Medienmacher: Nizza und die Terror-Voyeure

Medienmacher: Nizza und die Terror-Voyeure

, aktualisiert 15. Juli 2016, 15:19 Uhr
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Der Handelsblatt-Medienexperte mit Sitz in Hamburg berichtet in seiner Kolumne über die neuesten Rochaden im Mediengeschäft.

von Kai-Hinrich RennerQuelle:Handelsblatt Online

Wie Journalisten mit Bildern von Anschlägen umgehen sollten. Wann Sport-Clippings teuer werden. Wo zwei Zeitungshäuser überall kooperieren. Und weshalb sich ein Journalistenausbilder diesen Dienstag entschuldigen will.

HamburgAn einem solchen Tag muss diese Kolumne mit dem Kollegen Richard Gutjahr beginnen. Er war während des Anschlags am Donnerstagabend in Nizza. Der Journalist verfolgte das Geschehen zunächst von seinem Hotelbalkon, später von der Straße aus. Er drehte mit seinem Smartphone ein Video, widerstand aber der Versuchung die Bilder live zu streamen. Und nicht nur das: Er schickte das Video zur Bearbeitung an den WDR, der eine nicht zu beanstandende Version davon im „ARD Nachtmagazin“ brachte. Vorbildlicher hätte Gutjahr nicht handeln können.

Die Frage ist, was wir Journalisten, die wir für Printtitel arbeiten, in einer solchen Situation getan hätten: Wir werden von unseren Redaktionen ebenfalls angehalten, mit dem Smartphone Interessantes festzuhalten, das dann zwecks Reichweitensteigerung auf die Portale und/oder Social-Media-Accounts unserer Titel gestellt wird. Das ist in digitalen Zeiten nicht nur legitim, es ist lebensnotwendig - gerade für Medienmarken, die ihren Ursprung in Print haben.

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Nur rechtfertigt der Zweck nicht immer die Mittel. Es verstört schon etwas, wenn man mitbekommt, dass es Kollegen gibt – unter ihnen auch sehr namhafte – die in der Nacht von Donnerstag auf Freitag offenbar nichts Besseres zu tun hatten, als jedes verfügbare Schock-Video und Schock-Foto des Anschlags zu retweeten. Es ist zwar nicht so, dass drastische Bilder grundsätzlich keinen Informationswert hätten. Das Foto des in der Ägäis ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Aylan vom vergangenen September war ein solches Bild. Doch das, was vergangene Nacht auf dem Twitter-Account so manches Journalisten zu sehen war, diente eher der Triebabfuhr von Terror-Voyeuren.

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Wenn ein TV-Kanal wie Sky Sport News sich entscheidet, vom Bezahlfernsehen ins Free-TV zu wechseln, ist das eine kostspielige Angelegenheit. Beim Sportsender der Pay-TV-Plattform Sky gehen die mit dem für Dezember geplanten Wechsel ins frei empfangbare Fernsehen verbundenen technischen Umstellungen sowie die Generierung von Reichweite noch am wenigsten ins Geld. Anders sieht es bei den TV-Rechten für sogenannte Sport-Clippings aus, also für kurze nachrichtliche Filme von Sportereignissen, wie sie auch Sky Sport News zeigt. Erwirbt man solche Clippings für das Pay-TV sind sie durchaus erschwinglich. Im Fall des reichweitenstarken Free-TV sieht das ganz anders aus: Nach Angaben eines Rechte-Experten, der jahrelang mit TV-Rechten an Sport-Clippings gehandelt hat, verteuern sie sich „um den Faktor zwei“, sobald sie für jedermann zugänglich sind.

Dennoch ist es eher unwahrscheinlich, dass Sky Sport News nun seinen Rechte-Etat verdoppeln muss. Wie auch anderswo wird die Sportberichterstattung von Sky vom Fußball und insbesondere von der Bundesliga dominiert. Mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) hat der Pay-TV-Anbieter aber gerade einen neuen Vertrag für die Spielzeiten von 2017/18 bis 2020/21 geschlossen. Seine Kosten für Bundesliga-Fußball erhöhen sich von bisher 486 Millionen auf 876 Millionen Euro. Schwer vorstellbar, dass die DFL einem so guten Kunden bei den vergleichbar unwichtigen TV-Rechten für Sport-Clippings nicht entgegenkommt.

Mit dem Wechsel von Sky Sport News ins Free-TV übernimmt Sky Deutschland die Strategie der Unternehmensschwester Sky UK und Sky Italia, die zu Promotionzwecken schon länger Kanäle im frei empfangbaren Fernsehen betreiben. Zudem ist der Wechsel ein Schritt zurück in die Zukunft: In seinen Anfangstagen verfügte der Pay-TV-Anbieter, damals hieß er noch Premiere hieß, über ein frei empfangbares Programmfenster. Das bekannteste Format, das dort gezeigt wurde, war der Talk „0137“ des im Februar gestorbenen Roger Willemsen.

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Wie ein Temperenzler beim Komasaufen

Vergangene Woche war in dieser Stelle zu lesen, dass die DuMont Mediengruppe („Kölner Stadt-Anzeiger“, „Berliner Zeitung“) das digitale Tool Webfit des Zeitungshaus Madsack („Hannoversche Allgemeine“, „Leipziger Volkszeitung“) übernimmt und für ihre Anzeigen- und Vertriebssysteme auf die cloudbasierte Softwarelösung VI&VA des Wettbewerbers aus Hannover zurückgreift. Die Kooperation der beiden Zeitungsgruppen ist aber keine Einbahnstraße. Bereits seit Ende 2014 sind die Call Center der DuMont-Tochter DuMont Digital Dienstleister von Madsack, das sich aus diesem Geschäftszweig nahezu komplett zurückzog. Zudem hat DuMont Satz sukzessive Aufträge diverser Madsack-Blätter erhalten. Zuletzt ging im Mai der Anzeigensatz der „Kieler Nachrichten“, deren Hauptgesellschafter die Niedersachsen sind, an das in Köln beheimatete Zeitungshaus.

Nach Angaben einer Madsack-Sprecherin ist die Zusammenarbeit mit DuMont „langfristig angelegt“. Sie dementiert jedoch ebenso wie eine DuMont-Kollegin Branchengerüchte, wonach es zwischen der Kooperation beim Satz und den Call Centern auf der einen und bei der Zusammenarbeit in Sachen Webfit und VI&VA auf der anderen Seite einen Zusammenhang gebe.

Bei der Bearbeitung von Call-Center-Aufträgen von eigenen und Madsack-Titeln geht DuMont nun auch der Call-Center-Betreiber Walter Services zur Hand. Dies geschieht offiziell jedoch nicht, weil die Kölner, wie es in Unternehmenskreisen heißt, Probleme mit der Profitabilität des eigenen Call-Center-Geschäfts hätten. Vielmehr stelle Walter Services DuMont Kapazitäten bereit, „um das zur Ferienzeit stark gestiegene Auftrags-Volumen zu verarbeiten und um Abwesenheiten unserer Mitarbeiter (Urlaub/Krankheit) kompensieren zu können“.

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Der vergangene Dienstag war kein guter Tag für Paul-Josef Raue. Der renommierte Journalistenausbilder veröffentlichte beim Branchendienst Kress.de einen Bericht über das diesjährige Jahrestreffen von Netzwerk Recherche. Ziemlich schnell flog auf, dass mit seinem Bericht etwas nicht stimmte. Einige Passagen hatte Raue aus Tweets und Blogs abgeschrieben, die sich auf das Treffen der Journalistenvereinigung vom vergangenen Jahr bezogen. Seine erste Reaktion gegenüber „Übermedien“, dem Blog des Medienjournalisten Stefan Niggemeier, machte die Sache noch schlimmer. Raue räumte seinen Fehler zwar ein. Zugleich gab er in flapsigem Ton zu Protokoll, dass sein Text die Auszüge aus Tweets und Blogs gar „nicht gebraucht“ hätte: „Man braucht keine Bestätigung von anderen für sein eigenes Urteil.“

Nicht nur, dass es bis dahin keine Entschuldigung Raues für seinen Fauxpas gegeben hatte. Er verlor auch kein Wort darüber, dass man als guter Journalist Beobachtungen Dritter generell nicht als eigene ausgibt. Raue schien nicht klar zu sein, dass er sich wie ein Temperenzler verhalten hatte, der beim Komasaufen erwischt wurde.

Mittlerweile ist der Recherche-Experte sich offenbar der Tragweite seiner Fehlleistung bewusst. Die mit einer Entschuldigung verbundene Korrektur von Kress.de, unter der bisher nur der Name von Chefredakteur Bülend Ürük stand, steht nun auch der von Raue. Er will kommenden Dienstag bei Kress.de nicht nur seine „Entschuldigung wiederholen, sondern auch über den Fall nachdenken“.

Quelle:  Handelsblatt Online
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