Nach dem Brexit-Entscheid: Schotten wollen neuen Anlauf für die Unabhängigkeit

Nach dem Brexit-Entscheid: Schotten wollen neuen Anlauf für die Unabhängigkeit

, aktualisiert 06. Juli 2016, 04:16 Uhr
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Eine Frau zündet sich eine Zigarette an: Die Schottische Stadt Motherwell gehört zu einem Wahlkreis, in dem sich 62 Prozent für den Verbleib in der EU ausgesprochen haben.

Quelle:Handelsblatt Online

Nicht Teil der EU zu sein, das können sich viele Schotten schwer vorstellen. Auch in Schottland kämpfen Städte mit dem Niedergang ihrer Industrie, aber sie zogen andere Schlüsse als ihre Nachbarn in England und Wales.

MotherwellKühltürme und Kokskohle, Hochöfen und Stahlarbeiter: Das war Motherwell vor dem Ende der Stahlproduktion. Heute ist das einstige „Steelopolis“ nur eine weitere heruntergekommene Arbeiterstadt in Schottland, die ihren Platz sucht in einer Dienstleistungsgesellschaft. Läge Motherwell südlich der Grenze, dann hätten hier wohl viele wie in England und Wales für den Brexit gestimmt. Stattdessen sprach sich eine klare Mehrheit für den Verbleib in der EU aus.

Zu denen, die ihr Kreuz in der Wahlkabine bei „Remain“ gemacht haben, gehört Robert Butcher. Sein Vater verlor seinen Job, als 1992 das Stahlwerk Ravenscraig geschlossen wurde. In einer vergleichbaren Lage haben sich Wähler in England und Wales für den Brexit ausgesprochen, aber Butcher sieht nicht ein, wie das den verfallenden einstigen Industriestädten helfen soll.

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„Großbritannien ist einfach nicht mehr das, was es einmal war“, sagt der 52 Jahre alte Schlosser, als er vor einem verlassenen Haus in der Nähe des ehemaligen Stahlwerks sein Auto repariert. „So einfach ist das.“

Beim EU-Referendum in der vergangenen Woche wandten sich alle 32 Verwaltungsbezirke in Schottland und Nordirland gegen ihre Nachbarn aus dem Süden und stimmten für „Remain“, für den Verbleib in der EU.

„Ich denke, das hat viel mit der schottischen Unabhängigkeitsbewegung zu tun“, sagt Tasmina Ahmed-Sheikh, eine von 54 Abgeordneten der Schottischen Nationalpartei (SNP) im britischen Parlament. Die Partei stellt in Schottland die Regierung und führte die Bemühungen für eine schottische Unabhängigkeit an. Ein entsprechendes Referendum scheiterte jedoch 2014. „Es ist einfach unvorstellbar, dass Schottland nicht Teil der EU sein soll“, erklärt Ahmed-Sheikh. „Menschen im ganzen Land glauben, dass sie morgen aufwachen und alles nur ein böser Traum war.“

Nach Bekanntwerden des Brexit-Ergebnisse hatte die SNP-Vorsitzende und Regierungschefin Schottlands, Nicola Sturgeon, die Möglichkeit eines neuen Unabhängigkeitsreferendums ins Spiel. Es sei unfair, dass Schottland gegen seinen Willen nur wegen der vielen englischen Stimmen aus der EU gedrängt werde, sagte sie zur Begründung.

In Edinburgh stimmten 74 Prozent der Wahlberechtigten für einen Verbleib in der EU - der höchste Wert in Schottland. Der Gesamtsieg für das „Leave“-Lager scheint nun die Gräben zwischen England und Schottland zu vertiefen. Viele Schotten sind aber einfach nur schockiert angesichts des Abstimmungsergebnisses und seiner möglichen Konsequenzen.

„An dem Tag, als das Ergebnis feststand, war ich auf dem Weg zu einer Landwirtschaftsausstellung in Edinburgh“, erzählt Lindsay Wright, die gerade ihren Abschluss in Veterinärmedizin machte. „Dort herrschte Bestürzung und alle haben sich gefragt 'Wir wird das unsere Existenz beeinflussen?'“

Die Schotten hätten wahrscheinlich anders als die Engländer und Waliser abgestimmt, weil sie im Zuge des Unabhängigkeitsreferendums die Konsequenzen eines Ausstiegs aus der EU schon durchdacht hätten, vermutet Wright. Eine Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich hätte einen Ausschluss aus der Union nach sich gezogen, zumindest vorübergehend. Möglicherweise auch deshalb votierten 2014 mehr als die Hälfte der Schotten gegen eine Unabhängigkeit.

Natürlich stehen nicht alle Schotten fest zur EU. Gewerkschafter, die am Samstag mit britischen Flaggen und protestantischen Bannern an der Parade des Oranier-Ordens in Glasgow teilnahmen, sehen Schottland nicht als Opfer eines falschen Mehrheits-Votums. „Es war keine schottische Abstimmung, es war eine britische Abstimmung“, erklärt Findley McLaughlin, der die Blechflöte in der Marschkappelle Protestant Boys spielt. „Die SNP hat eine Agenda, 100 Prozent. Sie wollen nur das Königreich auseinanderbrechen. Und das wird nie funktionieren.“

Anthony Ridge Newman, freier Mitarbeiter an der Universität von Glasgow, hat eine andere Erklärung für das schottische Ergebnis. Der schottische Nationalismus habe verändert, wie die Schotten ihren Platz in Großbritannien und in Europa sähen, sagt er. Es ergebe sich ein Widerspruch, wenn die SNP die Unabhängigkeit von Großbritannien fordere, aber gleichzeitig Teil der EU bleiben wolle.

In Motherwell und Umgebung, südöstlich von Glasgow, haben 62 Prozent der Wähler für einen Verbleib in der Union gestimmt. Nach dem Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie in den 90ern dauert die Neuerfindung der Stadt an. Noch immer wird auf dem Gelände des ehemaligen Stahlwerks kontaminierte Erde abgetragen, damit Bauprojekte beginnen können. Die Arbeiten wurden in Teilen von der EU finanziert.

Auf die Frage, warum die Engländer und Waliser so klar anders gestimmt haben als die Schotten antwortet Butcher: „Es gibt viele Dinge, die England an der EU mag, aber sie kontrollieren sie nicht. Und das ist ihr einziges Problem. Sie haben gern das letzte Wort.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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