Neue Vergütungsmodelle: Firmen stellen Gehälter auf den Prüfstand

Neue Vergütungsmodelle: Firmen stellen Gehälter auf den Prüfstand

, aktualisiert 07. Mai 2017, 13:34 Uhr
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Angesichts veränderter Arbeitsabläufe durch die Digitalisierung und neuer Ansprüche der Beschäftigten machen sich viele Firmen Gedanken über die Bezahlung.

Quelle:Handelsblatt Online

Immer mehr Arbeitnehmer bezweifeln, dass Unternehmen sie für ihre Aufgaben angemessen bezahlen. Viele Personalabteilungen reagieren mit neuen Entgeltsystemen – der Preis dafür ist allerdings hoch.

WinnendenAuf die Frage, ob sie gerecht bezahlt werden, hatten die Mitarbeiter der Firma Kärcher eine klare Antwort: „Eine Mitarbeiterbefragung 2011 hatte ergeben, dass 60 Prozent der Beschäftigten mit dem Entgeltsystem nicht wirklich zufrieden sind“, erzählt Kärcher-Betriebsrat Martin Föll. Auch berufliche Perspektiven fehlten, genau wie Arbeitsplatzbeschreibungen, die als Gerüst und Vergleich für die Bezahlung dienen könnten. Betriebsrat und Personalabteilung reagierten – und stellten das Entgeltsystem in einem mehrjährigen Kraftakt Anfang 2017 auf neue Füße.

Der Spezialist für Reinigungsmaschinen ist Gewerkschaftern ein Dorn im Auge. Denn in Winnenden hält man sich nicht an das Tarifgefüge. Wo sich andere Firmen der Metallbranche nach dem sogenannten Entgelt-Rahmenabkommen (ERA) aus dem Jahr 2003 richten, ist Kärcher völlig frei. „Der ERA-Vertrag war für uns keine Option, da wir auch Küchenpersonal und Reinigungsfachkräfte in unserer Gehaltsstruktur aufführen“, sagt Personalchef Rüdiger Bechstein. Also begann man bei Kärcher selbst, eine neue Struktur zu erarbeiten. „Jahrzehntelang wurde die Entwicklungslaufbahn als Führungslaufbahn gestaltet“, sagt Betriebsrat Föll. „Jetzt wird Fach- und Führungslaufbahn getrennt.“

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Angesichts veränderter Arbeitsabläufe durch die Digitalisierung und neuer Ansprüche der Beschäftigten machen sich viele Firmen Gedanken über die Bezahlung. „Zahlreiche Unternehmen denken über grundlegende Veränderungen oder Anpassungen nach“, sagt Katharina Heuer, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Personalführung. Die herkömmlichen Vergütungsmodelle stießen an Grenzen. „Und auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben andere und neue Bedürfnisse.“

Bei der Deutschen Bahn etwa haben die nach Tarifvertrag Beschäftigten zum kommenden Jahr die Wahl: Sie können ihre Wochenarbeitszeit um eine Stunde auf 38 Stunden reduzieren, stattdessen sechs Tage mehr Jahresurlaub erhalten oder - ganz klassisch - eine Entgelterhöhung von 2,6 Prozent. Für die Bezahlung von Mitarbeitern im Bordbistro, Lokführern und Zugbegleitern wurden neue Lohnstufen eingeführt.

Gerade die Lohnstruktur ist eine Frage, die viele Unternehmen beschäftigt, hat Reinhard Bahnmüller vom Tübinger Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur festgestellt. In der Metall- und Elektrobranche sei der hart erkämpfte ERA-Vertrag die Messlatte. Viele Betriebe, auch wenn sie sich sonst nicht an Tarifverträge hielten, seien an der Ordnung und Elementen der Arbeitsbewertung interessiert. „Das wichtigste ist das Grundgerüst.“


Neue Systeme sorgen für Konflikte

Dabei ist die Einsetzung neuer Entgeltsysteme zeitintensiv und nicht frei von Konflikten. Im Einzelhandel beispielsweise ringen die Tarifparteien seit Jahren um neue Berufsgruppen – ohne Erfolg. In der Kali- und Salzbranche hat man 2014 das 40 Jahre alte System erneuert. Doch auch wenn Tarifparteien klare Vorgaben machen: Die Umsetzung, wie man beim Salzkonzern K+S feststellen musste, hatte es in sich. Es sei eine große Herausforderung gewesen, die Mitarbeiter in zwei Jahren von der Sinnhaftigkeit und Vorteilhaftigkeit des neuen Vertrags zu überzeugen, so ein Sprecher. Denn alle mussten von ihren Vorgesetzten neu eingruppiert, Widersprüche in langen Gesprächen ausgeräumt werden. Am Ende sollte niemand weniger Geld haben.

Das war auch das Ziel bei Kärcher: 36 Jobgruppen mit je vier bis fünf Entwicklungsstufen wurden erarbeitet, mit Entgelten versehen und als Raster über die Belegschaft gelegt. Mit Erfolg: „Lediglich 160 Beschäftigte haben dem widersprochen – in einer paritätischen Kommission wurde dann darüber entschieden, wer Recht hat“, sagt Betriebsrat Föll. Nach erneuten Gesprächen lag die Zahl der Widersprüche 2015 nur noch bei 60. Am Ende stimmten bis auf zehn alle 3250 Mitarbeiter ihrem neuen Arbeitsvertrag zu. Einmal im Jahr soll nun ihre Eingruppierung, alle vier Jahre die Struktur überprüft werden.

Billig war der Umbruch für das Unternehmen nicht. Eine Summe nennt man zwar nicht, aber 1000 Mitarbeiter bekommen mehr Geld. Andere werden auf Dauer weniger große Sprünge hinnehmen müssen als ihre Kollegen. „350 Mitarbeiter werden nach dem Schema zu hoch bezahlt“, sagt Betriebsratschef Hans-Jörg Ziegler. Bei ihnen fallen die firmenweiten Entgelterhöhungen in Zukunft schmaler aus, bis in fünf Jahren die Überbezahlung ausgeglichen sein soll.

Betriebsrat Föll ist dennoch stolz auf das, was man erreicht hat. „Es waren harte Verhandlungen. Manche waren skeptisch, ob wir es überhaupt schaffen würden.“ Am Ende führten Lose der „Aktion Mensch“ zum Ziel. Als Belohnung für eine schnelle Antwort erhielten die Mitarbeiter die Gewinnscheine vor Weihnachten. Mit Erfolg: Zum 1. Januar konnte Kärcher die neue Struktur einführen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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