Muss Arbeit sinnvoll sein?: Warum Sie für Ihren Job nicht brennen müssen

Muss Arbeit sinnvoll sein?: Warum Sie für Ihren Job nicht brennen müssen

, aktualisiert 18. Juni 2017, 11:15 Uhr
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Oft gilt das Mantra: Wenn deine Arbeit dein Herz nicht von ganzem Herz erfüllt, wenn sie nicht dein Selbst ist, ist etwas nicht in Ordnung.

von Thorsten GierschQuelle:Handelsblatt Online

Laut Umfragen sind die meisten Deutschen in ihrem Job unglücklich. Doch warum? Bestsellerautor Volker Kitz zerlegt die gängige Hybris und warnt vor überzogener Erwartungshaltung.

DüsseldorfNiemand liebt seine Arbeit hierzulande mehr als Hochschullehrer. Sie stehen in einer Umfrage des Instituts für Wirtschaftsforschung ganz oben. Am unzufriedensten mit ihren Jobs sind Lagerarbeiter. Das klingt zunächst einmal nicht irrsinnig überraschend. Doch spannend ist der Blick auf die Durchschnittsnoten: Auf einer Skala von null bis zehn gaben sich die Uni-Profs im Schnitt eine 7,7; die Lagerarbeiter sortierten sich selbst bei 6,7 ein. Ein einziger Punkt nur trennt die Zufriedensten von den Unzufriedensten.
So schlimm kann es also gar nicht bestellt sein. Scheinbar ist der Deutsche mit seinem Beruf im Großen und Ganzen zufrieden. Doch es gibt auch ganz andere Umfrage-Ergebnisse: So ergibt der „Gallup Engagement Index“, dass sich nur 15 Prozent der Beschäftigten mit ihrem Job identifizieren. Und es gibt zig weitere solcher Studien, die belegen, dass etwas nicht stimmt mit den Deutschen und ihrer Sicht auf die Arbeit. Oft gilt das Mantra: Wenn deine Arbeit dein Herz nicht von ganzem Herz erfüllt, wenn sie nicht dein Selbst ist, ist etwas nicht in Ordnung.

Eine semantische Feinheit erklärt, was mit uns los ist: Fast jedes Wort wirkt als Verb ähnlich wie als Substantiv. Liebe und lieben lösen in Tests positive Gefühle aus, Mord und morden negative. Es gibt nur sehr wenige Ausnahmen. Eine ist Arbeit und arbeiten. Arbeit haben ist schön, zu arbeiten hingegen löst ungute Gefühle aus. Der Bestsellerautor Volker Kitz kommt in seinem aktuellen Buch „Feier-Abend!“ zu einem eindeutigen Befund: „Nicht die Arbeit macht Menschen unglücklich, sondern die Lügen, die wir uns darüber erzählen.“ Welche Lügen das sind, führt der beliebte Redner auf knapp 100 Seiten sehr lesenswert aus.

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Zu unseren Dysfunktionalitäten gehöre, dass man im Job einfach nur seiner Leidenschaft folgen solle. Kitz zieht einen einfachen Vergleich mit der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“. An Leidenschaft mangelt es den wenigsten Kandidaten. Wohl aber am Können, weswegen vielen Spott sicher ist. Leidenschaft störe mehr, als sie nutzt. Und deswegen operieren Ärzte ungern Angehörige.

Gute Arbeit erfordere Nüchternheit und gesunde Empathie: „Um in einen fremden Kopf zu schlüpfen, brauche ich Distanz zu mir und meiner Arbeit. Leidenschaft ist das Gegenteil davon“, schreibt Kitz. Je mehr man seine Arbeit liebe, umso mehr werde sie zum Selbstzweck. Und wer seine Arbeit liebt, der sucht seltener nach Möglichkeiten, dasselbe Ergebnis schneller hinzubekommen – sprich effizienter zu agieren. Wer sich dessen bewusst wird, ist auch nicht mehr traurig, wenn er seinen „Traumjob“ noch nicht gefunden hat.

Eine weitere Lebenslüge rund ums Arbeiten ist, dass der Job stets neue Herausforderungen bereithalten möge. Wer fliegt schon gern bei einem Piloten mit, der beim Start ins Mikro spricht, dass dieser Flug für ihn eine grandiose Herausforderung ist – vom Arzt mal ganz zu schweigen. Die Tätigkeiten, der wir tag-täglich nachgehen, seien nun mal Routine und das ist auch gut so. Schließlich liebt unser Gehirn klare Abläufe.


Jeder Mensch ist ersetzbar

Kitz formuliert es überspitzt: „Es gibt nur zwei Arten von Tätigkeiten: Die einen sind langweilig, die anderen werden es.“ Überqualifizierung, also mehr zu wissen als nötig, sei der Normallfall und durchaus segensreich. Natürlich kann man aber auch mit Routineaufgaben Stress bekommen – man braucht nur genug davon. Überforderung ergebe sich in der Regel aus der Quantität, nicht aus der Qualität der Aufgaben. Unterforderung sei laut Kitz aber durchaus das größere Problem, nur spricht hierüber niemand gern.

Gestaltung, Sinn, Selbstverwirklichung: Kitz seziert diese „wuchtigen Worte“ gekonnt. Heute fordern immer mehr Menschen „Gestaltungsspielraum“ bei ihrer Arbeit ein. Kitz urteilt, dass wir das Wort „gestalten“ hier uminterpretieren und seinen Bezug verschieben: „Wir meinen mit gestalten nicht mehr, dass wir etwas erschaffen, sondern dass wir unsere eigenen Vorstellungen umsetzen. Es geht uns nicht um die Arbeit, sondern um uns selbst.“ Diese unrealistische Phantasie, dass wir alles selbst entscheiden wollen, kann nur enttäuscht werden.

Ebenso überhöhen wir in den Augen des Autors das Thema Sinn: „Es gibt keinen Beruf, in dem ein einzelner Mensch die Welt verändern kann.“ Ähnliches gilt für die Selbstverwirklichung im Job: Dass die Arbeit einem Leben Sinn einhaucht – das zu versprechen ist nicht weniger unfair als es zu erwarten.“

Polemisch-ehrlich hält uns Kitz den Spiegel vor beim Thema Wichtignehmen. Hier geht es um das zutiefst menschliche Bedürfnis, bedeutend zu sein. Und immer stärker wollen wir uns das im Job erfüllen statt im Privaten: „In Wahrheit wollen wir erreichbar sein. Wollen, dass es am Sonntagmorgen auf uns ankommt.“

Dabei sei die simple Wahrheit des Arbeitslebens: Jede Tätigkeit ist wichtig. Bloß wer sie erledigt ist egal. Jeder Mensch sei ersetzbar. Als besonders verzichtbar gelten die, die Dienst nach Vorschrift machen. Allein die Formulierung hat sich längst als negativ etabliert. „Es ist an der Zeit, den geächteten Dienst nach Vorschrift zu rehabilitieren“, schreibt Kitz. Er will die Qualität von Arbeit nicht daran gemessen sehen, wie engagiert sie erledigt wird, sondern wie gut. Wer seinen Job nicht zuverlässig, effizient und in der vorgesehen Zeit erledigt, soll kein „trostloses Geschöpf“ sein.
Schließlich stört viele an ihrem Job, dass die Menschen dort keine angenehme Gesellschaft sind. Natürlich sollen alle Kollegen phantastische Teamplayer sein, dynamisch, eloquent und so weiter. Aber logischerweise liegt jeder zweite unterm Durchschnitt. Kitz formuliert seinen Ratschlag so: „Mit Menschen zurechtzukommen, edlen wie elenden, ist unsere Lebensaufgabe.“ Und die ist im Beruf genauso zu bewältigen wie im Privatleben.

Bibliografie

Volker Kitz

Feier-Abend!

S. Fischer Verlag, 94 Seiten

Quelle:  Handelsblatt Online
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