Musterdepots: Börsenweisheit auf dem Prüfstand

Musterdepots: Börsenweisheit auf dem Prüfstand

, aktualisiert 27. April 2016, 18:42 Uhr
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Georgios Kokologiannis

Quelle:Handelsblatt Online

Das Thema Saisonalität am Aktienmarkt wird derzeit wieder stark diskutiert. Macht es Sinn, ab Mai bis zum Spätsommer einen Bogen um Dividendenpapiere zu machen – so wie es eine der bekanntesten Anlegerweisheiten behauptet?

DüsseldorfIm vergangenen Jahr jedenfalls waren Dax-Anleger gut beraten, die sich nicht an die Börsenregel 'Sell in May and go Away' hielten - sondern sogar schon einen Monat früher ihr Aktienengagements zurückgefahren hatten. Trotz aller damaligen Durchhalteparolen der Berufsoptimisten schalteten deutsche Bluechip-Aktien nach dem ersten Börsenquartal auf Talfahrt. Rund 3.000 Punkte oder ein Viertel seiner Marktkapitalisierung büßte der Dax im Anschluss bis September ein, nachdem er am 10. April 2015 sein Allzeithoch bei 12.391 Zählern markierte.

Wer sich an die oft belächelte Börsenregel hielt, der konnte sein Portfolio aber zumindest vor einem großen Teil der insgesamt aufgelaufenen Verluste schützen, bevor im September eine Erholung einsetzte. Auch dieses Jahr spricht vieles dafür, dass ungemütliche Sommermonate bevorstehen.

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Neben dem Dauerthema der geldpolitischen Straffung in den USA zählen zu den größten Gefahren ein erneutes Auflodern der griechischen Schuldenkrise und der mögliche Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union nach der „Brexit“-Abstimmung im Juni.

Dennoch werde ich die Positionen des Musterdepots kurzfristig nicht verringern – sondern höchstens um noch einige Komponenten ergänzen, die Marktschwankungen abfedern. Denn wegen des hohen Anteils an Wertpapieren, die sich asymmetrisch zu Dax & Co. entwickeln, verfügt das Portfolio derzeit über ein attraktives Risikoprofil.

Es lässt sich wie folgt skizzieren: Brechen die Börsenkurse in den kommenden Monaten ausgehend vom aktuellen Stand weiter ein, partizipiert das Portfolio zu rund 75 Prozent an diesen Verlusten. Legen die Notierungen dagegen um bis zu etwa einem Zehntel zu, liegt die Beteiligung daran deutlich höher - bei mehr als 170 Prozent. Dafür ist der Maximalgewinn aber begrenzt.


Kauffreudige Deutsche

Der Binnenkonsum bleibt die tragende Säule der Konjunktur in Deutschland. Die jüngste Umfrage des Gfk-Forschungsinstituts zeigt, dass die Konsumlaune der Deutschen nach wie vor sehr gut ist. Der Konsumklimaindex für den Mai ist überraschend gestiegen, während die Volkswirte eher mit einer Stagnation gerechnet haben.  

Die Konsumfreude der Bürger ist vor allem auf den guten Zustand des Arbeitsmarktes, gestiegene Reallöhne und nicht zuletzt auf das Nullzinsumfeld, bei dem sich das klassische Sparen immer weniger lohnt, zurückzuführen. Die Verbraucher signalisieren verstärkt die Bereitschaft auch größere Ausgaben zu machen und schauen mit Zuversicht in die Zukunft.

Ein robuster Binnenmarkt ist zusammen mit den rapide gewachsenen Staatsausgaben infolge der Flüchtlingsströme faktisch eine Rettung für die Wirtschaftsdynamik in Deutschland. Denn das traditionell starke Exportgeschäft schwächelt aufgrund der zurückgegangenen Nachfrage aus den Schwellenländern. Die meisten Volkswirte gehen davon aus, dass die unterstützende Wirkung des Binnenmarktes in den nächsten Quartalen intakt bleibt.   


Ölkonzerne könnten positiv überraschen

Für einen Aktieninvestor ist der Start in das Jahr 2016 gründlich ins Wasser gefallen. Bis weit in den Februar hinein gingen die globalen Aktienmärkte bis auf wenige Ausnahmen auf Tauchstation. Schlechte Wirtschaftsdaten und der anhaltende Verfall des Ölpreises ließen die Befürchtung aufkommen, dass die Weltwirtschaft auf eine neue Rezession zusteuern könnte. In den vergangenen Wochen konnten die Aktienmärkte ihre zuvor erlittenen Verluste zumindest teilweise wieder wettmachen. Die Kurserholung ist in erster Linie darauf zurückzuführen, dass sich viele Konjunkturdaten und die Rohstoffpreise zuletzt stabilisiert haben. Positive Signale gab es in jüngster Zeit insbesondere von einigen Frühindikatoren, wie beispielsweise von den globalen Einkaufsmanagerindizes. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Verfassung der Weltwirtschaft im 1. Quartal 2016 ihren Tiefpunkt erreicht haben könnte, schätzen wir aufgrund dieser Entwicklungen als vergleichsweise hoch ein.

Jedoch gilt auch hier die alte Binsenweisheit, dass ein einzelner Monat noch nicht unbedingt einen neuen Trend definiert. Von daher kommt den nächsten Daten, die Anfang Mai veröffentlicht werden, eine besondere Bedeutung zu, um die Frage beantworten zu können, ob der untere Wendepunkt beim globalen Konjunkturzyklus erreicht ist. Ob sich die Erholung an den internationalen Aktienmärkten fortsetzt, wird in den nächsten Wochen vor allem vom Verlauf der US-Berichtssaison abhängen. Die Unternehmensanalysten haben ihre Gewinnprognosen für fast alle Sektoren bis zuletzt weiter reduziert. Für den S&P 500 wird für das erste Quartal mittlerweile ein Gewinnrückgang fast neun Prozent gegenüber dem Vorjahr prognostiziert. Allerdings haben wir im Moment den Eindruck, dass sowohl die Verbesserung des makroökonomischen Umfelds, wie es in den jüngst besseren Frühindikatoren zum Ausdruck kommt, als auch die höheren Rohstoffpreise noch nicht in den Schätzungen der Mikroanalysten berücksichtigt wurden.

Während sich der Ölpreis seit Mitte Februar um mehr als 50 Prozent erholt hat, wurden die Gewinnprognosen Woche für Woche weiter nach unten revidiert. Von daher halten wir es für sehr wahrscheinlich, dass viele Ölunternehmen die Ertragserwartungen übertreffen werden. Auch der US-Dollar gehört zu den Faktoren, der bei den US-Unternehmen zu einem geringeren Gegenwind, vielleicht sogar zu Rückenwind bei den zukünftigen Ergebnissen führen kann. Alles in allem bewerten wir das globale Aktienumfeld deutlich konstruktiver als noch vor ein paar Wochen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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