Mönch und Vermögensverwalter: Renditejagd mit Gottes Segen

Mönch und Vermögensverwalter: Renditejagd mit Gottes Segen

, aktualisiert 10. November 2017, 08:15 Uhr
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„Geld soll den Menschen dienen, und gerade in der Schule brauchen wir Geld.“

von Christian SchnellQuelle:Handelsblatt Online

Benediktiner-Pater Anselm Grün ist nicht nur ein erfolgreicher Buchautor, er bevorzugt auch "kreative Geldanlagen" - und entscheidet nach Bauchgefühl. Erscheint ihm ein Investment attraktiv, überlegt er nicht zu lange.

Bad WörishofenDer Kursaal in Bad Wörishofen ist an diesem Abend Ende Oktober bis auf den letzten Platz gefüllt. Bis zu 28 Euro haben die gut 900 Besucher für eine Eintrittskarte gezahlt. Sie erwarten einen 72-jährigen Mann mit schwarzer Kutte, langen Haaren und Bart. „Wie wir leben - Wie wir leben könnten: der neue Vortrag von Anselm Grün“, steht im Foyer auf den Plakaten. Der Pater selbst hat in der Stunde vor dem Auftritt noch Zeit für ein Interview bei Cappuccino und Apfelstrudel. „Mein Abendessen“, wie er sagt.

Rund 20 Millionen Bücher hat Pater Anselm Grün in den vergangenen Jahrzehnten verkauft. So viel schaffen selbst die bekanntesten Namen unter den deutschen Schriftstellern nicht. Er könnte also mehrfacher Millionär sein, besitzt selbst aber gar kein Geld. Geht er auf Reisen wie an diesem Tag, dann lässt er sich 150 Euro aus der Klosterkasse zum Tanken auszahlen.

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Was indes keinesfalls bedeutet, dass er keine Ahnung von Geld hätte. 36 Jahre war Anselm Grün Cellerar seines Heimatklosters Münsterschwarzach zwischen Würzburg und Nürnberg. So werden Geldverwalter unter Seinesgleichen genannt. Vor vier Jahren hat er die Verantwortung an seinen Nachfolger abgegeben, berät aber immer noch.

„Nur den Aktienanteil in den Depots manage ich immer noch selbst“, sagt er heute mit dem ihm typischen Understatement. Dass der Aktienanteil dort aber bei 70 Prozent liegt, erzählt er erst auf Nachfrage. Grün ist immer noch der aktive Fondsmanager. Auch wenn er sich nie als solchen bezeichnen würde. Investiert er doch höchstens eine Viertelstunde pro Tag in seine Börsengeschäfte. „Nur am Freitag sind es 20 Minuten, da kommt der Börsenbrief.“

Das sagt viel über den Anleger Anselm Grün. Die Millionen, die er mit seinen Büchern und den rund 200 Vorträgen pro Jahr einnimmt, fließen in das Kloster. Und Grün legt sie seit Jahrzehnten so an, wie man es aus Expertensicht besser nicht machen sollte. Er spekuliert auf Kredit, nimmt schon mal Fremdwährungsdarlehen auf, kauft Mittelstandsanleihen und Griechenland-Bonds. Schlaflose Nächte habe er dabei nie gehabt. „Ich habe, Gott sei Dank, nie so einseitig spekuliert, dass alles ins Wanken gekommen ist“, bleibt Grün gelassen. Man müsse halt streuen. Zumindest hier beherzt er die herkömmlichen Börsenweisheiten.

Ansonsten ist er bei dem, was Banken und Vermögensverwalter ihm raten, eher skeptisch. Grün geht beim Thema Geldanlage auch nach seinem Bauchgefühl. Wenn ihm ein Investment attraktiv erscheint, dann überlegt er nicht zu lange. Mit rund zehn Instituten arbeitet das Kloster zusammen. Gerade gab es erst wieder einen Wechsel in der Vermögensverwaltung. „Nicht zufriedenstellend“ sei bisher die Arbeit gewesen, drückt es Grün vorsichtig aus. Deswegen probiere er jetzt wieder andere Institute aus.


Grün hat Gewinne mitgenommen

Denn Grün hat hohe Renditeerwartungen. „Zwei Prozent sind mir wirklich zu wenig“, schüttelt er den Kopf über das, was manche Fondsmanager als gute Performance loben. Fünf bis sieben Prozent sind es, wenn er selbst die Depots verwaltet. „In diesem Jahr sind es aber mehr“, grinst er. Ohne sich natürlich zu sehr in die Karten blicken zu lassen.

Geld, auf das das Kloster dringend angewiesen ist. Handelt es sich dort doch um einen mittelständischen Wirtschaftsbetrieb mit 300 Mitarbeitern in 20 Bereichen. Dazu kommt das angrenzende Gymnasium mit seinen 900 Schülern. Die Abtei finanziert sich über Grüns Bücher und Vorträge und durch die Arbeit seiner Mitbrüder. Das gilt aber nur für den Lebensunterhalt, die Investitionen und der Zuschuss für die Schule werden durch Grüns Geldgeschäfte verdient. 200.000 bis 400.000 Euro steuert er so jedes Jahr bei.

Im Moment ist es eher das obere Ende, die Schule wird renoviert. Da kann man sich Misserfolge bei der Geldanlage nicht leisten. Mehr als 80 Prozent der Umbaukosten kommen zwar über öffentliche Zuschüsse, der Rest muss aber von den Mönchen erwirtschaftet werden. Da hilft es, dass die Aktienkurse zuletzt stark gestiegen sind und der Dax die Marke von 13.000 Punkten genommen hat. Grün hat also Gewinne mitgenommen.

Aber nicht nur, um damit das Lernumfeld der Gymnasiasten zu verbessern, sondern auch, um Kredite zurückzuzahlen, die er einst zu Spekulationszwecken aufgenommen hatte. Er habe Schulden gemacht, um das Geld dann besser anzulegen, drückt es Grün aus. „Geld soll den Menschen dienen, und gerade in der Schule brauchen wir Geld.“ Seinem Nachfolger seien aber die Kredite, die er zum Spekulieren aufgenommen habe, zu hoch gewesen, lässt Grün durchblicken. Deswegen würde jetzt ein Teil davon getilgt.

Deutlich konservativer wird es in den Depots in Münsterschwarzach deswegen künftig trotzdem nicht zugehen. Lediglich das verwaltete Vermögen ist etwas weniger geworden. Mezzanine-Darlehen, also die Mischform aus Eigen- und Fremdkapital in Form von Genussrechten und Optionen, hat er vor geraumer Zeit als Anlageklasse entdeckt. „Die sind ganz lukrativ“, grinst er ein weiteres Mal verschmitzt. Außerdem wurden ihm 90 Hektar Feld und 200 Hektar Wald angeboten, die er für das Kloster dann gekauft habe. Natürlich nicht, um damit zu spekulieren. Auch wenn die Preise für diese Flächen im vergangenen Jahr deutlich angezogen haben. Holz sei für die Zukunft des Klosters wichtig. „Wir haben eine Hackschnitzelheizung und gewinnen sehr viel Energie aus regenerativen Quellen.“ Ein weiteres Mal betont er, dass er eben gerne in unterschiedliche Anlageklassen streue.

72 Jahre ist Pater Anselm in der Zwischenzeit. Als er zum Abschluss auf seine Zukunftspläne angesprochen wird, muss er nicht lange überlegen. „Keine“, lautet die kurze Antwort. Konkrete Pläne hegt er auch nicht, welche Bücher er noch schreiben muss. Das entwickle sich. „Ich achte da eher auf den Augenblick.“ Allerdings stets zum Wohle des Klosters und des Gymnasiums.

Quelle:  Handelsblatt Online
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