Mobbing am Arbeitsplatz: Und plötzlich verhalten sich alle Kollegen anders

Mobbing am Arbeitsplatz: Und plötzlich verhalten sich alle Kollegen anders

, aktualisiert 17. November 2016, 07:36 Uhr
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Wer merkt, dass die Kollegen schlecht über ihn reden, sollte laut Karriereexpertin Leitner auf Konfrontationskurs gehen.

von Lisa OenningQuelle:Handelsblatt Online

Die Grenzen zwischen kollegialem Tratsch und systematischem Mobbing sind fließend. Die Täter suchen ihre Opfer oft gezielt aus. Wie Sie merken, dass Sie zur Zielscheibe der Kollegen werden und was Sie tun können.

DüsseldorfDer Kollege ist das Instrument des systematischen Mobbers. „Ist dir aufgefallen, dass der Neue immer so nach Pfefferminz riecht?“, fragt er einen anderen Angestellten. „Meinst du, der hat vielleicht ein Alkoholproblem?“ Noch bevor dieser darauf antworten kann, relativiert der Mobber seine Aussage. „Das war nur so eine Überlegung. Erzähl' bitte niemandem davon.“

Doch solche scheinbar harmlosen, beiläufigen Bemerkungen können große Auswirkungen haben: „Nach solch einem Gespräch passiert es oft, dass der instrumentalisierte Mitarbeiter sich unterbewusst anders gegenüber dem Kollegen verhält“, weiß Karriereexpertin und Psychotherapeutin Madeleine Leitner, die seit mehr als 20 Jahren mit Mobbing-Opfern zu tun hat.

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Die Konsequenz: Der langjährige Angestellte fühlt sich unwohl in der Gegenwart des Neuen. Er weicht ihm unbewusst von heute auf morgen aus oder ist kurz angebunden, wenn dieser das Gespräch sucht. Plötzlich verhalten sich andere Kollegen ähnlich. Der Mitarbeiter wird zunehmend zum Außenseiter.

Die Grenzen zwischen kollegialem Tratsch und systematischem Mobbing sind laut Leitner fließend. Aus juristischer Perspektive müssen mehrere Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein, damit man von Mobbing spricht. „Es muss eine Täter-Opfer-Konstellation vorliegen und das Verhalten muss sich über einen längeren Zeitraum kontinuierlich fortsetzen.

Zudem muss es systematisch und zielgerichtet sein und auf die Verletzung des Persönlichkeitsrechts oder der Gesundheit des Betroffenen abzielen“, sagt André Kasten, Arbeitsrechtler bei der Kanzlei Abeln. Der Kollege muss also das klare Ziel vor Augen haben, den Mitarbeiter aus dem Unternehmen zu drängen. Liegen aber mehrere Monate zwischen den Attacken, halten sie nur über wenige Wochen an oder intrigieren mehrere Kollegen unabhängig voneinander gegen die Person, handelt es sich juristisch meist nicht um Mobbing.

Auch Experten vom Deutschen Gewerkschaftsbund erkennen hinter dem Mobbing in vielen Fällen ein Muster: Zu Beginn steht meist ein ungelöster Konflikt im Raum. Die Mitarbeiter schließen sich gegen den Kollegen zusammen und weisen ihm die Schuld zu, greifen ihn sogar persönlich an. Mit der Zeit werden die Antisympathien immer größer, sodass der Konflikt laut Gewerkschaftsbund in den Hintergrund gerät. Viele Vorgesetzte würden die Situation dem Gewerkschaftsbund zufolge verkennen – und drohen mit Versetzung, Abmahnung oder Kündigung. „Viele Mobbingfälle enden mit dem Verlust des Arbeitsplatzes, manchmal sogar mit dem Ausscheiden aus der Arbeitswelt“, schreibt die IG Metall in einem Mobbing-Ratgeber. Oft seien psychosomatische Krankheiten oder langfristige Krankschreibungen die Folge, manchmal auch eine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit.

Betroffene merken aus Sicht von Karriereexpertin Leitner oftmals als Letzte, dass sie zur Zielscheibe der Kollegen mutiert sind. Ihr Selbstwertgefühl ist angekratzt, sie gehen ungern zur Arbeit – liegen nachts wach, weil ihre Gedanken 24 Stunden um die Arbeit kreisen. Sie werden krank.

Die Krankenversicherungsagentur Pronova BKK hat im März mehr als 1.600 Deutsche zu ihren alltäglichen Arbeitsbelastungen befragt. Mehr als jeder Fünfte gab an, dass ihn Mobbing am Arbeitsplatz belastet – sei es durch den Chef oder die Kollegen. Am weitesten verbreitet ist Mobbing laut Leitner im öffentlichen Dienst und großen Konzernen. „In diesen Unternehmen sind Macht und Geld das Motiv für Mobbing“, sagt die Expertin.


Mobber wählen Opfer gezielt aus

Die Mobber sehen es in den meisten Fällen auf einen bestimmten Typen Mitarbeiter ab. Denn: „In der Persönlichkeit des Menschen gibt es zwei Merkmale, die für Mobbing prädestiniert sind“, sagt Leitner. Erstes Merkmal: Die potenziellen Mobbingopfer sind anders – sie sind schöner, dicker, schlauer oder schicker gekleidet.

Zweites Merkmal: Sie sind irritierbar. Wenn der Mobber beispielsweise behauptet, der Kollege sei Schuld an dem Scheitern eines Projektes, nagt das an dessen Selbstwertgefühl. Er zieht sich den Schuh an – und sucht die Schuld bei sich anstatt das Verhalten des anderen zu hinterfragen. „Mobber testen, ob sie ihre Opfer verunsichern können“, sagt Leitner.

Vor allem neue Mitarbeiter sollten ihrer Meinung nach deshalb davor gefeit sein, dass sich selbst hinter einer scheinbar harmlosen Äußerungen wie „Du bist ja heute blass“ die Absicht verbirgt, das Selbstwertgefühl abzuwerten. „Die traurige Realität ist, das Gutmütige und Naive aus unserer heutigen Arbeitswelt leider meist schnell als Verlierer hervorgehen.“

Wer in solch einer Situation versucht, sich mit dem Kollegen gutzustellen, hat verloren. Er sollte stattdessen die Konfrontation suchen. Leitners Devise: Je früher der Mitarbeiter Lästereien bemerkt und dagegen vorgeht, desto wahrscheinlicher ist es, dass die anderen ihn doch noch respektieren.

Doch wenn die fiesen Spielchen solch eine Eigendynamik entwickelt haben, dass es den Mitarbeiter psychisch belastet, hilft nach Ansicht von Leitner auch das Gespräch nicht mehr. Der Gang zum Personaler sei nur dann sinnvoll, wenn das Unternehmen sensibilisiert ist für Mobbing – und das Opfer wirklich Gehör findet.

Und ein Mobbingtagebuch eigne sich nur für einen arbeitsgerichtlichen Prozess – von dem Leitner ebenfalls abrät. „Die Chancen vor Gericht zu gewinnen, sind relativ gering. Und selbst wenn der Prozess erfolgreich ausgeht, sind Zeit, Energie und womöglich auch der Ruf verloren“, sagt die Karriereexpertin.

Ob der Mitarbeiter das Unternehmen verlassen sollte, hängt laut Leitner von seinen individuellen Alternativen ab: Wenn der Betroffene beispielsweise über 50 Jahre alt ist, im öffentlichen Dienst tätig, könnte er theoretisch frühzeitig in den Vorruhestand gehen. Ein junger Informatiker, der erst kurz im Betrieb ist, könnte wegen der guten Jobaussichten womöglich problemlos kündigen und woanders neu anfangen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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