Negativzins: Der Fed gehen die Krisen-Gegenmittel aus

Negativzins: Der Fed gehen die Krisen-Gegenmittel aus

, aktualisiert 10. Februar 2016, 21:58 Uhr
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Janet Yellen vor dem US-Kongress: Die Vorsitzende der US-Notenbank Federal Reserve stand den Abgeordneten am Mittwoch Rede und Antwort zur Geldpolitik des Landes. (Mark Wilson/Getty Images/AFP)

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Europa hat sie, Japan neuerdings auch, ziehen die USA mit einem Negativzins nach? Die Fed-Chefin hält sich in der Diskussion mit US-Politikern alle Optionen offen und verteidigt sich gegen Angriffe auf ihre Geldpolitik.

New YorkJanet Yellen sieht keine grundsätzlichen Probleme, die negativen Notenbank-Zinsen in den USA entgegenstehen würden. Das sagte die Chefin der US-Notenbank Fed auf Nachfrage bei einer Anhörung vor dem US-Kongress.

Einschränkend fügte sie hinzu, möglicherweise müssten für eine solche Maßnahme aber noch rechtliche Fragen geklärt werden. Sie räumte ein, dass negative Zinsen durchaus „nützlich“ seien - etwa in Europa mit seiner hohen Arbeitslosigkeit und in Japan mit seiner hartnäckigen Tendenz zu sinkenden Preisen. Auf der anderen Seite machte sie aber auch deutlich, dass sie auf absehbare Zeit keine Zinssenkung in den USA erwartet.

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Die Fed hatte die Leitzinsen im Dezember von nahe Null auf gut einen Viertelprozentpunkt erhöht. Bis vor kurzem erschienen für 2016 noch vier weitere ähnliche Zinsschritte denkbar. Inzwischen glaubt kaum mehr jemand an eine weitere Zinserhöhung im März, so dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit maximal drei Anhebungen werden. Viele Investoren rechnen sogar bis auf weiteres mit gar keinen weiteren Schritten, oder eben mit einer Senkung der Zinsen.

Negative Zinsen rücken seit Kurzem auch in den USA in die Diskussion. Schließlich liefern Europa und zuletzt auch Japan dafür bereits eine Vorlage liefern. Außerdem hat die Fed bei den Szenarien, die sie für die Stresstests der großen Banken unterstellt, auch eine Variante mit negativen Zinsen eingebaut.

Die Analystin Karen Petrou von Federal Financial Analytics spricht in dem Zusammenhang von einem „bedrohlichen Szenario“, das „allem ins Gesicht schlägt, was die Fed selber zuvor gesagt hat“. Anders ausgedrückt: Es geht die Sorge um, dass die Fed pessimistischer ist, als sie zugibt.

Auch US-Ökonomen haben sich schon mit negativen Zinsen beschäftigt. Als mögliches Problem gilt, dass bei negativen Zinsen die Bürger ihr Geld bar abheben, um so den Wert ihres Vermögens wenigstens zu erhalten. Deshalb lassen sich die niedrigstmöglichen Zinsen danach abschätzen, wie Bargeld in einem Land genutzt wird und wie es verfügbar ist.

Malcolm Barr von JP Morgan etwa basiert seine Überlegungen unter anderem auf den Erfahrungen der Schweiz mit dem Thema Negativzins. Er kommt zu dem Ergebnis, dass es in der Eurozone theoretisch auf bis zu minus 4,5 Prozent heruntergehen könnte. Für Großbritannien sieht er die unterste Grenze bei 2,5 Prozent, für die USA bei 1,3 Prozent.


Vorwurf der Politiker: Fed subventioniert Großbanken

Der Internationale Währungsfonds hat zudem ein Papier mit der These herausgegeben, dass Notenbanken es durch gezielte Maßnahmen ermöglichen können, dass Banken Kleinsparern trotz ansonsten negativer Zinsen doch noch wenigstens Null Prozent bieten. Damit würde der gefürchtete Umtausch in Banknoten gebremst. In den USA gab es in der Vergangenheit aber auch Befürchtungen, dass negative Zinsen den riesigen Markt der Geldmarktfonds austrocknen könnten, den viele Unternehmen zur kurzfristigen Finanzierung benötigen.

Akut würde ein Negativzins in den USA aber wohl kaum. Yellen hat bei der Anhörung am Mittwoch keineswegs in Aussicht gestellt, dass sie negative Zinsen in absehbarer Zeit einführen will. Deutlich wurde aber auch auf Nachfragen von Kongressabgeordneten, wie begrenzt die Mittel der Fed sind, auf eine schwere wirtschaftliche Krise zu reagieren. Denn erneute Anleihekäufe wie in der Vergangenheit, um die langfristigen Zinsen zu drücken, wären unerwünscht und wahrscheinlich wenig wirksam.

Bei der Anhörung musste sich die Fed-Chefin mehrfach gegen den Vorwurf wehren, die Fed subventioniere große Banken. Dieser Vorwurf war zu erwarten, weil die Notenbank die Zinserhöhung nicht wie in der Vergangenheit durch höhere Prozentsätze für Kredite an Banken bewerkstelligt, sondern indem sie den Banken umgekehrt Zinsen auf deren Einlagen bei der Fed zahlt.

Der Grund dafür: Es ist so viel Liquidität im Finanzsystem vorhanden, dass eine Erhöhung der Kreditzinsen keine Wirkung zeigen würde. Yellen erzählte mehrfach geduldig, dass mit diesen Einlagen Bestände von Anleihen finanziert werden, die mehr Zinsen bringen als die Einlagen kosten, so dass unterm Strich die Fed mehr Gewinn an die Regierung überweisen kann. Sie erwähnte in dem Zusammenhang, die Fed habe seit 2008, also seit der Finanzkrise, mehr als 600 Milliarden Dollar an die Regierung ausbezahlt.

Umgekehrt stellte Yellen sich erneut und wiederholt gegen das Ansinnen, ihre Politik stärker überwachen zu lassen oder an eine feste Formel zu binden. Nach Vorgabe der häufig zitierten Taylor-Rule müssten die Notenbankzinsen in den USA zurzeit bei 2,5 Prozent liegen, sagte Yellen. Ihrer Meinung nach wäre dieser Wert viel zu hoch, um verkraftbar zu sein. Und viele Investoren werden ihr da gerade in der heutigen Marktsituation zustimmen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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