Medienmacher: Der Ausblick: So wird 2017

Medienmacher: Der Ausblick: So wird 2017

, aktualisiert 16. Dezember 2016, 11:09 Uhr
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Der Handelsblatt-Medienexperte mit Sitz in Hamburg berichtet in seiner Kolumne über die neuesten Rochaden im Mediengeschäft.

von Kai-Hinrich RennerQuelle:Handelsblatt Online

Die letzte Ausgabe dieser Kolumne im Jahr 2016 ist eine Vorschau auf das kommende Medienjahr: Es geht um Marktbereinigungen, anstehende Personalien, Verbandsstreitigkeiten, erfolgsversprechende Geschäftsfelder und Konflikte unter Gesellschaftern.

HamburgRichtig große Schlagzeilen hat der Deal nicht gemacht, was vielleicht auch daran lag, dass die an ihm Beteiligten nicht unbedingt zu den schillerndsten Playern der Zeitungsbranche gehören: Die Headline, „NOZ-Gruppe übernimmt Medien Holding Nord“, klang denn auch alles andere als sexy. Und doch hatte es die Übernahme des mit Abstand größten schleswig-holsteinischen Zeitungshauses durch den vergleichsweise kleinen Verlag der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ in sich. Auf einen Schlag waren die Niedersachen um 32 Tageszeitungen, 40 Anzeigenblätter und 1500 Mitarbeiter reicher. Von jetzt auf gleich rückten sie in die Top Ten der größten deutschen Zeitungsverlage vor.

Der Deal im hohen Norden war der spektakulärste seiner Art im zu Ende gehenden Jahr. Mit Sicherheit wird auch 2017 die Konsolidierung im Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt zu den Megatrends der Medienbranche zählen. Dabei wird es aber keineswegs nur um weitere Übernahmen und Fusionen gehen. Branchengrößen wie die Essener Funke Mediengruppe („WAZ“, „Hamburger Abendblatt“) und die Madsack Mediengruppe („HAZ“, „Leipziger Volkszeitung") aus Hannover werden voraussichtlich auch als Dienstleister ihre Stellung im Markt weiter ausbauen. Möglich macht das auch die für kommendes Jahr geplante Novellierung des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB), die es den Verlagen erlauben wird, stärker als bisher miteinander zusammenzuarbeiten. In ihrem Vorfeld eruieren derzeit die drei Berliner Abonnementzeitungen „Tagesspiegel“, „Berliner Zeitung“ und „Berliner Morgenpost“, ob es sinnvoll ist, Vertrieb, Vermarktung und andere Verlagsdienstleistungen zusammenzulegen.

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Auch anderenorts sind Aktivitäten zu beobachten, die vor dem Hintergrund der GWB-Novelle interessante Möglichkeiten eröffnen. So wird Funke in Hamburg die Vermarktung der verlagseigenen Anzeigenblätter, des „Hamburger Abendblatts“ und der „Bergedorfer Zeitung“ ab dem 1. Januar 2017 in der neuen Gesellschaft Mediahafen Hamburg bündeln. Der laut Verlagsangaben „größte Print- und Onlinevermarkter im Norden“ ist ausdrücklich auch „für die Vermarktung externer Medien“ offen. Mit redaktionellen Dienstleistungen sind Funke und Madsack längst am Markt.

Beide Verlage unterhalten Zentralredaktionen, die auch Regional- und Lokalblätter Dritter mit überregionalen Berichten beliefern können. Vor diesem Hintergrund ist es keineswegs unwahrscheinlich, dass Regional- und Lokalzeitungen kleinerer Häuser künftig sich im Wesentlichen auf die Produktion lokaler und regionaler Inhalte beschränken. Dienstleistungen wie Vermarktung und Vertrieb, aber auch die überregionale Berichterstattung, kann bei den Großen der Branchen eingekauft werden.

Dass Funke für die schöne neue Zeitungswelt bestens aufgestellt ist, verdankt die Mediengruppe auch ihrem Geschäftsführer Manfred Braun. Misslich für die Essener ist allerdings, dass der 64-Jährige laut Informationen aus Unternehmenskreisen seinen 2017 auslaufenden Vertrag bis jetzt nicht verlängert hat. Auch über einen möglichen Nachfolger ist – abgesehen von halbgaren Gerüchten – nichts bekannt. Ausgeschlossen werden kann nach Meinung dieser Kolumne, dass Brauns Co-Geschäftsführer Michael Wüller Funke künftig alleine führt. Wenn es um Zahlen geht, macht dem Diplom-Finanzwirt zwar kaum einer was vor. Als visionärer Medienexperte ist er bisher aber eher weniger in Erscheinung getreten. Will Funke seine starke Stellung im Markt behaupten, muss die offene Führungsfrage schnell geklärt werden.

Dem durchaus verdienten Medienmanager Braun ist zuletzt aber auch nicht alles gelungen. Als Vorstandsvorsitzender des wichtigen Fachverbandes Publikumszeitschriften im Verband Deutscher Zeitschriften (VDZ) stand er im Mittelpunkt des Streites um die Wahl des neuen VDZ-Präsidenten, des Funke-Gesellschafters Stephan Holthoff-Pförtner. In dessen Verlauf kündigten vier Verlage, an ihrer Spitze die Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr („Stern“, „Geo“) ihren Austritt aus dem Fachverband zum 1. Juli 2017 an. Wenn sich die Print-Branche angesichts der Digitalisierung im Allgemeinen und der Herausforderung durch Internet-Konzerne wie Google und Facebook im Besonderen eines nicht leisten kann, ist es der VDZ-Streit. Dessen Beilegung müsste für alle Beteiligten oberste Priorität haben.

Eine Lösung des Konflikts könnte beispielsweise so aussehen, dass der VDZ ein transparentes Verfahren zur Nominierung von Präsidentschaftskandidaten beschließt – womöglich zusammen mit einer verbindlichen Frauenquote. Denn bisher sind Medienmanagerinnen in den Verbandsgremien kaum vertreten. Im VDZ-Präsidium gibt es keine einzige Frau. Diese Reformen könnten sich die vier Rebellen-Verlage ans Revers heften und auf einen Austritt verzichten. Doch wie realistisch ist ein solches Szenario? Das Gespräch zwischen der Anführerin der austrittswilligen Verlage, G+J-Chefin Julia Jäkel und VDZ-Präsident Holthoff-Pförtner vergangenen Montag soll im Ton höflich in der Sache aber unverbindlich gewesen sein. Und die Überprüfung der Druckverträge mit der Bertelsmann-Tochter Prinovis durch Funke, eine der unschönen Weiterungen des VDZ-Streits, ist entgegen anderslautender Meldungen noch keineswegs vom Tisch.


Warum ARD und ZDF doch noch Olympia-Rechte bekommen könnten

Für die G+J-Mutter Bertelsmann ist dies alles unerfreulich, mehr aber auch nicht. Der Medienriese aus Gütersloh ist bekanntlich auch auf Geschäftsfeldern unterwegs, die mit Medien nicht mehr allzu viel zu tun, allerdings ein hohes Erlöspotenzial haben. Sehr erfolgreich ist der Konzern im Bildungsmarkt unterwegs. Der weltweite Rollout seiner amerikanischen Education-Töchter Udacity und Relias hat gerade erst begonnen. Er dürfte sich im kommenden Jahr fortsetzen.

Bertelsmanns Cashcow ist aber nach wie vor die RTL Group. Dank der immer noch robusten Werbekonjunktur brummt das Kerngeschäft. Doch auch auf non-lineare Zeiten ist der Fernsehkonzern dank zahlreicher Investitionen in digitale Geschäftsfelder vorbereitet. Zum Wettbewerber Pro Sieben Sat 1, der ebenfalls sehr stolz auf sein Digitalgeschäft ist, gibt es aber einige gravierende Unterschiede: Die RTL Group setzt im Vergleich zur Konkurrenz kaum auf E-Commerce-Plattformen. Zurückhaltung übt die Bertelsmann-Tochter auch bei klassischen, durch Abonnementgebühren finanzierten Videoplattformen. Dass der nach wie vor defizitäre Pro-Sieben-Sat-1-Ableger Maxdome innerhalb kürzester Zeit von Amazon Video und Netflix im deutschen Markt auf Platz drei durchgereicht wurde, gibt der Konzernspitze um CEO Anke Schäferkordt zu denken. Sie setzt auf sogenannte Hybridmodelle, die sich auch durch Werbung finanzieren und weniger auf exklusive Programmangebote setzen. Als solches versteht man bei der RTL Group TV Now. Vielleicht kommt da 2017 noch das eine oder andere Angebot hinzu.

Für Wettbewerber Pro Sieben Sat 1 war 2016 trotz der nach wie vor schwierigen Situation bei Maxdome ein höchst erfolgsreiches Jahr. Der TV-Konzern stieg als erstes Medienunternehmen überhaupt in den Dax auf. Viel mehr geht nicht. Vater des Erfolges ist CEO Thomas Ebeling, der die Verantwortung bei Pro Sieben Sat 1 2009 übernahm. Damals war die Aktie des Unternehmens noch ein Penny Stock. Doch der Name Ebeling markiert auch die Herausforderungen für die Zukunft. Zwar verlängerte der CEO im Sommer seinen Vertrag bis zum 1. März 2019. Im November kündigte er aber an, Pro Sieben Sat 1 danach verlassen zu wollen. Die Suche nach einem Nachfolger dürfte schwierig werden und kann gar nicht früh genug beginnen. Kaum ein Medienmanager hat in den vergangenen Jahren ein Unternehmen so geprägt wie Ebeling Pro Sieben Sat 1. Womöglich setzt die Senderfamilie ja wieder auf einen Branchenfremden. Ebeling entdeckte man ja schließlich auch beim Schweizer Pharmakonzern Novartis.

Ganz andere Probleme haben ARD und ZDF. Die Öffentlich-Rechtlichen werden erstmals nicht live von den vier Olympischen Spielen zwischen 2018 und 2024 berichten. Mit dem Rechte-Inhaber, dem US-Konzern Discovery, konnte man sich nicht auf den Preis der dazu erforderlichen Sublizenzen einigen. So erfreulich es ist, dass ARD und ZDF nicht länger bereits sind, für Sportrechte jeden Preis zu zahlen – Olympia ist auch eine Imagefrage. Für Discovery ist das Scheitern der Gespräche mit den Deutschen ebenfalls höchst ärgerlich. Um den exorbitant hohen Preis von 1,3 Milliarden Euro refinanzieren zu können, den man dem IOC für die Rechte zahlen musste, sind die Amerikaner auch auf Erlöse aus deutschen Sublizenzen angewiesen. Alternativen zu ARD und ZDF gibt es aber nicht. RTL Deutschland ist an den Lizenzen ebenso wenig interessiert wie Pro Sieben Sat 1.

Die Olympischen Winterspiele 2018 im südkoreanischen Pyeongchang dürften zwar definitiv nicht bei ARD und ZDF zu sehen sein. Doch diese Prognose wagen wir jetzt einfach mal: Mit großer Wahrscheinlichkeit werden Discovery und die Öffentlich-Rechtlichen spätestens Ende 2017 Gespräche über die Rechte an den drei übrigen Spielen aufnehmen.

So oder so wird der deutsche Ableger der Discovery-Tochter Eurosport im kommenden Jahr gewaltig ausgebaut werden. Viel spricht dafür, dass sie künftig dem bisher führenden deutschen Sportsender Sport1 den Rang ablaufen wird. Sport1 hat zuletzt jede Menge Rechte verloren – etwa die am Montagsspiel der zweiten Fußball-Bundesliga oder die an den Spielen der Handball-Bundesliga. Zudem ist mit Sky Sport News bereits einen neuer Wettbewerber im Markt: Seit dem 1. Dezember können auch Fernsehzuschauer den Sender sehen, die die Pay-TV-Plattform Sky Deutschland nicht abonniert haben.

Dass Dieter Hahn, einer von zwei Hauptgesellschaftern der Constantin Medien AG, der Sport1 gehört, künftig ausschließlich auf das Sportgeschäft setzen will, erscheint vor diesem Hintergrund schwer nachvollziehbar. Der andere Hauptgesellschafter, der Schweizer Bernhard Burgener, will das nicht und wehrt sich mit Händen und Füßen gegen einen Verkauf der Konzerntochter Constantin Film („Fack ju Göhte“, „Der Untergang“). Nach zwei chaotisch verlaufenen Hauptversammlungen sind die Kontrahenten so ineinander verkeilt, dass eine Lösung des Konflikts kaum möglich zu sein scheint. Auch die Meldung, der Freistaat Bayern – Constantin Medien sitzt in München – habe sich als Vermittler eingeschaltet, verheißt nur wenig Hoffnung. Sollte die Auseinandersetzung aber nicht bald beigelegt werden, könnte auch die Produktionsgesellschaft Constantin Film Schaden nehmen.

Doch mit einer negativen Prognose wollen wir diesen Ausblick auf 2017 nicht beenden. Ein anderer TV-Produzent schließt 2016 voraussichtlich mit einem Rekordumsatz ab: Endemol Shine Germany („Big Brother“, „Wer wird Millionär?“, „Circus Halligalli“) wird, wie es in Unternehmenskreisen heißt, dieses Jahr voraussichtlich 145 Millionen bis 150 Millionen Euro erlösen. Zum Vergleich: 2012 erzielte Endemol Deutschland noch einen Umsatz von 65 Millionen Euro. Shine Germany kam auf 15 Millionen Euro. 2015 fusionierten beide Unternehmen. Viel Spricht dafür, dass auch 2017 für das Unternehmen ein erfreuliches Jahr wird. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt - auch dank neuer Kunden: So produziert die Endemol-Shine-Tochter Wiedemann & Berg mit „Dark“ die erste deutsche Netflix-Serie.

Quelle:  Handelsblatt Online
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