Mercedes E-Klasse T-Modell 220d im Handelsblatt-Test: Ein Lastenträger für die Tiefenentspannung

Mercedes E-Klasse T-Modell 220d im Handelsblatt-Test: Ein Lastenträger für die Tiefenentspannung

, aktualisiert 20. April 2017, 06:59 Uhr
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Dabei macht dieser Benz gar nicht auf dicke Hose, sondern kommt in der richtigen Mischung aus elegant und sportlich daher. Dezent genug, um die Nachbarn nicht neidisch zu machen, auffällig genug, um den Kollegen zu zeigen, dass man höher als der Durchschnitt in der Firmenhierarchie positioniert ist.

von Frank G. Heide und Alexander MötheQuelle:Handelsblatt Online

Die Mercedes E-Klasse nimmt ihrem Fahrer einen Großteil lästiger Alltagsaufgaben ab. Sogar Überholen kann man delegieren. Ist das nun ein Traum oder ein Albtraum, sein eigener Co-Pilot zu sein?

DüsseldorfWas bleibt nach zwei Wochen Alltagsfahrtest der stärkste Eindruck von Mercedes' neuem E-Klasse-Kombi? Entspannung pur. Obwohl man ein fast fünf Meter langes und rund 1800 Kilo schweres Schiff durch die City navigiert, bleibt alles easy, alles cool. Eine ganze Armada sensibel eingreifender Assistenten wacht über die obere Mittelklasse samt Passagieren und bis zu 1.820 Liter Zuladung im Heck.

Und diese himmlische Ruhe an Bord. Hier ist wirklich alles so, wie man sich die erste Klasse vorstellt: Ein großzügig bemessener Innenraum, hell und hochwertig, mit guter Kopf- und Kniefreiheit auf wirklich allen Plätzen. Klimazonen, Hot-Stone-Sitzmassage und ein sehr gutes Soundsystem verwöhnen uns, während modernste Elektronik das Verkehrsgeschehen überwacht.

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Die nahezu perfekt vernetzte Maschine nimmt ihrem Fahrer einen Großteil lästiger Alltagsaufgaben ab. Navigation, Vollbremsungen, Mindestabstände, Spur halten, intelligent um die Kurve leuchten, der Benz hat das locker und unaufdringlich im Griff. Fast entkoppelt vom direkten Fahrgefühl gleitet das Raumschiff auf Langstrecke mit traumwandlerischer Sicherheit über meist linke Fahrstreifen, und schluckt dank Luftfederung Bodenwellen wie Kinobesucher warmes Popcorn. Von der klammen Kommune vernachlässigter Schlaglochasphalt ist plötzlich kein Thema mehr. Das T-Modell bügelt einfach sanft drüber weg.

Das gibt dem Fahrer die Chance, sich vor allem in den ersten Testtagen auf die zunächst schwer zu bedienende Unterhaltungselektronik, die ungewohnten Touchpads und die komplexen Einstellungsmöglichkeiten von tausend und einem Extra zu konzentrieren. Mittlerweile machen gleich zwei riesige Displays das Cockpit zum Widescreen-Kino, eine Touch-Funktion gibt es aber immer noch nicht.

In einer Hand das Lenkrad, in der anderen die Betriebsanleitung, so brettern wir an Kleinwagen vorbei, ohne ihnen auch nur ein Härchen zu krümmen. Die Elektronik hält die Spur von alleine, ja sie führt sogar Überholvorgänge auf Wunsch alleine aus, greift immer wieder unmerklich in die Lenkung ein. Im Stau macht der Wagen ohnehin die ganze Arbeit allein. Wir tragen ja schon die Verantwortung, das muss reichen.

Neun Gangstufen sortiert das Getriebe selber, es erledigt die Arbeit im Alltag stets so perfekt, dass der Fahrer sich mit einem Lächeln den Impuls verkneift, von Hand einzugreifen. Wer mehr spüren möchte als pure Entschleunigung, der wählt aus den fünf Fahrmodi einfach Sport, und lässt sich von einer immerhin 400 Newtonmeter starken Drehmomentwoge davontragen.

Meistens verkneifen wir uns aber sogar das und stellen alles auf Komfort. Und manchmal ist man dann auf dem Weg von Düsseldorf über Köln nach Siegen schon hinter Olpe, bevor man merkt, dass man kurz eingenickt ist.

Dieser unendlich bequeme, unendlich unaufgeregte Touren-Schwabe, er stellt Komfort über Leidenschaft. Weil das Gaspedal nicht nach Sport+-Modus ruft, schippert man den Lademeister gemächlich in den heimischen Hafen.

Ein Nebeneffekt: Der tiefenentspannte Pilot hat auch keinen verkrampften Bleifuß, was zu Verbrauchswerten um die fünf Liter führt und die einen nicht murren lassen, denn sie sind für eine Karosse dieser Größe ungewöhnlich gut.


Wer den Blinker setzt, überholt automatisch

Gibt es denn gar nichts zu meckern, an dem vermeintlich perfekten Langstrecken-Laster? Doch, gibt es, aber es sind Kleinigkeiten, und es ist Gemecker auf hohem Niveau. Beispielsweise am Navi. Das passt sich nämlich gerne mal der potenziell auf den Ruhestand zueilenden Zielgruppe an und sagt die richtige Autobahnabfahrt erst dann an, wenn man gerade falsch abgebogen ist.

Eher ein Problemchen als ein echtes Ärgernis ist auch das Überangebot an Knöpfen, Hebeln, Schaltern, drei (!) Touchpads, plus Dreh-Drück-Regler und Spracheingabe. In den ersten Tagen weiß der Fahrer, der nicht auf Mercedes geschult ist, kaum, wie er welche der unzähligen Funktionen und Kontrollen am besten erreicht.

Intuitiv erreicht man hier nur wenig. Aber wir sind ja lernfähig, und diese Zeit zu investieren, das muss man wohl mit einem kleinen Seufzer akzeptieren. Bei kaum einem anderen modernen Fahrzeug kommt man ohne diese Lernphase aus. Last but not least würden wir uns privat in einem Auto, in das Kind, Kegel, und Kantholz verladen werden, keine hellbeige-hellbraune Lederausstattung hineinwählen, denn die verschmutzt schneller als sie „Spurhalteassistent“ buchstabieren können.

Aufgewogen werden diese kleinen Ärgernisse durch viele Annehmlichkeiten, die per Optionsliste in ihrer Zahl dem eigenen Geldbeutel angepasst werden können. Die E-Klasse als 220d, also mit 194 PS starkem Zweiliter-Vierzylinder-Turbodiesel, beginnt bei rund 51.000 Euro, der Betrag lässt sich aber in Windeseile um 10.000 oder 20.000 Euro steigern.

Da der Testwagen nahezu komplett ausgestattet war, freuten wir uns beispielsweise über den „Drive Pilot“. Die Kombination aus adaptivem Tempomaten und aktivem Spurhaltesystem hält zu 210 km/h den korrekten Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug. Und überholt auf Kommando per Blinker setzen.

Weil das T-Modell aber das nützlichste Mitglied der E-Klasse-Familie sein soll, kommen die klassischen Kombi-Attribute auch nicht zu kurz: Hinter der Rücksitzlehne warten 640 Liter Stauvolumen auf Gepäck. Wer die Rückenlehne um zehn Grad steiler stellt (Cargo-Funktion), gewinnt noch mal 30 Liter und hat trotzdem Platz für drei Mitfahrer in Sitzreihe Zwei.

Die Bank selbst lässt sich im Verhältnis 40:20:40 von beiden Seiten des Laderaums aus elektrisch entriegeln. Wer alles flach legt, gewinnt maximal 1.820 Liter Gepäckraum in den bis zu 670 Kilo Zuladung hinein dürfen. Verhüllt wird das Ganze vom bekannten Doppelrollo als Laderaumabdeckung und Sicherheitsnetz, das elektrisch beim Öffnen der Hecktür nach oben fährt.

Ebenfalls elektrisch lässt sich die Heckklappe öffnen und schließen (Easy Pack). Das geht natürlich auch mit einem kleinen Tanzschritt im Sensorbereich der Hecktür, wenn das schlüssellose System (Keyless Go) und der Hands-free Access bestellt wurden. Auch die Anhängekupplung lässt sich so aus- und einfahren. Laderaum-Management mit Bodenschienen, Befestigungselementen, einer Teleskopstange und Gepäckhalter (Easy-pack Fixkit) kann ebenfalls bestellt werden.


Fazit und technische Daten

Keine Frage, wer gegen Audi A6 Avant, BMW 5er Touring und Volvo V90 einen Stich machen will, der muss schon was Besonderes vorfahren. Mercedes gelingt das mit dem T-Modell der E-Klasse auf besonders souveräne Art, weil der Premium-Lademeister so entspannend auf „Understatement“ macht. Stil statt dicke Hose, Design statt dränglerischer Hatz.

Zur stimmigen äußeren Linienführung und dem super-komfortablen, großzügigen Innenraum passt der Zweiliter-Turbodiesel mitsamt perfekt agierender Neungang-Automatik sehr gut. Auch wenn dem Triebwerk der große Sport abgeht. Während das luftgefederte Fahrwerk von allen Alltagslasten unbeeindruckt bleibt, macht der Motor allenfalls im Sport-Plus-Modus einen zu lauten, leicht überforderten Eindruck. Mit 7,7 Sekunden Sprintzeit von Null auf 100 km/h und rund 235 km/h Spitze wird aber kein normaler Mensch in dem rund 1800 Kilo schweren Wagen irgendwas vermissen.

Dem Geschäftsführer wird gefallen, dass sein neuer Dienstkombi ihm freie Hand lässt: Selber das Steuer in die Hand nehmen, oder lieber delegieren und sich während der Fahrt wichtigen Business-Entscheidungen widmen. Entspannt ankommen wird er in beiden Fällen, und anschließend auf dem Firmenparkplatz noch eine gute Figur abgeben. Wenn er den Tanzschritt hinter der Heckklappe beherrscht.

Technische Daten

Mercedes Benz E 220d T-Modell

Motor:Reihenvierzylinder Diesel mit Turboaufladung
Hubraum:1.950 ccm
Max. Leistung:143 kW / 194 PS bei 3.800 U/min
Max. Drehmoment:400 Nm bei 1.600 - 2.800 U/min
Antrieb:Frontantrieb
Getriebe:9-Gang-Automatik

Maße und Gewichte

Länge:4.933 mm
Breite:1.852 mm / 2.065 mm
Höhe:1.475 mm
Radstand:2.939 mm
Wendekreis:11,6 m
Räder/Reifen:7,5 J X 17 ET52 / 225/55 R 17
Leergewicht:1.780 kg
Zuladung:670 kg
Max. Anhängelast gebremst / ungebremst:2.100 kg
Kofferraumvolumen (ohne/mit umgeklappter Rückbank):640 / 1.820 Liter

Fahrdaten

Höchstgeschwindigkeit:235 km/h
Beschleunigung 0 - 100 km/h:7,7 Sek.
Durchschnittsverbrauch kombiniert:4,2 - 4,6 Liter / 100 km
CO2-Emission:109 - 120 g/km
Kraftstoff:Diesel
Schadstoffklasse:Euro6
EffizienzklasseA+
Quelle:  Handelsblatt Online
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