich bei Adblock Plus um eine Open-Source-Anwendung handele, würden auch Filterlisten der Open-Source-Community eingesetzt, für die Eyeo nicht verantwortlich sei. Es könne bei diesen Filtern „zeitweise zu unerwünschten Nebeneffekten kommen, insbesondere wenn eine Website aktiv gegen den Adblocker arbeitet und zum Beispiel normale Inhalte genau wie Werbung kennzeichnet“. Komme es zu Fehlern, reagiere „die Filterlisten-Community auf Hinweise immer sehr schnell“. Folglich sei das Beschreiten des Rechtswegs „überflüssig".

Im Übrigen weist die Sprecherin darauf hin, dass es bei sich der vor dem Landgericht Hamburg verhandelten Causa um Einzelfälle handele. Ihr sei kein anderer Fall bekannt, der Axel Springer betreffe. Vielleicht nicht Springer, aber womöglich andere? Jedenfalls hatte am Donnerstag Facebook gemeldet, Adblock Plus blockiere neuerdings auch Postings seiner Nutzer. Diesen Vorwurf weist die Eyeo-Sprecherin als unzutreffend zurück. Sie könne ihn nicht nachvollziehen.

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Warum die Funke-Blätter eine Unterzeile bekommen

Eine neue Unterzeile bekommen demnächst die Blätter des Essener Zeitungshauses Funke. Unter ihren jeweiligen Logos wird künftig der Schriftzug „Ein Titel der Funke Mediengruppe“ prangen. Das haben die Chefredakteure der zwölf Tageszeitungen und der Chefredakteur der Zentralredaktion des Verlags beschlossen. Vermutlich wird der Beschluss bereits im September umgesetzt. Ein Unternehmenssprecher bestätigt auf Anfrage entsprechende Pläne.

Hintergrund der Maßnahme ist offenbar, dass Exklusivmeldungen der Zentralredaktion nur von Medienexperten den Funke-Blättern zugerechnet werden können. Wenn es in den Nachrichten heißt, „wie die Blätter der Funke Mediengruppe berichten“, profitieren davon Funke-Titel wie die „WAZ“, das „Hamburger Abendblatt“, die „Berliner Morgenpost“ oder die „Thüringische Landeszeitung“ so gut wie gar nicht. Kaum einer ihrer Leser weiß, in welchem Verlag die Blätter erscheinen. Das soll sich durch die neue Unterzeile ändern.

Ähnliche Probleme hat übrigens das Hannoversche Medienhaus Madsack („HAZ“, „Leipziger Volkszeitung“). Es verfügt ebenfalls über eine Zentralredaktion, die sich Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) nennt. Dieser Name als Absender von Exklusivmeldungen lässt erst recht keine Rückschlüsse auf die Blätter zu, in deren Auftrag das Netzwerk arbeitet. Man darf gespannt sein, wie der neue RND-Chef Wolfgang Büchner, einst „Spiegel“-Chefredakteur und derzeit noch in Diensten des Schweizer Medienhauses Ringier, dieses Problem angehen wird.

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Recht gut lesen sich die Zahlen, die der News-Aggregator Blendle heute verkündete, bei dem man einzelne Zeitungs- und Zeitschriftenartikel kaufen kann. Er kommt derzeit auf eine Million Leser. Demnach ist Blendle im vergangenen Jahr um 300 Prozent gewachsen. Bis Ende 2016 sollen die Nutzer des Portals 20 Millionen Artikel gelesen haben. Noch gibt es die meisten Blendle-User in den Niederlanden, dem Land, in dem der Dienst einst gegründet wurde. Doch da der deutsche Markt monatlich um 16 Prozent zulegt, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, wann er am niederländischen vorbeizieht, der nur halb so schnell wächst. Der US-Markt, in dem Blendle erst dieses Jahr startete, fällt noch nicht groß ins Gewicht.

So weit, so gut. Dennoch erzählen deutsche Verlagsmanager hinter vorgehaltener Hand, dass sie sich vom Einzelverkauf ihrer Artikel höhere Erlöse versprochen hätten. In der für interne Zwecke verfassten Digital Agenda 2016 des Zeitungshauses DuMont Rheinland („Kölner Stadt-Anzeiger“) heißt es etwa, Aggregatoren wie Blendle brächten „nur marginalen Umsatz“.

Womöglich sind daran aber die Verlage selbst nicht ganz schuldlos. Denn bisher ist der hervorragend gemachte tägliche Blendle-Newsletter praktisch die einzige PR-Instrument, mit dem auf die Dienste des Aggregators aufmerksam gemacht wird. Die Verlage selbst halten es offenbar nicht für erforderlich, für den neuen Vertriebsweg ihrer Inhalte die Werbetrommel zu rühren. Eine Ausnahme ist das Zeitschriftenhaus Gruner + Jahr („Stern“, „Geo“), das in seinen Blättern darauf hinweist, dass deren Artikel auch via Blendle erhältlich sind. Den bereits im März vorgestellten Blendle-Button, mit dem sich Texte kinderleicht herunterladen lassen, haben bisher erst ganze vier Partner des Aggregators auf ihren Portalen installiert. Der namhafteste unter ihnen ist noch das „Neue Deutschland“

Quelle:  Handelsblatt Online
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