Metro-Chef in der Start-up-Szene: Olaf Koch und der Insekten-Burger

Metro-Chef in der Start-up-Szene: Olaf Koch und der Insekten-Burger

, aktualisiert 25. Februar 2016, 07:50 Uhr
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Der Vorstandsvorsitzende der Metro Group hat vor 20 Jahren ein IT-Unternehmen gegründet: „Das war eine gute Schule für mich.“

von Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

Olaf Koch sucht die Nähe zu Start-ups, schließlich braucht die Metro Innovationen. Der Konzernchef selber war auch einmal Gründer. Regelmäßig lauscht er neuen Geschäftsideen. Ob es bald Insekten-Burger bei Real gibt?

DüsseldorfVor ein paar Tagen noch stand Metro-Chef Olaf Koch auf der Hauptversammlung im Rampenlicht. Nun hat er sich in der Bilker Garage, ein Start-up-Hub in einem düsteren Düsseldorfer Hinterhof, unauffällig unter die Gründerszene gemischt – ohne Krawatte versteht sich. Er nippt an grünem Apfel-Spinat-Kiwi-Saft mit Chia-Samen, eine Kreation des Düsseldorfer Start-ups Wowchia. Die wenigsten der jugendlichen Gründer mögen den Chef von 230.000 Mitarbeitern erkannt haben.

Dabei ist Koch einer von ihnen. Der Konzernchef gründete 1995 – kurz bevor das Internet seinen Durchbruch hatte – ein IT-Unternehmen. „Das waren andere Zeiten damals. Da gab es keine lebendige Start-up-Szene. Da ging man bestenfalls zur IHK, wenn man als Gründer Rat suchte. Aber eigentlich musste man sich selber helfen“, erinnert sich Koch im Gespräch mit dem Handelsblatt. Er selbst habe damals gute, aber auch schmerzliche Erfahrungen gemacht.

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Der Unterschied zu seiner Tätigkeit als Chef eines Großkonzerns? „Als Gründer ist man CEO und Hausmeister in einem. Man macht einfach alles – vom Einkauf über Produktion bis zum Vertrieb“, meint Koch. „Eine eigene Firma zu gründen, war eine gute Schule für mich. Alles ist unmittelbar: die Kundenbeziehung, die Entwicklung und Vermarktung der Produkte, aber eben auch die finanziellen Implikationen“, sagt der Metro-Chef rückblickend. Die Erfahrung im Tech-Sektor sei aber auch deshalb sehr lehrreich gewesen. Denn dort zeichnete sich schon damals ab, wie rapide und dynamisch die Veränderungszyklen werden würden.

20 Jahre später will Koch wieder vom Gründertum profitieren. Der Konzernchef hat keines der acht Start-up-Treffen, die die Metro mitorganisiert, bisher versäumt. „Denn da lerne ich immer spannende Geschäftsideen und interessante Menschen kennen. Jedes Mal habe ich etwas dazugelernt.“

Auch an diesem Abend gibt es Geschäftsideen zum Staunen. Das Start-up Bugfoundation aus Osnabrück etwa stellt den weltweit ersten Burger aus Insekten vor. „Die Welt ist im Moment ziemlich am Arsch“, starten die jungen Gründer locker flockig ihre Präsentation. 2050 wird es neun Milliarden Menschen geben. „Wie sollen wir die ernähren, ohne die Erde zu zerstören?“ Ihre Lösung: Insektenfleisch.


„Massentierhaltung ist für Insekten das Paradies“

Gründer Max Krämer hatte die Idee in Thailand, wo frittierte Insekten eine Delikatesse sind. Er kam auf den Geschmack, schrieb seine Bachelor-Arbeit darüber und gründete mit seinem Schulfreund Baris Özel 2014 die Firma Bugfoundation. Der Vorteil von Insekten-Burgern: Der Patty hat die gleichen Nährwerte wie Rindfleisch. Bei der Herstellung entsteht aber nur ein Hundertstel an Treibhausgasen.

Ein weiteres Argument: „Massentierhaltung ist für Insekten das Paradies. Sie lieben es eng und dunkel.“ Da haben die beiden die Lacher der anderen Gründer und Investoren auf ihrer Seite. Nach einem Jahr in der Versuchsküche kamen im Juli 2015 die ersten Insekten-Burger auf den Markt – bisher allerdings nur in zwei Restaurants in Belgien. Im Rest der Europäischen Union ist Insektenfleisch noch nicht zugelassen – erst ab 2018.

Zur Enttäuschung der Zuhörer haben die Gründer nichts zum Verkosten dabei. Würde Metro-Chef Koch einen Insekten-Burger probieren? „Da gibt es sicher eine Hemmschwelle, Insekten zu essen. Aber so wie das Produkt heute schmackhaft gemacht wurde, würde ich den Bugs-Burger auch mal probieren“, meint Koch. Die Idee, Insekten als Burger zu verarbeiten, hält er für clever. „Und schiebt man einmal die psychologischen Vorbehalte beiseite, ist das eventuell eine sinnvolle und wohl auch nachhaltige Alternative für die Ernährung in der Zukunft.“

Auch ein anderes Start-up will die Ernährung revolutionieren. Der Arzt Gennadi Schechtmann aus Aachen hat mit zwei Freunden ein Bio-Nahrungsmittel aus Obst, Hafer, Nüssen, Algen und Milch in Pulverform entwickelt. Mit Wasser vermischt soll der Food-Shake eine vollwertige Mahlzeit ersetzen. „Die ersten Versuche waren zwar gesund, aber haben ekelhaft geschmeckt“, erzählt Schechtmann von Trinkkost. Nun schmeckt der kaubare Shake nach Erdbeere und Nüssen.

Für Koch liegt die Geschäftsidee durchaus im Trend: „Der Markt für Getränke in Pulverform, die alle wichtigen Nähr- und Mineralstoffe enthalten, wächst in den USA rasant. Auch in Europa steigt die Nachfrage.“ Der Wettbewerb sei zwar stark, aber er könne sich gut vorstellen, dass solche Produkte auch in Deutschland ihren Markt finden.

Wie sich Trinkkost denn finanziere, fragt einer aus dem Publikum. Ungläubige Gesichter, als die Antwort kommt: mit einem Kredit von der Sparkasse. Wer cool sein will, finanziert sich als Gründer heute über Crowdfunding. „Der potenzielle Kunde wird so Teil des Projekts“, sagt Denis Bartelt, Hipsterbart und Hipsterbrille, der Startnext vorstellt. Startnext sei die größte Crowdfunding-Plattform für Projekte und Start-ups im deutschsprachigen Raum. Der Vorteil: „Damit lässt sich schnell erkennen, ob die Geschäftsidee überhaupt eine Nachfrage hat“, so Bartels.

Original Unverpackt etwa, ein Supermarkt ohne Verpackung aus Berlin, habe 100.000 Euro über Startnext eingesammelt. Allerdings sei Deutschland in Sachen Crowdfunding noch ein Entwicklungsland, bedauert Bartels. Hierzulande würden pro Kopf 1,70 Euro im Jahr investiert, in Großbritannien seien es insgesamt rund 30 Euro. Das will Bartels ändern: „Wir sind die digitale Revolution für Gründungsprozesse.“

Die Gründung bereits erfolgreich hinter sich haben Emmas Enkel. Wer online bestellt, kann die Ware direkt in kleinen Läden in der Nachbarschaft abholen oder sich per Elektroauto liefern lassen. Im Online-Shop seien derzeit innovative Produkte diverser Start-ups die Renner, sagt Geschäftsführer Sebastian Diehl. Was bei den Kunden nicht ankomme, werde schnell wieder ausgelistet.


Metro unterstützt Emmas Enkel

Die Metro Group hat sich mit 15 Prozent an Emmas Enkel beteiligt und gibt im Gegenzug Rat und finanzielle Hilfe. „Emmas Enkel bedienen den Nahversorgungsmarkt mit hoher Flexibilität, sind somit eine Ergänzung zu unseren großen Real-Märkten“, sagt Koch. „Die Entwicklung von Emmas Enkel verfolgen wir mit sehr großem Interesse. Der Online-Shop ist zugleich ein Versuchsfeld für innovative Produkte. So haben wir die Hand am Puls der Zeit.“

Ganz bewusst sucht die Metro die Nähe zur Start-up-Szene. Denn der Handelskonzern (Cash & Carry, Media-Saturn, Real) will sich erneuern. Gerade die Kette Real ist laut Koch operativ in einer schwierigen Situation: „Das, was wir bisher erreicht haben, reicht nicht“, sagte er auf der Hauptversammlung. Die Ebitmarge von 1,1 Prozent ist bescheiden. Spannende neue Produkte könnten Abhilfe schaffen.

Der Kunde sei neugierig und an Vielfalt interessiert, betont Koch. „In unseren Real-Hypermärkten haben wir bis zu 80.000 Artikel im Sortiment – mehr als jeder Supermarkt. Diese Stärke müssen wir ausspielen – gerade auch mit innovativen Produkten von Start-ups.“

Der Techstars Metro Accelerator unterstützt zudem digitale Innovationen für Handel und Gastronomie. Elf Start-ups haben bisher teilgenommen. Koch: „Wir helfen, wenn die Geschäftsideen für unsere Kunden, zum Beispiel Restaurants, Vorteile bringen. Das zahlt sich dann mittelbar auch auf unser Geschäft aus.“ Kapital gegen Anteile gebe Metro Gründern jedoch nur, wenn der Konzern einen Mehrwert für die Kunden sehe.

Bei all dem Start-up-Hype bleibt der Metro-Chef nüchtern: „Wenn wir das Gefühl haben, Gründer sind nicht an einer nachhaltigen Lösung und einem soliden Geschäftsmodell, sondern nur am Exit interessiert, brechen wir den Kontakt rasch ab.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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