Medienmacher: Nachrichten gegen Daten

Medienmacher: Nachrichten gegen Daten

, aktualisiert 05. August 2016, 16:54 Uhr
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Der Handelsblatt-Medienexperte mit Sitz in Hamburg berichtet in seiner Kolumne über die neuesten Rochaden im Mediengeschäft.

von Kai-Hinrich RennerQuelle:Handelsblatt Online

Warum sich ein Zeitungshaus von der klassischen Bezahlschranke verabschiedet. Und wieso sich die Öffentlich-Rechtlichen glücklich schätzen dürfen, kaum wegen Kartellvergehen ihrer privaten Töchter gescholten zu werden.

HamburgEs war im Frühjahr dieses Jahres, als auf einer Branchentagung die Vertreterin eines großen deutschen Medienhauses ihren Kollegen erklärte, sie glaube nicht an digitale Bezahlschranken. Zumindest in Deutschland seien alle bisherigen Versuche gescheitert, auf diesem Weg nennenswerte Erlöse zu erzielen. Kaum ein Tagungsteilnehmer konnte die Position der Dame nachvollziehen. Schließlich gilt in Medienkreisen als unverrückbare Gewissheit, dass es ohne die Paywall einfach nicht geht – mag es auch noch so mühsam sein, durch den Verkauf digitaler Texte, Bilder und Videos Geld zu verdienen. Fast jeder Verlag verfügt mittlerweile über eine Bezahlschranke im Netz.

Und wie unkonventionell der Vorstoß der Medienmanagerin war, sieht man auch daran, dass sie ihn öffentlich bisher nicht wiederholt hat. Womöglich erfolgte ihre Wortmeldung nur deshalb, weil es zu den Regeln der Tagung gehört, dass sämtliche Redebeiträge nicht nach außen getragen werden dürfen.

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Doch nun scheint das bisherige Nicht-Thema Bezahlschranke auch jenseits verschlossener Türen von Branchentagungen hochzukochen: In einem internen Papier der Kölner Mediengruppe DuMont vom 7. Juli mit dem Titel „Digital Agenda 2016“ wird die Abschaffung der Paywall – zumindest in ihrer bisherigen Form – für die Portale der rheinischen Blätter des Zeitungshauses angekündigt. Im Rheinland gibt DuMont den „Kölner Stadt-Anzeiger“, die „Kölnische Rundschau“ und das Boulevardblatt „Express“ heraus. Für das Portal des „Kölner Stadt-Anzeigers“ hat DuMont im Sommer 2014 eine Bezahlschranke als „metered model“ eingeführt. Deren Tage dürften nun gezählt sein. In dem von DuMont Rheinland erstellten Papier heißt es auf Seite 34, geplant sei der „Ausbau der Website zum größten, für sich stehenden Lead-Kanal für die Kölner Marken zur anschließenden Monetarisierung der Kunden, gleichzeitige Abschaffung des derzeitigen Paywall-Modells. Und unter dem Punkt „Next Steps“ steht noch einmal unmissverständlich: „Einstellung der Paywall“.

Der „Investitionsantrag“ für den Umbau des Portals, ist, so die Verfasser des Papiers, „vom Vorstand genehmigt“ worden. Die Umsetzung des Umbaus soll „in Abstimmung mit dem technischen Dienstleister“ im Oktober und November erfolgen. Das lässt darauf schließen, dass die neue Site zum Jahreswechsel im Netz stehen könnte.

Die Frage ist, was nach der Paywall kommt. Nach Angaben eines Unternehmenssprechers soll die Bezahlschranke jedoch gar nicht abgeschafft, sondern lediglich „anders“ werden. Wie konkret, will er nicht verraten. Er sagt jedoch, dass mithilfe des slowakischen Dienstleisters Piano Media, der bereits die Paywall installierte, „das bisherige Modell auf ein Registrierungsmodell mit anschließenden Monetarisierungsmöglichkeiten“ umgestellt werden soll. Laut eines Wortlautprotokolls sprach der Geschäftsführer von DuMont Rheinland Philipp Froben bereits Ende Juni in einer Mitarbeiterversammlung, über den geplanten Versuch, durch „die Registrierung mit den Daten der Nutzer Einnahmen zu generieren“. Unmittelbar zuvor soll er das bisherige Paywall-Modell für gescheitert erklärt haben.

Bezahlt man bei DuMont also künftig Nachrichten mit Daten? Vieles spricht dafür. Und da DuMont Rheinland nicht irgendein Ableger des Zeitungshauses, sondern dessen Keimzelle ist, könnte dieses Modell über kurz oder lang auch auf die Konzernstandorte Berlin („Berliner Zeitung“), Halle („Mitteldeutsche Zeitung“) und Hamburg („Hamburger Morgenpost“) übertragen werden.


Im Zweifel haftet der Gebührenzahler

Interessant ist zudem, dass die „Digitale Agenda 2016“ den Auf- und Ausbau diverser digitaler Erlösquellen jenseits der Paywall vorsieht – vom Native Advertising über die Digitalisierung von Anzeigenbeilagen in Tageszeitungen bis hin zur „Positionierung als Full Service Medienhaus“. Auch im E-Commerce will das Kölner Zeitungshaus künftig stärker mitmischen, um „die Abhängigkeit von Anzeigen in den Tageszeitungen“ zu „reduzieren“. Hier ist die Kooperation mit einem Wettbewerber geplant: „Gespräch mit Ippen angebahnt“, heißt es in diesem Zusammenhang auf Seite 23. Die RI Digital Ventures GmbH des Verlegers Dirk Ippen („Münchener Merkur“, „TZ“) ist vor allem in E-Commerce-Start-ups investiert.

Gänzlich auf Bezahlinhalte will DuMont Rheinland aber nicht verzichten. Die E-Paper der rheinischen Blätter entwickeln sich recht gut. Ihre verkaufte Auflage soll von derzeit knapp 12.000 bis Ende des Jahres auf „rund 15.000“ und bis Ende 2017 gar auf „rund 20.000“ Exemplare gesteigert werden. Zudem gibt es Überlegungen für ein so genanntes „Dynamic E-Paper“, eine personalisierte Version der elektronischen Ausgabe. Laut der „Digitalen Agenda 2016“ hat eine Befragung ergeben, dass etwa ein Viertel der Leser von DuMonts Abozeitungen zu einem personalisierten E-Paper greifen würde.

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Erstaunlich wenig Schelte haben die öffentlich-rechtlichen Sender wegen der Kartellvergehen ihrer privatwirtschaftlichen Töchter Studio Hamburg und Bavaria Film einstecken müssen. Vorvergangenen Mittwoch hatte das Bundeskartellamt bekannt gegeben, gegen die Studio-Hamburg-Ableger Studio Berlin Adlershof und Studio Berlin Broadcast sowie gegen die Bavaria Studios & Production Services, die zur Bavaria Film gehört, „wegen der Beteiligung an einem kartellrechtlich unzulässigen Informationsaustausch“ Bußgelder in Höhe von insgesamt 3,1 Millionen Euro verhängt zu haben.

Das mag im Vergleich zu anderen Branchen eine verhältnismäßig geringe Strafzahlung sein. Allerdings ist das Gewerbe der Film- und TV-Produzenten recht volatil. Entsprechend gering fallen, aufs Jahr gerechnet, die Margen aus. So erwirtschaftete die Bavaria Film auf Konzernebene 2015 einen Jahresüberschuss von nur 2,6 Millionen Euro. Bei Studio Hamburg blieben 2014 unterm Strich gar nur gut 73.000 Euro hängen. Zahlen für 2015 haben die Hamburger bisher nicht vorgelegt.

Da ist ein Bußgeld von 3,1 Millionen Euro kein Pappenstiel – zumal wenn man weiß, dass beide Produktionsgesellschaften in jüngster Vergangenheit auch schon Verluste machten. Im Zweifel haften für das Geschäftsgebaren der zwei Firmen – Privatwirtschaft hin oder her – die Sender und damit in letzter Konsequenz der Gebührenzahler. Studio Hamburg gehört dem NDR, die Bavaria Film dem WDR, dem SWR, dem MDR, dem BR und dem Freistaat Bayern.

Quelle:  Handelsblatt Online
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