Musterdepots: Zwickmühle Zinswende

Musterdepots: Zwickmühle Zinswende

, aktualisiert 06. März 2016, 16:51 Uhr
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Georgios Kokologiannis

Quelle:Handelsblatt Online

Dass Mario Draghi früher oder später die Zügel weiter lockern wird, gilt als ausgemachte Sache. Anders die Lage in den USA. Dort befindet sich die Fed in einem Dilemma, das an die Zeiten vor der Zinswende erinnert.

Maßgeblich beeinflussen werden die Entwicklung an den Anlagemärkten bis Mitte dieses Monats Notenbankentscheidungen in Europa und den USA. Doch während aus den Reihen der Europäischen Zentralbank zunehmend eine weitere geldpolitische Lockerung auf der nächsten Ratssitzung am 10. März signalisiert wird, ist die Lage in Übersee weniger klar.

Auch nach den jüngsten Konjunkturdaten aus der größten Volkswirtschaft der Welt steckt die US-Notenbank Fed weiter in der Zwickmühle. Die am Freitag veröffentlichten extrem positiven Jobzahlen bestätigen erneut, dass die Fed ihr Ziel Vollbeschäftigung de facto erreicht hat. Das spricht also dafür, dass die Währungshüter den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik eigentlich beschleunigen und die Leitzinsen weiter anheben müssten.

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Hintergrund: Der US-Arbeitsmarkt boomt inzwischen noch stärker als von Experten prognostiziert worden ist. Die Zahl der neuen Stellen stieg im Februar um 242.000. Ökonomen hatten lediglich mit 190.000 gerechnet. Zugleich wurde der Vormonatswert um 21.000 auf 172.000 Stellen nach oben revidiert. Die Arbeitslosigkeit liegt bei nur 4,9 Prozent.

Doch der wirtschaftliche Aufschwung hat auch seine Kehrseiten: Die Aussicht auf eine zukünftig weniger expansive Geldpolitik hat dem Dollar bereits deutlich erstarken lassen. Langfristig droht das den Konjunkturboom wieder vorzeitig abzuwürgen, weil sich der Verkauf von US-Produkten im Ausland verteuert. Schon jetzt leiden die Ausführen unübersehbar: So haben die US-Exporteure im Januar so wenig verkauft wie zuletzt im November 2010. Die Exporte rutschten um mehr als drei Prozent ab auf rund 117 Milliarden Dollar.

Sollten die Fed auf ihrem nächsten Ratstreffen Mitte März die Leizinsen erhöhen und den Dollar damit weiter stärken, würde das den Abwärtstrend bei den Verkäufen der US-Unternehmen noch verschärfen. Ich gehen daher davon aus, dass sich bis dahin am Markt die Meinung durchsetzen wird, dass eine „richtige“ Leitzinswende in diesem Jahr nicht mehr vollzogen wird. Auf absehbare Zeit dürfte es bei der eher symbolischen Leitzinsanhebung vom vergangenen Dezember bleiben.


Ein schwacher Monat

Die wichtigsten Aktienindizes der Industrieländer haben den Börsenmonat Februar 2016 negativ abgeschlossen. Vor allem in der ersten Monatshälfte setzte sich der negative Januar-Trend vor, danach hat jedoch eine kleine Erholung stattgefunden. Während der DAX und der Euro Stoxx 50 Index jeweils rund drei Prozent verloren haben, hat der japanische NIKKEI 225 in Originalwährung einen herben Rückgang von etwa 8,5 Prozent verzeichnet.

Der US-amerikanische S&P 500 Index hat den Februar mit einer leicht negativen Kursentwicklung von minus 0,4 Prozent abgeschlossen. Der eindeutige Profiteur der Berichtsperiode war das Gold. Der Preis für das Edelmetall schoss um fast elf Prozent in die Höhe.

Dies wirkte sich neben anderen Faktoren sehr positiv auf die Kursentwicklung der Minenbetreiber aus. Unsere Anglo American Position, die seit Depotaufnahme bisher tief im Minus liegt, verzeichnete im Februar in Euro gerechnet einen Kurssprung von fast 70 Prozent.  Zu den anderen Spitzenreitern des Monats gehörten Voestalpine (+10,2 Prozent), UPM Kymmene (+4,7 Prozent) und Baloise (+3,3 Prozent). Insgesamt konnte acht von 14 Titeln aus dem Aktienkernportfolio den Monat positiv abschließen. Die zwei größten Verlierer waren Telecom Italia (–12 Prozent) und EDP (–11,2 Prozent). Von drei Ziel-wikifolios erreichte Sebastian Reese mit seinem „SR wisdom capital spekulativ“-wikifolio die beste Monatsperformance von etwa 3,5 Prozent.


Der Kern selbst ist Kern des Problems

Die Inflationsrate in der Eurozone ist im Februar kräftig gefallen. Im Jahresvergleich liegt sie aktuell bei minus 0,2 Prozent, die erste negative Rate seit vergangenem September. Im Januar hatte die Inflationsrate im Jahresvergleich noch bei 0,3 Prozent gelegen. Die ungewöhnlich schwache Teuerungsrate setzt die EZB, die für ihr übergeordnetes Ziel der Preisstabilität eine Inflationsrate von knapp zwei Prozent anstrebt, zunehmend unter Druck. Problematisch ist vor allem, dass nicht nur die Gesamtinflationsrate gesunken ist, sondern auch die Kerninflationsrate, die die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Lebensmittel ausklammert.

Die Kernrate ist im Jahresvergleich von 1,0 Prozent auf 0,7 Prozent gefallen und der zugrundeliegende Index fiel auf den tiefsten Wert seit März 2015, dem Auftaktmonat des umstrittenen Anleiheaufkaufprogramms der EZB. Ein Jahr und gut 700 Milliarden Euro später muss sich die EZB daher fragen, inwieweit ihr QE-Programm bisher Früchte getragen hat.

Zwar ist die Kreditvergabe der Banken innerhalb dieses Jahres leicht angestiegen, allerdings ist diese Entwicklung nicht in allen Euroländern zu verzeichnen und bei weitem nicht ausreichend. Wir gehen daher davon aus, dass sich beim Zinsentscheid der EZB am 10. März die Diskussion vor allem um die Frage drehen dürfte, inwieweit und nicht ob die Geldpolitik noch expansiver gestaltet werden kann. Allerdings ist die Erwartung einer noch expansiveren Ausrichtung der Geldpolitik mittlerweile fast schon Konsens; viele Analysten gehen davon aus, dass die EZB das monatliche Volumen ihrer Anleihekäufe ausweiten und den Einlagen-zins erneut senken wird. Dies birgt großes Enttäuschungspotential, das analog zum Dezember erneute Marktturbulenzen zur Folge haben kann.

Die Beiträge stellen keine Anlageberatung dar, insbesondere geben sie keine Empfehlung zum Kauf der genannten Wertpapiere. Sie sollen einen Anreiz zum Nachdenken und zur Diskussion über Marktentwicklungen und Anlagestrategien geben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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