Medienmacher: Überregionales vom Wettbewerber

Medienmacher: Überregionales vom Wettbewerber

, aktualisiert 02. September 2016, 16:01 Uhr
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Der Handelsblatt-Medienexperte mit Sitz in Hamburg berichtet in seiner Kolumne über die neuesten Rochaden im Mediengeschäft.

von Kai-Hinrich RennerQuelle:Handelsblatt Online

Funke könnte die Blätter der DuMont-Gruppe beliefern. Apple macht eine moderate Preiserhöhung des digitalen „Spiegel“ unmöglich. Und die Gattin von RTL-Nachrichtenmann Peter Kloeppel hilft dem Bonner „General-Anzeiger“.

HamburgIm Mai hat der zur Kölner DuMont Mediengruppe gehörende Berliner Verlag („Berliner Zeitung“, „Berliner Kurier“) ein sogenanntes Redaktionsprojekt aufgesetzt. Es habe das Ziel, „zukunftsfähige Organisationen aufzubauen, die digital getrieben sein werden“, sagt ein Konzernsprecher. Am Donnerstag wurde ein entsprechender Prozess auch am Standort Köln („Kölner Stadt-Anzeiger“, „Express“) gestartet. „Bei regionalen Medienmarken liegt der Fokus naturgemäß im Lokalen, im Regionalen“, fügt der Sprecher hinzu.

Die überregionale Berichterstattung hingegen könnte bei DuMonts deutschen Tageszeitungen demnächst von einem Wettbewerber kommen. Auch dies wird im Rahmen der Redaktionsprojekte geprüft. Wie es ins Unternehmenskreisen heißt, spricht DuMont in diesem Zusammenhang mit der Essener Funke Mediengruppe („WAZ“, „Hamburger Abendblatt“), deren Berliner Zentralredaktion die Belieferung der Blätter des Kölner Zeitungshauses übernehmen könnte. Dazu äußern mag sich der Sprecher aber nicht. Auch Funke lehnt zu diesem Thema jeden Kommentar ab. Durchaus denkbar ist, dass DuMont ebenfalls mit der Hannoverschen Zeitungsgruppe Madsack („HAZ“, „Leipziger Volkszeitung“) spricht, deren Redakionsnetzwerk Deutschland vergleichbare Dienste wie Funkes Zentralredaktion anbietet. Auch von Madsack gibt es dazu keinerlei Stellungnahme.

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Dass DuMont sich nach Lieferanten für überregionale Nachrichten umschaut, ist erstaunlich. Mit seiner Redaktionsgemeinschaft, die mittlerweile als Hauptstadtredaktion firmiert, beliefert die Mediengruppe selbst neben den konzerneigenen Titeln „Berliner Zeitung“, „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Mitteldeutsche Zeitung“ auch die „Frankfurter Rundschau“ sowie den in Bremen erscheinenden „Weserkurier“ mit bundes- und landespolitischen Themen, Meinungsstücken sowie Berichten aus Wirtschaft und Gesellschaft. Diese knapp 20 Mitarbeiter zählende Hauptstadtredaktion steht nach Angaben des DuMont-Sprechers aber „nicht zur Disposition“.

Allerdings werden mehrere überregionale Themengebiete wie das Feuilleton, der überregionale Sport, Wissenschaft sowie Service-Seiten von der einstigen Redaktionsgemeinschaft nicht abgedeckt. Sucht DuMont nur Zulieferungen für diese Themenfelder? Oder könnte nach Auslaufen der Verträge mit der „Frankfurter Rundschau“ und dem „Weserkurier“ für die Hauptstadtredaktion doch noch das letzte Stündlein schlagen

So oder so: Für Funke wie für Madsack wäre die Belieferung einer der größten deutschen Zeitungsgruppen, zu denen DuMont nach wie vor gehört, eine ganz große Sache.

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In der Debatte um die Akzeptanz von digitalen Bezahlinhalten wird Verlagen häufig vorgeworfen, sich zu lange dem Thema Micropayment verschlossen zu haben. In ihrem Bemühen Abonnenten zu gewinnen, hätten sie es viel zu lange versäumt, attraktive Angebote für Artikel und einzelne Ausgaben zu machen, die nur ein paar Cent oder Euro kosten. Da mag was dran sein. Mitunter sind es aber große Internet-Unternehmen, die es den Verlagen schwer machen, faire Preisen für digitale Publikationen zu verlangen.

Diese Erfahrung macht derzeit der „Spiegel“. Das Hamburger Nachrichtenmagazin erhöht seinen Copypreis mit der diesen Samstag erscheinenden Ausgabe von 4,60 auf 4,90 Euro. Die Möglichkeit, den Preis der Digitalausgabe, die im App-Store von Apple, derzeit 3,99 Euro kostet, ebenfalls um 30 Cent zu erhöhen, gibt es aber nicht. Das verhindern die rigiden Richtlinien des Hightech-Konzerns, die Preiserhöhungen für publizistische Angebote nur in Ein-Euro-Schritten vorsehen. Da der „Spiegel“ aber auch bei seiner digitalen Ausgabe nicht auf eine Preiserhöhung verzichten will, kostet diese künftig 4,99 Euro – und damit neun Cent mehr als das gedruckte Heft. Nach Verlagsangaben verkauft das Nachrichtenmagazin in Apples App Store nur 2500 bis 3500 Exemplare. Mehr werden es künftig wohl auch nicht werden.

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Worüber der „Spiegel“-Betriebsrat mit dem Verlag streitet

Bleiben wir beim „Spiegel“: Das Nachrichtenmagazin hatte Ende letzten Jahres bekanntgegeben, 149 Stellen streichen zu wollen. Die meisten davon werden im Zuge von Vorruhestandsregelungen abgebaut. In 30 bis 40 Fällen – „eher 30 als 40“, sagt ein Insider – wird der Verlag aber nicht um betriebsbedingte Kündigungen herumkommen. Um deren Ausgestaltung streiten nun Betriebsrat und Verlag. Inzwischen wurde die Einigungsstelle angerufen, der ursprünglich ein Arbeitsrichter aus Frankfurt vorstehen sollte. Möglicherweise wird nun aber ein anderer Arbeitsrechtler diese Aufgabe übernehmen, da der Frankfurter Jurist Terminschwierigkeiten hatte.

Vor Ende September wird man nicht zusammenkommen. Der Verlag strebt bei den Abfindungen eine branchenübliche Regelung an. Der Betriebsrat will einen Zuschlag, der dem Umstand Rechnung trägt, dass der „Spiegel“ mehrheitlich der Belegschaft gehört, die Betroffenen – unter ihnen sind keine Redakteure – sich also quasi selbst vor die Tür setzen.

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Als einzige deutsche Regionalzeitung leistet sich der Bonner „General-Anzeiger“ eine englischsprachige Ausgabe. Die „GA English“ informiert unter www.general-anzeiger-bonn.de/ga-english/ seit Januar Beschäftigte der in Bonn ansässigen UN-Organisationen, fremdsprachige Mitarbeiter von Deutscher Telekom und Deutscher Post, die ihre Zentralen in der ehemaligen Bundeshauptstadt haben, sowie ausländische Studenten der Universität Bonn. Obwohl das Angebot bisher noch nicht einmal von der Fachpresse wahrgenommen wurde, freut sich Chefredakteur Helge Matthiesen über monatlich „25.000 bis 30.000 Page Impressions“.

Die Idee zu dem Projekt hatte die amerikanische TV-Produzentin Carol Kloeppel, Gattin von „RTL aktuell“-Anchorman Peter Kloeppel. Bis vor kurzem schrieb sie „GA English“ im Alleingang voll. Neuerdings unterstützt sie dabei eine britische Kollegin. Das Angebot finanziert sich durch Werbung. Derzeit spricht Chefredakteur Matthiesen mit einem potenziellen Sponsor, „einem der Großen“, wie er sagt. Generell würden sich durch „GA English“ Türen öffnen, die dem Regionalblatt „General-Anzeiger“ bisher verschlossen waren.

So spreche man mit der „Deutschen Welle“ über eine Kooperation. Aber auch die deutschsprachige Redaktion profitiere von dem englischen Ableger. Die Kontakte zu Mitarbeitern der Bonner UN-Organisationen hätten sich dank „GA English“ deutlich intensiviert. Das sei für die politische Berichterstattung nicht ganz unwichtig. Schließlich sei bisher noch jede UN-Klimakonferenz in Bonn vorbereitet worden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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