Mercedes S-Klasse Cabrio im Handelsblatt-Test: Mit dem Nackenföhn auf dem Sonnendeck

Mercedes S-Klasse Cabrio im Handelsblatt-Test: Mit dem Nackenföhn auf dem Sonnendeck

, aktualisiert 14. April 2016, 08:47 Uhr
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Freunde einer viersitzigen Freiluft-S-Klasse mussten sich lange gedulden, bevor das automobile Traumschiff wieder mit einem Sonnendeck ausgestattet wurde.

von Markus FasseQuelle:Handelsblatt Online

Wer etwas geschafft hat, und sei es nur, ein ordentliches Erbe anzutreten, der darf nun wieder S-Klasse offen fahren. Luftgefedert, in Leder versunken, von Assistenten umsorgt. Mit dem S-Klasse Cabrio in Cannes.

DüsseldorfDas Jahr 1971 ist kein besonders auffälliges  in der Weltgeschichte. John Lennon besang mit „Imagine“ den Weltfrieden, Erich Honecker übernahm die Macht in der DDR und Mercedes baute zum letzten Mal ein großes Cabrio. Wer heute ein Modell des W111 in der Garage stehen hat, darf sich glücklich schätzen. Gut erhaltene Exemplare des viersitzigen Cabrios werden mit Goldstaub aufgewogen. 45 Jahre später schickt Mercedes wieder ein S-Klasse Cabrio auf die Straße. 

„Open Air-Lounge mit Yacht-Feeling“ versprechen die Schwaben, wenn das Stoffdeck in 20 Sekunden im Kofferraum verschwindet. Ein Manöver, das auch bei Tempo 50 auf der Croisette in Cannes noch funktioniert.

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Den Flaneuren in der Frühlingssonne offenbart sich der Blick auf die edle Leder- und Holzlandschaft im Innenraum, die nicht zufällig an das Interieur der im Hafen sanft schaukelnden Sportboote erinnert. Der S-500 ist nun mal ein Statement: Wer die fünf Meter lange Luxussänfte steuert, der hat sich in seinem Leben zum Kapitän hochgearbeitet.

„Achiever“ heißt die Zielgruppe des Autos im Mercedes-Markentingdeutsch. Wer etwas geschafft hat, oder vielleicht nur ordentlich geerbt hat, der darf offen und luftgefedert fahren. Bordsteine oder verkehrsberuhigende Einbauten schlucken die Luftdämpfer souverän weg.

Die Armlehnen lassen sich beheizen, der Nacken durch die eine im Sitz eingebaute Luftdüse föhnen. Der Sound kommt aus dem 3D Burmester-Sound System, das auch einen Kinosaal beschallen könnte. Mehr Sänfte geht nicht. Ab 139.000 Euro geht es los, der feine Burmester-Sound kostet 6.300 extra.

Wer ein wirkliches „Achiever“ ist, den törnen solche Preise nicht ab. Eher das Image. Das behäbige Gleiten, das satte Cruisen, das hat dann doch etwas Selbstgefälliges. Man hat unwillkürlich den Direktor Haffenloher aus der Fernsehserie Kir Royal vor Augen, den feisten Mario Adorf mit Zigarre im Bademantel.

Dabei will Mercedes doch solche Assoziationen eher vermeiden. Deswegen hat man neben den Achtzylinder in der Grundversion dann auch noch gleich zwei AMG-Varianten gestellt, denen man Behäbigkeit wirklich nicht nachsagen kann.

Der S63-4Matic zieht aus 5,4 Litern Hubraum gleich 585 PS.  Wem das nicht reicht, der greift lieber zu dem S65 mit Zwöfzylindern und 630 PS. Beide Varianten erledigen den Spurt von Null auf hundert in rund vier Sekunden, wie sich beim schwungvollen Anfahren hinter einer Mautstelle eindrucksvoll bestätigen lässt.


Der Souverän der Promenade

Viel Kraft für eine Kundschaft, die soviel Leistung in der Regel gar nicht abrufen kann. Jedes zweite S-Klassen Cabriot will Mercedes in den USA verkaufen, wo bei 65 Meilen in der Stunde die Grenze des Fahrvergnügens gesetzt ist.

Aber die Amerikaner seien weiter heiß auf große Motoren, sagen sie bei Mercedes. Als weitere Hauptmärke werden Europa und der Nahe Osten genannt. In China, dem mittlerweile größten Mercedes Absatzmarkt, wird das Auto gar nicht angeboten. Chinesische „Achiever“ fahren im Smog von Peking und Shanghai lieber in einer geschlossenen S-Klasse, gerne auch in der Maybach-Variante.

Mercedes kann das am Ende egal sein, Hauptsache die S-Klasse bleibt in Summe das meistverkaufte Luxusauto der Welt. Seit der Neueinführung der Limousine im Jahr 2013 ist das Cabrio nach dem Coupe, der Stretchlimousine, dem Maybach und dem Pullmann das sechste Fahrzeug der Familie.

Zwei Jahre nach der Markteinführung verkaufen die Stuttgarter mehr als 100.000 S-Klassen pro Jahr, das Cabrio soll diesen Erfolg nun verstetigen. Dass der Erzrivale BMW mit seinem neu eingeführten 7er bestenfalls 60.000 in diesem Jahr absetzen dürfte, erfüllt die Mercedes-Manager mit tiefer Genugtuung.   

Diese langvermisste Souveränität der Marke Mercedes strahlt das offene Topmodell an der Promenade der Cote DÁzur wieder aus. Hier versteckt man sich nicht, wenn die ersten Frühlingsstrahlen die Luft zwischen Cannes und Nizza wärmt, hier zeigt man seinen Reichtum.

Ein S-Klasse-Cabrio -  erst Recht in der AMG-Version -  muss hier zumindest auf der Straße keinen Vergleich scheuen. Es sei denn, der Frühling treibt echtes Garagengold auf die Promenade.  Ein W111 mit Heckflosse kann einem zwischen Nizza und Cannes immer die Schau stehlen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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