„Narconomics“: So führt man ein Drogenkartell erfolgreich

„Narconomics“: So führt man ein Drogenkartell erfolgreich

, aktualisiert 06. November 2016, 16:18 Uhr
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Festnahmen von Drogendealern gibt es, aber sie sind nur die Spitze des Eisbergs.

von Thorsten GierschQuelle:Handelsblatt Online

Ein Buch wie eine Überdosis: Ein Wirtschaftsjournalist untersucht die Arbeit der Drogenbosse und entlarvt die Fehler der Politik mit ökonomischer Präzision. Seine Ratschläge sind nur auf den ersten Blick verstörend.

DüsseldorfTun wir einfach mal so, als wären Drogenbarone nicht nur Kriminelle mit einer exzessiven Leidenschaft zu Brutalität, sondern auch CEOs von milliardenschweren Unternehmen. Mal abgesehen davon, dass einige ihrer Spielregeln sich erheblich von denen klassischer Firmen unterscheiden: Im Grundsatz gelten für Kartelle dieselben Regeln wie für jedes andere Wirtschaftssubjekt auch.

Und deshalb behandelt der Wirtschaftsjournalist Tom Wainwright die Kartelle auch wie Unternehmen und beurteilt die Politik in aller Welt danach, wie erfolgreich sie ihre Machenschaften eingrenzen. Das Ergebnis, soviel sei vorweg gesagt, ist vernichtend: Die allermeisten Initiativen von Regierungen führen ins Nichts oder richten sogar mehr Schaden an, als dass sie helfen. Die Schlussfolgerung daraus ist so verstörend wie logisch.

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Doch der Reihe nach: Wainwright zog 2010 nach Mexiko, um von dort als Korrespondent für das renommierte Magazin „Economist“ zu schreiben. Schnell wurde er ein Fachmann, verlor aber bei aller regionalen Nähe nie die Grundsätze unternehmerischen Handelns aus den Augen. So entstand seine bekannte Kolumne „Narconomics“. Das Beste daraus ist nun in seinem gleichnamigen Buch zu lesen.

Kapitel für Kapitel nimmt er sich die Maßnahmen vor, mit denen Kartelle bisher schon bekämpft werden und wie die Wertschöpfung funktioniert: Ein Kilo Kokablätter kostet 385 Dollar. Das daraus gewonnen Kokain gibt es in Kolumbien für 800 Dollar. Wenn es die USA erreicht, ist die Menge Koks schon 14.500 Euro wert. Auf der Straße bringt es dann 78.000 Dollar; wenn es verschnitten wird sogar bis zu 120.000 Dollar.

Wozu führt es zum Beispiel, wenn in Südamerika Koka-Felder vernichtet werden? Die Bauern vor Ort leiden, die Wirkung trifft die falschen Leute. Denn die Kartelle tragen ja nicht das Kostenrisiko, wenn ein Feld abbrennt. Die Bauern haben in der Regel nur einen Abnehmer, die Kartelle ziehen einfach weiter. Es ist also nur auf den ersten Blick sinnvoll, das Problem an der Wurzel zu packen, sprich beim Anbau.

Zweitens versuchen viele Behörden, der Hydra den Kopf abzuschlagen. Doch das Beseitigen eines Clanführers hat noch kein Kartell zur Aufgabe gebracht, im Gegenteil sorgt es für Instabilität und provoziert Machtkämpfe – was zehntausenden Unschuldigen das Leben kostete. Zugegeben kommt es aber gut an in den Medien, wenn in den Nachrichten ein Drogenboss abgeführt wird.

Der Autor erklärt auch, wie man den Kartellen schaden kann beziehungsweise unter welchen Problem sie leiden. Dazu gehört der Bereich Human Resources: Es sei alles andere als einfach, geeignetes Personal zu finden – trotz der vergleichsweise hohen Löhne. Die unsichere Vertragslage, die Gefahr für Leib und Leben, die Launenhaftigkeit der Vorgesetzten – all das sorge für eine hohe Fluktuation.


Die beste Lösung für das Drogenproblem

Um es den Kartellen zusätzlich zu erschweren, rät der Autor, in den Gefängnissen gute Arbeit zu machen. Hier soll kein „Nachwuchs“ entstehen, den Drogenbanden anheuern können. Wenn ein Land hier ein paar Dollar mehr für die Resozialisierung ausgibt, spart es später das Vielfache beim Kampf gegen Drogen. Der Autor gibt sehr eindringliche Beispiele, wo das gelingt – zum Beispiel in der Dominikanischen Republik.

Nicht zu unterschätzen sei auch das Thema PR für die Kartelle: Sie schmieren Journalisten und töten die, die sie nicht schmieren können und negativ berichten. Zahlen belegen, dass sie in Südamerika von einer erstaunlich geringen Prozentzahl der Menschen abgelehnt werden. Das liegt an einer ausgeklügelten PR-Maschine, aber auch CSR, also Corporate Social Responsibility: Spenden und allerlei Wohltätigkeiten machen Drogenbosse gerade dort beliebter, wo der Arm des Staates nicht weit genug reicht.

So geht es durch die Kapitel. Der Leser lernt viel und vor allem Überraschendes über die Drogenbranche und erkennt, wie schwer es die Behörden haben. Der Autor erklärt, was sich durch die Bestellung per Mausklick geändert hat, sprich den Online-Handel von Drogen. Oder warum das Kopieren von McDonald's im Hinblick auf Franchising für Kartelle so viel Erfolg brachte – vor allem in der Expansionsphase.

Tom Wainwright legt aber nicht nur die Finger in die Wunde, er macht permanent Gegenvorschläge. Und er gibt zu, wenn einer von denen nur sehr schwer umzusetzen ist. Das macht ihn glaubwürdig und gibt seinem Buch einen hoffnungsvollen Unterton. Das gilt auch für die finale Schlussfolgerung, nämlich wie man der Macht der Kartelle am besten begegnen kann.

Ähnlich wie der Fachmann und Thriller-Autor Don Winslow kommt auch Tom Wainwright zu dem Schluss, dass eine geordnete Legalisierung von Cannabis ein erster wichtiger Schritt wäre. So stelle die teilweise Legalisierung in einigen US-Bundesstaaten die Kartelle bereits „vor einige Probleme“. Sie verlieren den Markt, weil ihre Preise mit denen der legalen Anschaffung nicht hinreichend konkurrieren können. Sie müssten rund ein Drittel des Preises erzielen, schaffen das aber nicht.

Zudem lockt der legale Cannabismarkt nach einer anfänglichen Vorsicht immer mehr Investoren. Auch die Tabakkonzerne geraten ins Grübeln, so der Autor. „Der Fokus im Krieg gegen die Drogen liegt seit jeher klar auf der Angebotsseite des Geschäfts – auf den Händlern. Dabei gibt es hinreichend Argumente dafür, stattdessen die Nachfrageseite ins Visier zu nehmen – die Konsumenten”, schreibt Wainwright. Er liefert diese Argumente in seinem flüssig zu lesenden Buch par excellence.

Bibliografie:
Tom Wainwright
Narconomics. Ein Drogenkartell erfolgreich führen
Blessing Verlag, München 2016, 351 Seiten

Quelle:  Handelsblatt Online
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