Michael Arthur zum Brexit: „Es ist Ausdruck einer Unzufriedenheit mit den Eliten“

Michael Arthur zum Brexit: „Es ist Ausdruck einer Unzufriedenheit mit den Eliten“

, aktualisiert 25. Juni 2016, 20:01 Uhr
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David Cameron und seine Ehefrau Samantha nach der Rücktrittsankündigung.

von Torsten Riecke und Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Der frühere britische Botschafter in Deutschland, Michael Arthur, sieht als Grund für den Brexit nicht nur das Unbehagen mit der EU. Es sei auch der Ausdruck einer tiefen Unzufriedenheit mit Eliten und herrschenden Parteien.

Die Tür zum Büro von Michael Arthur steht weit offen. Der Europachef des US-Flugzeugbauers Boeing ist früh in die Zentrale an der feinen Victoria Street geeilt, nachdem Großbritannien überraschend  für seinen Austritt aus der EU gestimmt hat. Doch für das Handelsblatt nimmt sich der 65-Jährige Zeit, um über die Folgen dieser Entscheidung zu sprechen. Arthur redet allerdings nicht als Boeing-Chef, sondern in seiner Funktion als ehemaliger Botschafter in Deutschland und Chairman der deutsch-britischen Königswinter-Konferenzen.

Herr Arthur, wo waren Sie, als Sie die Nachricht ereilte, dass Großbritannien überraschend aus der EU aussteigt?
Ich war zu Hause, habe den Abend mit der Familie verbracht. Ich hatte in den letzten Tagen den Eindruck gewonnen, dass die Remain-Kampagne vorne liegt. So war ich ziemlich überrascht, als ich das Abstimmungsergebnis hörte.

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Wird der 23. Juni 2016 ein Datum sein, dass in die Geschichte Europas eingeht?
Ja, unbedingt!

Wird das Votum Europa verändern?
Ebenfalls Ja! Es ist bedeutender Moment für das Vereinigte Königreich. Was es genau auslösen wird, ist momentan noch nicht klar erkennbar. Aber es wird nicht nur für Großbritannien, sondern auch für die Europäische Union erhebliche Implikationen haben.

War das ein Weckruf oder der Anfang vom Ende für die EU?
Es ist noch zu früh, um das zu beantworten. Es gibt in meinen Augen viele Gründe, warum wir dort gelandet sind, wo wir nun sind. Das Unbehagen mit der Europäischen Union war nur der Aufhänger für diese tiefgreifende Auseinandersetzung in der britischen Politik. Ich glaube, dass die Ursachen für diesen Streit noch deutlich tiefer gehen. Es geht um die Frage, wie wir mit der Globalisierung umgehen wollen, mit Zuwanderung und es ist auch Ausdruck einer grundlegenden Unzufriedenheit mit den Eliten und den herrschenden politischen Parteien. Das Misstrauen, das wir nun sehen, reicht wesentlich tiefer als nur mit der Europäischen Union. Da ist Einiges zusammengekommen.

Was ist nun Ihre größte Sorge? Es gibt nun so viel Instabilität: Welche ist gefährlicher – die politische oder die wirtschaftliche?
Ich bin mir sicher, dass die Unsicherheit an den Finanzmärkten kurzfristig anhalten wird. So etwas ist immer schlecht, sowohl für die Regierungen als auch für die Unternehmen und Volkswirtschaften. Wir werden abwarten müssen, wie lange das andauern wird. Welche politischen Folgen das Votum haben wird, ist noch schwer zu sagen. Keiner kann sagen, wie das künftige Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU aussehen wird. Es wird viel davon abhängen, wer der nächste britische Premierminister werden wird. Denn diese Regierung wird im Detail ausarbeiten müssen, welches Paket sie von der EU haben will – und das wird Zeit kosten.

Wie wird der Brexit-Zeitplan aussehen? Was erwarten Sie?
Ich glaube, es wird etwas Zeit brauchen. Die britische Seite wird nun erst einmal festlegen müssen, welche Beziehungen zur EU sie in Zukunft noch haben möchte – und wie das sichergestellt werden kann. In meinen Augen sollte die Politik nicht vorschnell den Artikel 50 ziehen, bevor sie nicht genau weiß, was sie tun will.

Wie sollte Brüssel reagieren? Würden Sie eine harte Antwort empfehlen?
Ich glaube, es wird sehr davon abhängen, wie Großbritannien sich die Zusammenarbeit in Zukunft vorstellt. Wenn das Land die Möglichkeiten von EU-Ausländern stark beschneidet, dürfte Brüssel eher hart mit ihnen umspringen. Sollte London weiter eine enge Beziehung zu Brüssel suchen, dürften sie deutlich entgegenkommender sein.

Welche Industrien werden aus Ihrer Sicht unter dieser Unsicherheit am meisten leiden?
Nun, ich denke, es ist einfach noch zu früh, um diese Frage zu beantworten. Viel wird davon abhängen, ob Großbritannien ein Mitglied des gemeinsamen europäischen Marktes bleiben wird. Sollte das Land den freien Markt verlassen, wären die Folgen deutlich dramatischer. Ich glaube, darauf können wir noch keine Antwort wissen.


„Die Russen dürften nichts dagegen haben“

Der britische Schatzkanzler George Osborne warnte vor wenigen Wochen vor dem Verlust von bis zu 800.000 Jobs auf der Insel in dem Fall eines Brexits. War das bloß Panikmache?
Nein, sicherlich nicht. Es ist eine detaillierte Studie des britischen Finanzministeriums, der sicher eine aufwändige Analyse zu Grunde liegt. Aber ich kann dazu wenig sagen…

Schottland bringt bereits ein zweites Unabhängigkeits-Votum ins Spiel. Droht das Vereinigte Königreich jetzt auseinanderzubrechen?
Ja, Schottland hat sich sehr stark für einen Verbleib in der EU ausgesprochen. Das wird den Druck auf die schottische Regierung erhöhen, ein zweites Votum zu verlangen. Ich glaube, dass sich die britische Politik in nächster Zeit wieder mit der schottischen Frage beschäftigen muss.

Glauben Sie, der Rückzug von David Cameron war eine richtige Entscheidung?
Das kann ich nicht beurteilen. Aber die entscheidende Frage ist nun wohl auch eher, ob es Neuwahlen geben wird oder ob die Tories einen Nachfolger bestimmen, ohne nochmals die Bevölkerung abstimmen zu lassen.

Sie haben am Freitag bereits mit den USA telefoniert. Wie ist die Reaktion in den Vereinigten Staaten?
Es herrscht große Überraschung. Aber das sieht man ja auch in den Marktreaktionen. Der Pfundkurs hat zeitweise den tiefsten Stand seit 1985 erreicht – das ist auch ein Signal, was Ihnen einiges über die Einschätzung dieser Entscheidung sagt.

Aber hat nicht jeder in Europa Interesse daran, mit Großbritannien weiter Handel zu treiben und wird sich deshalb für möglichst offene Handelsgrenzen einsetzen?
Nun, dass hoffe ich zumindest. Ich hoffe, dass unsere Beziehung zur EU künftig so eng wie möglich ist – auch wenn wir künftig außerhalb der Gemeinschaft sein werden. Die Entscheidung ist jetzt gefallen. Aber wenn beide Seiten sich jetzt stark voneinander abgrenzen, wäre das für beide Seiten schlecht.

Wir leben in unsicheren politischen Zeiten mit Sanktionen gegen Russland und Terrorgefahr. Wie wird der Einfluss der Entscheidung auf die internationale Politik sein?
Die Russen dürften nichts dagegen haben, dass es einen Riss in der Europäischen Union gibt. Strategisch dürfte es Europa nicht helfen, dass die Gemeinschaft nun gespalten ist. Aber das heißt natürlich nicht, dass Großbritannien und der Rest Europas nicht auch in Zukunft zusammenarbeiten wird – nur vielleicht auf einer anderen Grundlage. Denn die Insel verabschiedet sich ja nicht komplett: So wird London auf jeden Fall weiter Mitglied im Verteidigungsbündnis Nato bleiben.

Halten Sie es für vorstellbar, dass Großbritannien in den nächsten fünf Jahren noch einmal über die EU abstimmen wird?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube aber eher nicht. Ein neuer Premierminister wird vermutlich eher aus dem Brexit-Lager kommen. Er dürfte also wenig Interesse daran haben, schon bald wieder über ein zweites Referendum abstimmen zu lassen – bedauerlicherweise aus meiner Sicht.

Herr Arthur, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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