Medienmacher: Hoffen auf das Silicon Valley

Medienmacher: Hoffen auf das Silicon Valley

, aktualisiert 28. Oktober 2016, 17:14 Uhr
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Der Handelsblatt-Medienexperte mit Sitz in Hamburg berichtet in seiner Kolumne über die neuesten Rochaden im Mediengeschäft.

von Kai-Hinrich RennerQuelle:Handelsblatt Online

Wen sich die DuMont Mediengruppe so als Mitgesellschafter ihrer neuen Newsroom Holding vorstellen kann. Und warum Zeitschriftenhäuser aus Hamburg im VDZ nur noch die zweite Geige spielen.

HamburgGeahnt haben es fast alle. Dennoch war der Schock groß, als die DuMont Mediengruppe am Donnerstag verkündete, ihre Hauptstadtblätter, die Abonnementzeitung „Berliner Zeitung“ und das Boulevardblatt „Berliner Kurier“, samt ihrer Digitalangebote künftig in der neugegründeten Berliner Newsroom GmbH erscheinen zu lassen. Die 160 redaktionellen Mitarbeiter beider Blätter müssen sich auf die nur 110 Arbeitsplätze der neuen Gesellschaft bewerben. Dass dies zu Unmut unter den Beschäftigten führt, ist klar. Wohl um einen möglichen Shitstorm zu vermeiden, hat der Verlag die Kommentarfunktion unter dem Stück „In eigener Sache“, in dem die Maßnahmen aus DuMont-Sicht erklärt werden, in den Online-Ausgaben von „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ abgeschaltet.

Der Text ist identisch mit einer Presseerklärung, die DuMont bereits am Donnerstag veröffentlichte. Sie enthält viel PR-Prosa, aber auch einen interessanten Punkt, der in der Berichterstattung bisher kaum berücksichtigt wurde: Der Verlag habe beschlossen, „eine neue Gesellschaft zu gründen, die Berliner Newsroom GmbH, an der sich über eine Zwischenholding neben der DuMont Mediengruppe auch digitale Experten als Gesellschafter beteiligen können“, heißt es dort. Eine Recherche im Handelsregister ergibt, dass die Zwischenholding als Newsroom Holding GmbH & Co. KG firmiert und ihren Sitz in Köln hat. Ihre bislang einzige Tochter ist die Berliner Newsroom GmbH, deren juristischer Sitz ebenfalls Köln ist. Da für eine einzige Tochtergesellschaft die Gründung einer Holding nicht erforderlich wäre, liegt die Vermutung nahe, dass es demnächst wohl auch eine Kölner Newsroom Holding GmbH gibt. Dorthin könnten – in Anlehnung an die Umstrukturierung in Berlin – die Redakteure der Abozeitung „Kölner Stadt-Anzeiger“ und des Boulevardblatts „Express“ verschoben werden. Allerdings erklärt ein Unternehmenssprecher auf Anfrage, dass es derartige Pläne nicht gebe.

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Aber noch aus einem anderen Grund führt die Spur der Zwischenholding nach Köln. Zwar mag der Sprecher nicht sagen, wer die „digitalen Experten“ sind, die sich an ihr beteiligen sollen. In Unternehmenskreisen heißt es jedoch, dass man dabei sowohl an deutsche Start-ups, aber auch an namhafte Internet-Firmen aus dem Silicon Valley denke. Wie realistisch es ist, dass sich Google oder Facebook an einer vergleichsweise kleinen deutschen Zeitungsholding beteiligen, sei dahingestellt. Fakt ist aber, dass DuMont zumindest mit Google am Standort Köln bereits kooperiert. Der Verlag nimmt mit dem dort erscheinenden „Express“ am Google-News-Lab-Fellowship-Programm teil, in dessen Rahmen Verlagsmitarbeiter mit neuen digitalen Geschäftsmodellen vertraut gemacht werden. Das Programm ist Teil von Googles Digital News Initiative, mit der der Internet-Riese gut Wetter bei Verlagen machen will und für die er 150 Millionen Euro bereitgestellt hat.

DuMont hat übrigens in der Bewertung der Google-Initiative binnen Jahresfrist einen 180-Grad-Schwenk vollzogen. Als „Windowdressing der allerfeinsten Sorte“ schmähte sie 2015 der Aufsichtsratsvorsitzende des Verlags Christian DuMont Schüttte: „Jedem muss die Gefahr bewusst sein, sich hier in weitere Abhängigkeit zu begeben und das gemeinsame Vorgehen gegen Google zu hinterwandern“, sagte er damals. In Sachen Google ist DuMont Schütte immer mal wieder für steile Thesen gut. So prophezeite er 2007: „In zehn Jahren ist Google tot.“

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Warum der VDZ seine Satzung dringend modernisieren muss.

Der Streit um die Nachfolge von Hubert Burda als Präsident des Verbandes Deutscher Zeitungsverleger (VDZ) offenbart vor allem zweierlei: Der VDZ hat einen nicht unerheblichen Modernisierungsbedarf, was die Mechanismen zur Rekrutierung seines Führungspersonals betrifft. Und in der deutschen Zeitschriftenbranche sitzen die einflussreichsten Häuser nicht mehr in der stolzen Medienstadt Hamburg, sondern in München, Berlin und – horribile dictu – Essen.

Die Verlage Gruner + Jahr („Stern“, „Geo“) und Medweth („Madame“, „Jolie“) sowie der „Zeit“ und des „Spiegel“ hatten sich über den Prozess empört, an dessen Ende die Empfehlung des VDZ-Präsidiums stand, den Mitgesellschafter der Essener Funke Mediengruppe („Hörzu“, „Bild der Frau“) Stephan Holthoff-Pförtner zu Burdas Nachfolger zu machen. Begonnen hatte alles am 21. September. Damals regte „Zeit“-Geschäftsführer Rainer Esser auf einer Vorstandssitzung des einflussreichen VDZ-Fachverbands Publikumszeitschriften (PZ) an, für den Fall, dass Burda sein Amt zur Verfügung stellen werde, die Gruner + Jahr-Chefin Julia Jäkel zu dessen Nachfolgerin zu machen. Funke-Geschäftsführer Manfred Braun, der auch Vorsitzender des PZ-Vorstands ist, erwiderte damals, über die Frage solle erst diskutiert werden, wenn Burda seinen Rücktritt erklärt habe.

Tatsächlich kündigte der VDZ-Präsident nur einen Tag später gegenüber Braun, dem VDZ-Geschäftsführer Stephan Scherzer sowie Burda-Zeitschriftenvorstand Philipp Welte an, sein Amt zum 6. November niederlegen zu wollen. Bereits am 30. September beschloss das VDZ-Präsidium, den Verbandsdelegierten Holthoff-Pförtner für die Nachfolge Burdas vorzuschlagen. Wohl weil die Präsidiumsmitglieder der VDZ sich so schnell auf einen Nachfolgekandidaten einigen konnten, vermuteten einige Verleger, dass bereits vor dem 21. September die Weichen für eine Präsidentschaft des Funke-Manns gestellt wurden. Braun bestreitet das: In einem Brief an die PZ-Vorstandsmitglieder vom vergangenen Montag schreibt er, erst nachdem Burda einen Termin für seinen Rücktritt genannt habe, „haben wir bei Funke Aktivitäten zur Nominierung von Herrn Dr. Holthoff-Pförtner entwickelt“.

Zuvor hatten sich Gruner + Jahr, die „Zeit“, der „Spiegel“ und Medweth in einem Schreiben an die VDZ-Delegierten bitter über den Prozess beschwert, der zur Nominierung von Holthoff-Pförtners führte. Von „Hinterzimmerbünden“ war die Rede, die entschieden, „wer den VDZ repräsentiert“. Der Vorwurf bezog sich nicht allein auf die Vermutung, dass bereits vor dem 21. September Burdas Nachfolger ausgekungelt worden sei. Die Briefeschreiber erboste auch, dass zwischen dem 21. September und der VDZ-Pressemeldung vom 18. Oktober, aus der hervorgeht, dass Holthoff-Pförtner neuer Verbandspräsident werden soll, niemand mit ihnen geredet habe. Esser sagt, es habe zwar Gerüchte gegeben, dass es auf den Funke-Gesellschafter hinauslaufe. Offiziell erfahren habe er davon aber erst durch die Presseerklärung. Das in der Tat höchst intransparente Verfahren steht jedoch im Einklang mit der VDZ-Satzung. Der neue VDZ-Präsident täte gut daran, möglichst schnell eine Modernisierung dieser Satzung auf den Weg zu bringen.

Das reicht den vier Verfassern des Brandbriefs aber nicht. Sie drängen auf eine Verschiebung der für den 6. November angesetzten Präsidentenwahl und wollen nun einen transparenten Prozess aufsetzen, an dessen Ende durchaus eine Empfehlung für den Kandidaten Holthoff-Pförtner stehen könne. G+J-Chefin Jäkel wolle jedenfalls nicht kandidieren, heißt es in ihrem Umfeld. Zumindest bei „Zeit“-Geschäftsführer Esser ist die Zuversicht groß, dass es tatsächlich zu einer Verschiebung der Präsidentenwahl kommt. Fast alle PZ-Vorstandsmitglieder seien über das Verfahren, das zur Kür des Präsidentschaftskandidaten führte, ebenso empört wie er.

Allerdings gibt es im VDZ neben den Publikumszeitschriften noch zwei weitere Fachverbände: die Fachpresse und die konfessionelle Presse. Zudem fällt auf, dass die Unterzeichner des Protestbriefs bis auf den Münchener Medweth Verlag alle aus Hamburg kommen und samt und sonders Gruner + Jahr nahestehen: Gemeinsam mit dem Verlag vom Hamburger Baumwall betreiben „Zeit“ und „Spiegel“ die Henri-Nannen-Journalistenschule. Beim „Spiegel“ hält Gruner + Jahr zudem eine Sperrminorität. Und Medweth hat erst kürzlich bekanntgegeben, seine Blätter und Digitalangebote ab 2017 von G+J vermarkten zu lassen.

Mag sein, dass die Zeit nicht ausreichte, um auf die Schnelle noch andere Zeitschriftenhäuser als Unterzeichner zu gewinnen. Auffällig ist jedoch, dass im VDZ nun Häuser das Sagen haben, deren Zentralen nicht in Hamburg angesiedelt sind. Obwohl Gruner + Jahr, neben der Essener Funke Gruppe, der Münchener Huber Burda Media („Bunte”, „Focus”) und dem Berliner Medienhaus Axel Springer („Bild“, „Welt“) zu den vier größten VDZ-Mitgliedern gehört, hat das Zeitschriftenhaus in so wichtigen Fragen wie der Präsidentenkür nur noch einen sehr begrenzten Einfluss. „Zeit“, „Spiegel“ und „Stern“ mögen publizistisch nach wie vor höchst einflussreich sein. Ihre Verlage sind es im VDZ zumindest derzeit nicht.

Sehr beredt ist in der Causa Holthoff-Pförtner übrigens das Schweigen Springers. Manager des Konzerns sagen, man wolle sich aus dem Zwist heraushalten, allenfalls moderieren. Dieselben Führungskräfte bestätigen hinter vorgehaltener Hand aber auch, dass der designierte VDZ-Präsident sehr gut mit den Entscheidungsträgern ihres Hauses kann. Insbesondere Springer-CEO Mathias Döpfner, der seit Juli auch Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger ist, werde in seiner neuen Rolle mit dem Funke-Mann bestens kooperieren, so dieser denn gewählt wird.

Quelle:  Handelsblatt Online
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