Medienmacher: Ein Politikum namens Herres

Medienmacher: Ein Politikum namens Herres

, aktualisiert 24. März 2016, 09:16 Uhr
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Der Handelsblatt-Medienexperte mit Sitz in Hamburg berichtet in seiner Kolumne über die neuesten Rochaden im Mediengeschäft.

von Kai-Hinrich RennerQuelle:Handelsblatt Online

Warum die Wahl des neuen RBB-Intendanten eine heikle Angelegenheit ist. Wie die TV-Rechtepakte für die Übertragung der Fußball-Bundesliga nach derzeitigem Stand aussehen. Und weshalb „Report“ aus Mainz ausfiel.

HamburgDie Wahl des neuen RBB-Intendanten ist für dessen künftige Amtskollegen in der ARD ein gewaltiges Politikum. Das hat vor allem mit einem möglichen Kandidaten zu tun: Volker Herres, bisher ARD-Programmdirektor. Dabei stand bei Redaktionsschluss dieser Kolumne noch nicht einmal fest, ob der öffentlich-rechtliche TV-Manager für diesen Posten überhaupt kandidiert.

Wie es in Senderkreisen heißt, wollte die RBB-Findungskommission am Mittwoch im Gespräch mit dem 58-Jährigen herausfinden, ob er bereit ist, unter den Bedingungen anzutreten, die der Rundfunkrat für die Wahl des Intendanten festgelegt hat. Das Gremium will nämlich aus mehreren Kandidaten auswählen können. Herres wiederum soll nur dann zur Kandidatur bereit sein, wenn er der einzige Kandidat ist.

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Das Problem: Es gibt zwei Gegenkandidaten. Und keiner von beiden ist ein Zählkandidat. Patricia Schlesinger, gelernte Journalistin und Leiterin des Programmbereichs Kultur und Dokumentation im NDR-Fernsehen, gilt vielen als Wunschkandidatin. Auch Kandidat Nummer zwei, Theo Koll, Leiter des ZDF-Studios Paris, der auch schon der Hauptredaktion Außenpolitik sowie der Hauptredaktion Innen-, Gesellschafts- und Bildungspolitik des Zweiten vorstand, wird der Job absolut zugetraut.

Das macht Herres‘ Kandidatur nicht eben wahrscheinlich. Für ihn wäre es als amtierender ARD-Programmdirektor ein Gesichtsverlust, sollte er Schlesinger oder Koll bei der Wahl unterliegen. Dennoch gibt es gleich mehrere ARD-Intendanten, die es begrüßen würden, wäre Herres künftig einer von ihnen. Das liegt vor allem daran, dass viele Senderchefs mit der Arbeit des Programmdirektors nur sehr bedingt zufrieden sind.

Einige kreiden es ihm an, dass in seiner Amtszeit die Marktführerschaft des Ersten an das ZDF verlorenging. Andere kritisieren seine Außendarstellung. Eine Verlängerung seines 2018 auslaufenden Vertrags ist alles andere als selbstverständlich, heißt es in der ARD. Manche wollen gar wissen, dass sich die Intendanten bereits darauf geeinigt hätten, es ab 2018 mit einem neuen Programmdirektor zu versuchen. Hinzu kommt, dass Herres, der für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war, womöglich amtsmüde ist. Intern soll er angedeutet haben, nicht für eine weitere Amtszeit zur Verfügung zu stehen.

So oder so: Die eleganteste Lösung wäre nach Ansicht manches ARD-Hierarchen ein Wechsel des Programmchefs auf den Posten des RBB-Intendanten. Aber da sind ja, wie gesagt, noch die Kandidaten Schlesinger und Koll. Wer nun tatsächlich antritt, soll noch diesen Donnerstag verkündet werden. Gewählt wird dann am 7. April.

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Vor wenigen Wochen flatterte potenziellen Interessenten an den Übertragungsrechten der Fußball-Bundesliga eine Marktbefragung des Bundeskartellamts ins Haus. Die Wettbewerbshüter prüfen bekanntlich die Ausschreibung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) für die Spielzeiten 2017/18 bis 2020/21. Die Behörde will nach Anhörung diverser Verfahrensbeteiligter die sogenannte No Single Buyer Rule festschreiben, die vorsieht, dass die Pay-TV-Rechte an den Live-Spielen an mehr als nur einen Anbieter gehen. Bisher ist die Pay-TV-Plattform Sky Monopolist, was die Übertragung der Bundesliga-Partien im Bezahlfernsehen angeht.

Nach den Vorgaben des Amtes hat die DFL nun insgesamt acht Rechtepakete geschnürt, zu denen potenzielle Bieter befragt wurden. Wie es in Kreisen der Interessenten heißt, verteilen sich die Pay-TV-Rechte an der ersten Fußballbundesliga auf fünf verschiedene Pakete. Sollten diese Pakete alle an ein- und denselben Bieter gehen, soll – gemäß der No Single Buyer Rule – ein neuntes Paket auf den Markt kommen, das von diesem Bieter nicht erworben werden darf.


Warum das Polit-Magazin „Report“ aus Mainz ausfiel

Dieses Paket soll pro Spieltag ein Samstags- und ein Sonntagsspiel enthalten, also pro Saison insgesamt 68 Partien. Allerdings werden für diese Begegnungen nur sogenannte OTT-Rechte vergeben. Das heißt, dass derjenige, der sie erwirbt, die Spiele nur im stationären Internet und über mobile digitale Medien verbreiten darf. Unberührt davon bleiben die Kabel- und Satellitenrechte an den beiden Spielen, die mit den Paketen eins bis fünf verkauft werden.

Das macht Paket neun nicht unbedingt attraktiv. Derjenige, der es erwirbt, wird medienübergreifend nicht über Exklusivrechte verfügen, denn im klassischen TV laufen seine Spiele zeitgleich bei einem anderen Anbieter. Zudem sind Internet und mobile Medien – zumindest noch– nicht die bevorzugten Kanäle die deutsche Fans einschalten, wenn sie Fußballspiele verfolgen wollen. Es ist daher schwer vorstellbar, dass sich für ein neuntes Paket ein guter Preis erzielen lässt. Dabei hatten die Befürworter der No Single Buyer Rule, wie etwa der FC Bayern München, sich von ihrer Einführung deutlich höhere Einnahmen versprochen.

Völlig unklar ist auch wie die nun geschnürten Pakete bei potenziellen Interessenten ankommen. Dass nach Auswertung der Marktbefragung die Rechte noch einmal neu paketiert werden, ist folglich nicht auszuschließen. Einstweilen hüllen sich DFL und Bundeskartellamt in Schweigen. Weder der Ligaverband noch die Wettbewerbsbehörde wollten sich zu dem Thema äußern.

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Vergangenen Dienstag gab es in der ARD eine überraschende Programmänderung. Das Polit-Magazin „Report“ aus Mainz entfiel. Stattdessen ging die Talkshow „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg auf Sendung, die eigentlich nur montags läuft. Nun war dieser Dienstag kein Tag wie jeder andere. Am Vormittag war Brüssel von schweren Terroranschlägen erschüttert worden. Das allerdings hatte die Redaktion von „Report“ Mainz berücksichtigt und ihr Programm entsprechend thematisch umgestellt.

Auch mit der Vorgabe der ARD-Programmredaktion, die sich wünschte, die „Tagesthemen“ vor weiteren Sendungen zu den Anschlägen auszustrahlen, hätten die Mainzer leben können. Dennoch lief nach dem ARD-Flaggschiff statt „Report“ „Hart aber Fair“ mit einem Talk über den Terror.

In Branchenkreisen mutmaßte mancher, der mächtige WDR habe sein Talkformat an diesem Tag unbedingt auf Kosten des vom SWR verantworteten Polit-Magazins ins Erste bringen wollen. Doch dem widerspricht ein ARD-Sprecher: Die „Tagesthemen“ seien eine Magazinsendung, die sich an diesem Tag selbstverständlich vor allem mit den Anaschlägen beschäftigt habe. Deshalb habe man nicht direkt im Anschluss ein weiteres Magazin zum selben Thema bringen können. Als Alternative habe sich „Hart aber fair“ angeboten. Und warum wurde „Report“ nicht nach dem Talk gegen 23:45 Uhr gezeigt? Zu dieser späten Uhrzeit, sagt der Sprecher, habe das Polit-Magazin nicht mehr auf Sendung gehen wollen.

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Meine nächste Kolumne erscheint am Freitag, den 8. April.

Quelle:  Handelsblatt Online
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