Nach dem Brexit: Britische Autobauer geben sich gelassen

Nach dem Brexit: Britische Autobauer geben sich gelassen

, aktualisiert 25. Juni 2016, 19:27 Uhr
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Der Brexit droht britische Autobauer auszubremsen, doch die geben sich entspannt.

von Lukas BayQuelle:Handelsblatt Online

Die britische Autoindustrie verfällt nach dem Brexit-Votum nicht in Panik. Doch manche Branchenexperten sind weniger entspannt. Sie erwarten einen schleichenden Abschied internationaler Autohersteller von der Insel.

BristolDas rote Schild ist mittlerweile Kult und hängt überall in Großbritannien und das nicht erst, seit der Brexit beschlossene Sache ist. Mit den Worten „Keep calm and carry on“ – „Ruhig bleiben und weitermachen“, mit diesen Worten warb die Königin im Zweiten Weltkrieg um Ruhe bei der aufgeschreckten Bevölkerung. Es könnte auch das Motto der Autobauer sein, die auf der Insel produzieren.

In ihren ersten Reaktionen auf das Brexit-Votum üben sich der Hersteller in auffälliger Gelassenheit. Der britische Opel-Zwilling Vauxhall nimmt inhaltlich keine Stellung zur Entscheidung. In einem offiziellen Statement betont die GM-Tochter nur, dass man sich wünsche, dass „Verhandlungen über die zukünftige Beziehung des Vereinigten Königreichs zur EU zeitnah abgeschlossen werden“.

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Auch bei Ford ändert der Brexit das Geschäft nicht. „Wir haben unsere bestehenden Investitionspläne nicht geändert und werden dies auch nicht tun, solange kein klarer Handlungsbedarf besteht“, teilt die Europazentrale in Köln mit. Jaguar Land Rover, britische Tochter des indischen Konzernriesen Tata Motors, erklärt sogar, am Freitag sei für das Unternehmen „Business as usual“ angesagt. Man bekenne sich trotz des Ausgangs des Referendums zu allen Werken und Niederlassungen in Großbritannien. Ist der Brexit also tatsächlich problemlos zu verkraften? Nicht ganz, sagt Autoprofessor Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management der FHDW Bergisch-Gladbach.

In einer Kurzstudie hat er untersucht, wie die britische Autoindustrie mittlerweile mit Kontinentaleuropa verwoben ist. Sein Fazit: „Der Brexit wird merkliche negative Auswirkungen auf die Automobilindustrie haben, die im Einzelnen noch gar nicht abschließend bewertet werden können.“

Betroffen seien vor allem Hersteller mit einer großen Produktion auf der Insel. Denn als Drittland werde Großbritannien zumindest am Anfang viele Nachteile im Handel mit der EU zu verkraften haben. „Die Aushandlung von Kooperationsverträgen wird Jahre dauern. Und das Ergebnis ist aus heutigem Stand völlig offen“, sagt Bratzel. Insgesamt sei mit einem Kostenanstieg zu rechnen, was das Land als Produktionsstandort unattraktiver mache.

Gerade die Konzerne, die derzeit besonders bemüht sind, sich gelassen zu geben, dürften am Ende am stärksten betroffen sein, schreibt Bratzel. Vor allem die japanischen Hersteller haben stark in Großbritannien investiert. Nissan baut hier insgesamt rund 488.000 Fahrzeuge, Toyota kommt auf etwa 190.000 Wagen. Doch gerade die Japaner sind es gewohnt, mit Ausnahmesituationen auf den Weltmärkten umzugehen und scheuen sich in der Regel auch nicht, ihre Produktion im Zweifelsfall zu verlegen. „Mittel- und langfristig ist auch mit Standortverlagerungen von der Insel in die EU zu rechnen“, sagt Bratzel deswegen. Es sei mit einem schleichenden Abschied der Autoindustrie von der Insel zu rechnen.


Erst 2020 hat sich der Markt wieder erholt

Bei BMW will man diese Einschätzung noch nicht teilen. Die Münchner sind mit ihren Marken Mini und Rolls-Royce tief verankert auf der Insel. „Die Konsequenzen dieser Entscheidung sind heute noch nicht absehbar“, teilte der Konzern am Freitag mit. „Klar ist, dass nun eine Phase der Unsicherheit beginnt“.

Es gibt allerdings auch Autoexperten, die derzeit vor übertriebener Panikmache warnen. „Zwar wird der englische Automarkt in den nächsten Jahren durch schockbedingte Nachfragerückgänge mit Einbußen rechnen müssen, aber das ist ein kurz- und mittelfristiges Phänomen“, sagt Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer. Mittel- und langfristig profitiere der Autostandort England durch eine längerfristige Abwertung des Pfund.

Tatsächlich könnte der rasant fallende Pfundkurs den Produzenten auf der Insel entgegenkommen und so am Ende den sinkenden Absatz auf dem Heimatmarkt überkompensieren. Importfahrzeuge würden in diesem Szenario allerdings teurer.

Doch selbst wenn der Absatz auf der Insel deutlich sinke, argumentiert Dudenhöffer, sei der Rückgang im weltweiten Vergleich für die Hersteller zu verkraften, da er durch das Wachstum in anderen Weltregionen aufgefangen werde. Ohnehin rechne man damit, dass der Absatz von Neuwagen auf der Insel mit 2,45 Millionen Fahrzeugen nicht besonders groß ausfalle. Die kurzfristigen Absatzrückgänge seien daher kein Problem. „Ab 2018 hat sich die Lage nach unserer Einschätzung wieder gefangen und der englische Automarkt erholt sich“, schreibt Dudenhöffer. „Um das Jahr 2020 wird er sein früheres Niveau wieder erreichen“, schreibt Dudenhöffer. Sollte diese Prognose aufgehen, würde das auch die Gelassenheit der Hersteller erklären.

Quelle:  Handelsblatt Online
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