Mittelstand: Der Fluch des niedrigen Zinses

Mittelstand: Der Fluch des niedrigen Zinses

, aktualisiert 25. Oktober 2016, 10:55 Uhr
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Ruhestand: Betriebsrenten sind für viele Arbeitnehmer ein wichtiger Teil der Altersvorsorge.

von Thomas LutherQuelle:Handelsblatt Online

Die Rückstellungen für Betriebsrentenzusagen fallen oft zu gering aus. Hält die EZB an ihrer Niedrigzinspolitik fest, stehen kleine Firmen vor einer Finanzierungslücke – das kann sich auf die Investitionen auswirken.

DüsseldorfViele mittelständische Unternehmen sind auf Mario Draghi schlecht zu sprechen. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) beschert ihnen zwar mit seiner lockeren Geldpolitik auf der einen Seite günstige Finanzierungskonditionen. Doch jeder Tag, den die Renditen am Kapitalmarkt in der Nähe der Nulllinie verharren, bereitet den Firmen, die ihren Mitarbeitern eine Betriebsrente versprochen haben, finanzielle Lasten, unter denen sie zusammenzubrechen drohen.

Denn bei der Berechnung der Betriebsrente sind sie von viel höheren Zinsen ausgegangen, als sie nun erzielen können. Für ihre Rentenzusage haben sie viel zu geringe Rückstellungen in ihrer Bilanz gebildet, die sie nun auffüllen müssen. „Die Pensionsrückstellungen kann man getrost als tickende Zeitbombe in der Bilanz bezeichnen“, sagt Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen.

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Die Niedrigzinspolitik der EZB schlägt voll durch. Insgesamt hat der deutsche Mittelstand nach Angaben des Deutschen Industrie und Handelskammertages (DIHK) seinen Mitarbeitern Pensionszusagen in Höhe von 24 Milliarden Euro gemacht.

„Weil 2014 der Referenzzins parallel zur allgemeinen Zinsrichtung weiter zurückgegangen ist, wurden die Gewinne der Unternehmen durch zusätzliche Rückstellungen allein in 2015 um etwa 580 Millionen Euro geschmälert“, sagt DIHK-Chefvolkswirt Alexander Schumann. „Und bis zum Jahr 2018“, prognostiziert Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen, „ist nach Berechnungen davon auszugehen, dass die Rückstellungen rund 75 Prozent über dem Niveau von 2013 liegen werden.“

Dauert die Niedrigzinsphase an, ergibt sich für kleine und mittlere Unternehmen nach Berechnungen des DIHK eine Deckungslücke von 4,1 Milliarden Euro - Geld, das für andere Dinge wie etwa die Finanzierung von Investitionen fehlt.

Doch fraglich ist, wie viele Firmen überhaupt diesen finanziellen Kraftakt stemmen können. Dabei zehren steigende Pensionsrückstellungen nicht nur an den Gewinnen, sie verschlechtern auch die Qualität der Bilanz.


„Die Politik sollte Schluss machen“

„Dadurch entstehen als Zweitrundeneffekte zusätzliche Belastungen, denn verschlechterte Kennzahlen im Jahresabschluss führen oft auch zu schlechteren Finanzierungskonditionen“, heißt es in einer Analyse von Allianz Global Investors. Anders ausgedrückt: Hohe Pensionslasten drücken das Rating und verteuern damit neue Kredite.

Das Absurde daran: Das deutsche Steuerrecht blendet die Realität niedriger Zinsen einfach aus. „Die Rückstellungen werden steuerlich wie eh und je mit einem Zinssatz von sechs Prozent abgezinst“, sagt DIHK-Experte Schumann und fordert: „Die Politik sollte sofort Schluss machen mit der Besteuerung von Phantomgewinnen.“

Doch bis die Politik auf das Problem reagiert, bleibt betroffenen Unternehmen nur die Möglichkeit, den Gürtel finanziell enger zu schnallen. „Die Unternehmen sollten frei werdende liquide Mittel sofort dazu verwenden, eine zusätzliche Kapitaldeckung zum Beispiel mit Wertpapieren aufzubauen, die für nichts anderes verwendet wird - auch wenn das gerade bei familiengeführten Unternehmen die Kapitalausstattung auf Dauer belastet“, rät Dieter Truxius, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung zur Mitwirkung an der Entwicklung des Bilanzrechts für Familiengesellschaften (VMEBF).

Und Stefan Oecking, Partner von Mercer Deutschland, empfiehlt Firmen, sich zu überlegen, ob sie einen Teil ihrer Pensionsverpflichtungen auslagern und dabei ihre Bilanzpolitik auf den Prüfstand stellen wollen: „Alle mittelbaren Zusagen müssen nicht unbedingt bilanziert werden - hier reicht in der Regel eine Angabe im Anhang aus.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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