Mittelständler und der Brexit: „Nichts ist schlimmer als die Ungewissheit“

Mittelständler und der Brexit: „Nichts ist schlimmer als die Ungewissheit“

, aktualisiert 20. Juni 2016, 11:33 Uhr
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Der Mord an der pro-europäischen Labour-Abgeordneten hat auch den deutschen Manager Matthias Meyer tief getroffen:

von Martin WocherQuelle:Handelsblatt Online

Der deutsche Maschinenbauer Heller betreibt ein Produktionswerk in England. Der Chef der britischen Tochter wirbt auch in der Kantine für den Verbleib des Landes in der EU. Trotz des Referendums investiert er weiter.

ManchesterEs hat schon etwas von enttäuschter Liebe an sich: „So kenne ich England nicht“, sagt Matthias Meyer. „Als ich vor Jahren hier angefangen habe, wurde ich noch mit offenen Armen empfangen.“ Seit 2003 ist Meyer Geschäftsführer der britischen Tochter des Werkzeugmaschinenbauers Heller aus der Nähe von Stuttgart, mit einer kurzen Unterbrechung. Rund 150 Mitarbeiter arbeiten hier in einem modernen Fabrikgebäude in der grünen Hügellandschaft bei Redditch unweit von Birmingham. Seit 42 Jahren produziert und liefert der schwäbische Mittelständler rund 200 Werkzeugmaschinen pro Jahr für den Weltmarkt. Bislang zur Zufriedenheit aller.

Doch das politische Klima ist in den vergangenen Monaten ein anderes geworden: Der Mord an der pro-europäischen Labour-Abgeordneten Jo Cox am vergangenen Donnerstag hat auch Meyer tief getroffen: „Diese Tat ist wirklich total schockierend, und sie erschüttert mich wie viele hier im Land“, sagte er dem Handelsblatt. „Ich denke, dass es ein isolierter Einzelfall ist, der hier aber alle sehr nachdenklich gestimmt hat.“

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Die hitzigen Diskussionen über den Brexit haben im Land tiefe Spuren hinterlassen, auch bei Meyer. „Das Thema Immigration steht ganz weit vorn und ich sehe das mit großer Besorgnis“, sagte er. Die Sorge vor massiver Einwanderung und die Forderung nach strikter Begrenzung haben viele Briten in das Lager der Brexit-Befürworter getrieben. Die Diskussion ist nach Einschätzung von Meyer dabei völlig aus dem Ruder gelaufen. Die Zuwanderer vor allem aus Osteuropa würden mittlerweile für alles verantwortlich gemacht: Höhere Hauspreise, Ausnutzung der Sozialsysteme, zu wenige Jobs für Einheimische. „Das alles den Migranten in die Schuhe zu schieben, ist doch verrückt“, sagt der Manager.

Die Diskussionen, die er erlebe, seien vielfach unlogisch und zu emotional. Viele Einwanderer in Großbritannien würden nur die Arbeit machen, für die sich viele Briten zu schade seien. „In der Nähe von Birmingham gibt es große Betriebe für den Obst- und Gemüseanbau“, sagt er. „Da sind zur Erntezeit viele Osteuropäer, die auch dank des starken Pfundkurses besser verdienen als in Deutschland“. Auch die Kritik vieler Briten, die Migranten nutzten das Gesundheitssystem NHS aus, kann Meyer nicht nachvollziehen. „Schon heute ist dort jeder fünfte Mitarbeiter ein Ausländer“, sagt er. „Die haben die Qualifikationen, die Briten nicht mitbringen.“

So wird Meyer nicht müde, auch in der Kantine der britischen Tochter oder im Führungskreis für den Verbleib Großbritanniens in der EU zu werben. Dann verweist er darauf, dass es um weit mehr gehe als die Begrenzung der Einwanderung. So kommen bislang pro Woche drei bis vier Lkw-Ladungen aus Deutschland, die das Montagewerk in Redditch mit Komponenten versorgt, die in die Maschinen eingebaut werden.


Die Hoffnung nicht aufgegeben

Dieser Verbund mit dem reibungslosen Austausch von Produkten und Mitarbeitern sei wichtig in beide Richtungen und habe bislang wunderbar funktioniert, sagt Meyer. So werde in Redditch eine komplette Produktfamilie für die gesamte Gruppe gefertigt. Bei einem Austritt des Landes, so Meyers Befürchtung, werde alles viel komplizierter. Nicht abzuschätzende Verzögerungen durch Grenzkontrollen, die den steten Materialzufluss aber auch den Expert der fertigen Maschinen behindern können.

Das Absurde dabei für ihn: „Auch die Brexit-Befürworter sind ja nicht gegen einen gemeinsamen Markt. Dass aber diese Entscheidung Konsequenzen nach sich ziehen wird, will keiner wissen.“ Niemand habe eine konkrete Idee, was danach kommen soll: „Für den Brexit gibt es keinen Fahrplan“, sagt Meyer. „Für ein Unternehmen ist nichts schlimmer als die Ungewissheit, wie es weiter geht.“

Für ihn wäre ein Austritt Großbritanniens ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wenn sich die Briten darauf einlassen sollten, wäre das nicht nur ein Problem für Heller. 2015 war Großbritannien der viertgrößte Absatzmarkt für die deutschen Maschinenbauer mit einem Handelsvolumen von knapp 7,2 Milliarden Euro – nur in die USA, China und Frankreich haben die deutschen Unternehmen mehr verkauft.

Zwar bekommt auch Meyer mit, dass ausländische Unternehmen schon seit Monaten bei Investitionen zögern und sogar laut darüber nachdenken, bei einem Austritt Großbritanniens aus der EU das Land zu verlassen. Heller will dagegen dem Standort Redditch treu bleiben. Rund zwei Millionen Pfund investiert der deutsche Mittelständler derzeit, um seine Kapazitäten in England auszubauen.

Denn so ganz hat Meyer die Hoffnung wenige Tage vor der Entscheidung noch nicht aufgegeben, dass sich die Briten doch noch eines Besseren besinnen könnten. Da sind einmal seine Erfahrungen mit den Meinungsforschern: Schon bei der letzten Parlamentswahl und dem Referendum der Schotten hätten die Institute ziemlich falsch gelegen, sagt er.

Zudem hätten sich viele Menschen noch nicht entschieden. Die meisten von ihnen seien eigentlich keine EU-Gegner, denkt er. Und außerdem: „Die Briten sind ein offenes und herzliches Volk. Dazu passt es eigentlich nicht, einfach vom Tisch aufzustehen und zu verschwinden.“ Da schimmert sie noch durch, die alte Liebe zu Land und Leuten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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