Nach der US-Wahl: Parallelen zwischen Hamilton und Hillary

Nach der US-Wahl: Parallelen zwischen Hamilton und Hillary

, aktualisiert 11. November 2016, 16:10 Uhr
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Das Musical zeigt, dass auch schon zu Zeiten Hamiltons politische Spannungen die Einheit der USA gefährdet haben.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Ein Musical-Hit am Broadway macht deutlich, wie sich die amerikanische Geschichte seit mehr als 200 Jahren wiederholt. Schon damals hatte der erste Finanzminister, Alexander Hamilton, Sorge um die Einheit der USA.

New YorkEs ist vorbei. Hillary Clinton macht nicht Geschichte, sondern ist Geschichte. Donald Trump zieht von seinem New Yorker Penthouse um in eine schönere Immobilie in Washington. Die Republikaner müssen entscheiden, ob sie eine Trump-Partei werden wollen, die Demokraten brauchen dringend neue Gesichter und Ideen. Experten und Journalisten kratzen sich verwundert die Köpfe.

Aber war das Wahl-Drama, das sich vor unseren staunenden Augen abgespielt hat, wirklich neu? Oder die Wiederholung einer Geschichte, die sich in Amerika seit der Gründung immer und immer wieder abgespielt hat?

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Am Broadway, ein paar Minuten von meiner Wohnung entfernt, wird zurzeit der größte Musical-Erfolg der letzten Jahrzehnte gespielt: Hamilton, ein Hip-Hop-Drama über einen der Gründerväter der USA, für das kaum noch Karten unter 500 Dollar zu bekommen sind. Nach der Vorlage der umfangreichen Biographie von Ron Chernow hat Lin-Manuel Miranda das Leben von Alexander Hamilton meisterhaft und eingängig vertextet und vertont Miranda ist der Sohn eines Einwanderers aus Puerto Rico. Hamilton, dessen Kopf den Zehn-Dollar-Schein ziert, war im 18. Jahrhundert aus der Karibik nach New York eingewandert. Dort hat er es, obwohl mittellos und ohne Rückhalt der Familie, mit Mut, Ehrgeiz und scharfer Intelligenz zum ersten Finanzminister der neu gegründeten USA gebracht.

Miranda hat das Leben des Gründervaters nicht nur entstaubt und stattdessen, wie schon Chernow vor ihm, die bitteren, oft ohne jeden Anstand geführten Kämpfe aus der Anfangszeit Amerikas ins rechte Licht gerückt. In einem Interview mit Emma Watson zählt er Parallelen der damaligen mit der heutigen Zeit auf. Hamilton starb mit 47 Jahren im Duell – also durch einen Schuss, wie heute jedes Jahr rund 30.000 Amerikaner. Damals kochte der Streit hoch, wie sehr sich Amerika in ausländische Politik einmischen sollte. Zu Hamiltons Zeit ging es dabei um die Französische Revolution, heute geht es eher um den Nahen Osten.

Aber es gibt noch mehr Parallelen. Auch vor mehr als 200 Jahren hatten viele Amerikaner ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Establishment, gegenüber den Banken in New York, gegenüber Staatsverschuldung und einem zu starken Zentralstaat. Hamilton stand für dieses Establishment, obwohl er als Außenseiter gekommen war. Er wohnte zeitweise an der Wall Street und ist dort, neben der Trinity Church, begraben. Er vertrat als Anwalt die Interessen von Geschäftsleuten und gründete die Bank of New York, die zugleich als Vorläufer der heutigen Notenbank gilt. Außerdem führte er als Finanzminister die zentrale Ausgabe von Staatsanleihen ein und war überhaupt der Verfechter einer starken Bundesregierung. Seinen Gegnern galt er als karrierebesessen und undurchsichtig, sein geschliffener Redestil und sein genau kalkulierter Politikstil riefen Misstrauen hervor. Wer kann hier die Parallele zu Hillary Clinton übersehen, die geradezu ein Ebenbild des Establishments ist?


Der Wahlkampf hat gezeigt, wie zerrissen Amerika heute wirklich ist

Einer seiner Gegenspieler war Thomas Jefferson. Dieser Amerikaner war, wie so viele nach ihm, ebenfalls Teil des Establishments, schaffte es aber, sich genau davon abzusetzen. Nach einer Zeit als Botschafter in Frankreich, wo er wie ein Aristokrat lebte, und mit einem großen, von Sklaven bewirtschafteten Landgut im Rücken, machte er sich zum Sprachrohr des „einfachen“ Amerikaners. Er war gegen fast alles, was Hamilton eingeführt hatte oder befürwortete – die Bank, die Staatsschulden, zentrale Verwaltungsstrukturen. Er kam als der unverdorbene Amerikaner vom Land daher, während Hamilton bei seinen Feinden als windiger Städter verschrien war. Jefferson gewann den politischen Kampf, aber langfristig haben Hamiltons Konzepte sich trotzdem durchgesetzt.

Auch damals schon wurden politische Auseinandersetzungen mit allen Mitteln geführt. Statt zu twittern, schrieb man anonyme Zeitungsartikel und zog darin über einander her. Fakten und Fiktionen gingen Hand in Hand. Hamilton hatte zwar keine E-Mail-Affäre, aber seine Gegner verdächtigten ihn Jahre lang, sich als Finanzminister persönlich bereichert zu haben, ohne je einen Nachweis führen zu können. Einfacher hatten sie es beim Thema Sex – hier konnten sie eine Affäre Hamiltons ausschlachten, die tatsächlich stattgefunden hatte. Dabei, so deutet zumindest der Autor Chernow an, waren seine Gegner in dem Punkt keineswegs besser als er.

Interessant ist auch, dass mit dem heutigen Wahlkampf das politische Geschehen wieder nach New York zurückgekehrt ist, wo es ganz am Anfang der US-Geschichte maßgeblich stattgefunden hat. George Washington wurde an der Wall Street zum Präsidenten gekürt, keine zwei Minuten von meinem Büro entfernt. Trump und Clinton haben den Wahlkampf von New York aus gesteuert und dort ihre Reden nach der Entscheidung gehalten.

Hamilton hatte damals schon Sorgen, die frisch gegründete Union der amerikanischen Staaten könne zerbrechen. Der Gegensatz zwischen Süd- und Nordstaaten, der später zum amerikanischen Bürgerkrieg führte, war bereits deutlich spürbar. Mit verschiedenen Schwerpunkten, Themen und wechselnder Intensität ist dieser Kampf, bei dem es neben wirtschaftlichen Interessen auch um die amerikanische Identität geht, immer wieder neu ausgefochten worden, wenn auch in der neueren US-Geschichte selten so schmutzig und verlogen wie in den vergangenen Monaten.

Als ich vor vier Jahren nach New York kam, sagte einer meiner neuen amerikanischen Freunde über sein eigenes Land: „Wir wissen immer noch nicht so genau, ob wir wirklich alle zusammen gehören.“ Damals war mir nicht ganz klar, wie er das gemeint hat – schließlich gibt es die USA als politische Nation schon fast 100 Jahre länger als Deutschland. Spätestens mit dem abgelaufenen Wahlkampf ist überdeutlich geworden, wie innerlich zerrissen diese Gesellschaft ist.

Aber Hamilton macht Hoffnung. Das Beispiel zeigt: Die Spannungen gab es von Anfang an, aber letztlich haben sie den Aufstieg der Nation nicht verhindert.

Quelle:  Handelsblatt Online
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