Die Max-Weber-These: Der preußische Geist des Gehorsams

PremiumDie Max-Weber-These: Der preußische Geist des Gehorsams

25. Mai 2017
von Dieter Schnaas

Max Weber hat nicht den Reformatoren die Entdeckung des Kapitalismus zugeordnet. Im ging es um etwas anderes.

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martin Luther: Ein glühender Arbeitsfanatiker.

Die Reformatoren haben den Kapitalismus erfunden – dieser Unsinn ist bis heute in Umlauf, seit der Soziologe Max Weber 1904/5 den Berufsfleiß der Calvinisten zum „protestantischen Geist“ der modernen Wirtschaftsform erklärt hat. Dabei wies der französische Historiker Fernand Braudel in seinen großen Studien zur Wirtschaftsgeschichte bereits 1979 darauf hin, dass das reformierte Nordeuropa lediglich „die Rolle übernommen“ habe, „die vorher auf brillante Weise von den alten kapitalistischen Zentren des Mittelmeers ausgeübt wurde“. Der Norden habe nichts entdeckt, nicht Amerika, nicht das Kap der Guten Hoffnung, nicht die neuen Weltwirtschaftsrouten. Und der Norden habe auch nichts erfunden: „Wechsel, Banken, Handelsgesellschaften, Aktienhandel, verzinste Darlehen – all diese Instrumente und Gepflogenheiten waren bereits bekannt.“

Max Weber selbst ist kein Vorwurf zu machen. Er hat einen großen, tragischen Text im Décadence-Stil seiner Zeit geschrieben, eine Verfallsgeschichte der rationalen Moderne, einen Abgesang auf die „entzauberte Welt“. Die Nüchternheit, Disziplin und Askese der Puritaner habe eine Welt des Systemzwangs hervorgebracht, in der das „Triebwerk“ des Kapitalismus „Fachmenschen ohne Geist“ produziere. Die Lektüre ist auch heute noch ein Leseabenteuer.

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