Musterdepots: Deutsche Anleger sind besser als ihr Ruf

Musterdepots: Deutsche Anleger sind besser als ihr Ruf

, aktualisiert 09. Mai 2016, 18:52 Uhr
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Georgios Kokologiannis

Quelle:Handelsblatt Online

Die Deutschen sind Aktienmuffel und überlassen selbst heimische Bluechip-Aktien lieber ausländischen Anlegern. Handelsblatt-Redakteur Georgios Kokologiannis kennt diesen Dauervorwurf - und hält ihn für substanzlos.

Es ist ein Börsenthema, das hierzulande regelmäßig als Aufreger dient: Die meisten Aktien der bedeutendsten deutschen börsengelisteten Unternehmen sind seit Jahren fest in ausländischer Hand – und daran scheint sich auch nichts zu ändern. Laut einer zum Wochenstart veröffentlichten Erhebung der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young) hielten Investoren aus dem Ausland zuletzt über 55 Prozent der Abteile an den dreißig Titeln aus dem deutschen Leitindex Dax.

Das nehmen Kritiker immer wieder gerne zum Anlass, um sich über den vermeintlich einfältigen deutschen Anleger zu echauffieren: Statt sich selbst mit Hilfe von Aktienengagements am Geschäftserfolg von Daimler, Beiersdorf und Co. zu beteiligen, überlasse dieser die heimischen Renditebringer nichtsahnend ausländischen Investoren. Doch dieser Dauervorwurf der Besserwisser entpuppt sich bei tiefergehender Betrachtung als substanzloses Gefasel. Vor allem aus drei Gründen.

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Erstens: Selbstverständlich ist der Anteil internationaler Investoren an den größten heimischen Global-Playern höher als die Summe der Beteiligungen, die in den Depots hierzulande liegt. Schließlich gibt es weltweit insgesamt auch wesentlich mehr nicht-deutsche Investoren als Bundesbürger, die auf der Suche nach Rendite sind – und dabei einen (relativ betrachtet nur geringen) Teil ihres Vermögens auch in Dax-Werte stecken. Zur Orientierung: Nur rund sechs Prozent aller potenziellen Investoren aus den Industrieländern leben in Deutschland. Gemessen daran ist die deutsche Beteiligungsquote an den eigenen Standardaktien sogar weit überproportional.

Zweitens: Es ist das Gegenteil von irrational, wenn Aktien-Anleger möglichst breit gestreut – auch über die eigenen Landesgrenzen hinweg - investieren, statt aus emotionalen Gründen bevorzugt nur auf bekannte heimische Dividendentitel zu setzen. Konkret: Wenn sich die Deutschen bei der geographischen Diversifikation ihrer Aktien-Portfolios zum Beispiel an der Zusammensetzung des Weltleitindex MSCI World orientieren, dann dürfen heimische Titel nur rund 3,3 Prozent des Gesamtbestandes ausmachen.

Drittens: Fast zwei Drittel der Aktien im Dax liegen laut der EY-Studie bei institutionellen Anlegern. Dazu zählen nicht nur Banken, Versicherer und Pensionsfonds, sondern auch große Investmentfonds. Allen voran der US-Vermögensverwalter Blackrock, der mit seiner Marke iShares weltgrößter Anbieter von Indexfonds ist (Exchange Trades Funds, ETF). Erwirbt ein deutscher Anleger nun Anteile an einem Dax-ETF von iShares, dann wird das zur Verfügung gestellte Geld in den Börsenstatistiken offiziell als Ausländer-Investment verbucht – liegt doch der Geschäftssitz der Wall-Street-Firma nicht in Deutschland, sondern in Manhattan.


Zahlen zum US-Arbeitsmarkt sind schwierig zu interpretieren

Wenn es in den vergangenen Jahren eine Konstante bei den Wirtschaftsdaten gab, die so gut wie nie negativ enttäuscht hat, dann war das der US-Arbeitsmarkt. Die US-Beschäftigung stieg mehr oder weniger linear an – mit dem Ergebnis, dass auch der US-Konsum seit der Krise 2008/2009 eine positive Entwicklung nahm.

Dies wiederum war und ist eine zentrale Stütze für das Wirtschaftswachstum, zumal die US-Exporte im Gegensatz zum Konsum eher eine schwache Tendenz aufweisen. Daher wurden heute mit Spannung die Arbeitsmarktdaten für den Monat April erwartet, auch weil die US-Notenbank ihre Geldpolitik stark an die Entwicklung des US-Arbeitsmarktes gekoppelt hat.

Leider hat der US-Arbeitsmarkt im April leicht an Fahrt verloren. Der Haken an dieser Statistik liegt allerdings darin, dass es sich hierbei nur um eine Stichprobe bei einigen Unternehmen handelt, denn eine Vollerhebung wie in Deutschland ist den Amerikanern fremd, was unter anderem mit einer anders konzipierten Sozialversicherung zu tun hat.

Dementsprechend ist die Fehlerquote vergleichsweise hoch, so dass in den USA neben der Stichprobe bei Unternehmen – quasi als Plausibilitätskontrolle – auch bei Haushalten eine stichprobenartige Befragung vorgenommen wird. Das Ergebnis dieser Befragung ist mit einem Rückgang von 316.000 Personen allerdings besonders schlecht ausgefallen, auch wenn der Vormonat hier nach oben korrigiert wurde. Ein konsistent positives Bild lässt sich daraus aber nicht ableiten, zumal auch die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung leicht gestiegen sind.

Aber auch diese Aussage muss relativiert werden, denn der Anstieg erfolgte von einem niedrigen Niveau, wie es seit Jahrzehnten nicht mehr beobachtet werden konnte. So kann jeder die Zahlen so interpretieren, wie es ihm gefällt, und auch der Aktienmarkt tut sich schwer mit der Einordnung dieser Daten.

Während der Aktienmarkt im Moment der Veröffentlichung zunächst nachgab, konnte er danach die Verluste wieder kompensieren. Diese Reaktion ist auch schlüssig, denn ein etwas schwächerer Arbeitsmarkt mag für sich genommen eine schlechte Nachricht sein, doch sie kann eben auch dazu beitragen, dass die US-Notenbank im Juni keine Zinserhöhung vornimmt.


Freundliche Konjunktur in Deutschland, Japan schwächelt weiter

Am Montag haben einige positive Konjunkturnachrichten den Markt erreicht und für positive Börsenentwicklungen gesorgt. So konnte die deutsche Industrie im März überraschend viele Neuaufträge verzeichnen. Vor allem die Nachfrage aus dem Ausland legte kräftig zu. Die Investitionsaufträge aus dem Inland sind dagegen erneut geschrumpft. Im Vergleich zum Februar sind die Bestellungen insgesamt um 1,9 Prozent gestiegen, während die Volkswirte im Durchschnitt mit einem Wachstum von 0,7 gerechnet haben.

Die guten Märzzahlen sind für ein freundliches Quartalsergebnis von großer Bedeutung. Die genauen Quartalsdaten liegen noch nicht vor, die Volkswirte gehen jedoch mehrheitlich davon aus, dass der Zuwachs im März das Quartalsergebnis gerade retten sollte.     

In Japan sind die Reallöhne im März um 1,4 Prozent zum Vorjahr gestiegen. Dies war das stärkste Wachstum seit September 2010. Es bleibt allerdings fraglich, ob das gestiegene Realeinkommen unmittelbar zu erhöhten Konsumausgaben führen wird.

Und dies braucht die japanische Wirtschaft bitter nötig. Seit Jahren befindet sich das Land trotz massiver geldpolitischer Unterstützungsmaßnahmen in einer Wachstumsklemme.

Aktuell gibt es zwar einige Anzeichen für eine Belebung bei den Unternehmensinvestitionsausgaben und den Exporten, der private Konsum stagniert jedoch. Eine stabile Wachstumsrate bei der drittgrößten Volkswirtschaft wäre eine kräftige Unterstützung für das globale Wirtschaftswachstum.

Hinweise zu den ausführlichen Berichten über die Musterdepots gibt es bei Twitter unter dem Konto: @kokologiannis

Die Beiträge stellen keine Anlageberatung dar, insbesondere geben sie keine Empfehlung zum Kauf der genannten Wertpapiere. Sie sollen einen Anreiz zum Nachdenken und zur Diskussion über Marktentwicklungen und Anlagestrategien geben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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