Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen: Krumme Deutsche-Bank-Deals in Moskau

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen: Krumme Deutsche-Bank-Deals in Moskau

, aktualisiert 23. August 2016, 13:57 Uhr
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„Nichts (Böses) sehen, nichts (Böses) hören, nichts (Böses) sagen“. Auch bei der Deutschen Bank in Moskau handelten allzu viele Manager allzu lang nach diesem Motto.

von Yasmin OsmanQuelle:Handelsblatt Online

Die Kontrollmechanismen der Deutschen Bank haben bei einem Geldwäscheskandal in Moskau total versagt. Das belegen Recherchen eines US-Magazins. Dabei waren die kriminellen Machenschaften der reichen Russen offensichtlich.

FrankfurtAus dem Buddhismus ist die Losung überliefert: „Nichts (Böses) sehen, nichts (Böses) hören, nichts (Böses) sagen“. Bis heute gelten die drei Affen, die diese Denkweise illustrieren und sich Ohren, Augen und Mund zuhalten, als weise. Auch bei der Deutschen Bank in Moskau handelten allzu viele Manager allzu lang nach diesem Motto – und brockten dem Institut damit eines seiner derzeit größten Rechtsrisiken ein: einen riesigen Geldwäsche-Skandal, der eine empfindliche Milliardenstrafe der US-Behörden nach sich ziehen könnte.

Über Jahre hinweg, zwischen den Jahren 2011 und 2015, wuschen reiche russische Kunden mit Hilfe koordinierter Aktienkäufe und –verkäufe insgesamt rund zehn Milliarden Dollar und schmuggelten auf dieser Weise auch Geld von Russland ins Ausland. Der Geldwäsche-Skandal in Russland, der von Behörden in den USA, Großbritannien und Deutschland untersucht wird, gilt als das potenziell gefährlichste und unkalkulierbarste Rechtsrisiko der Deutschen Bank.

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Das gilt umso mehr, als der Verdacht besteht, dass es in der Affäre auch um Verstöße gegen politische Sanktionen gehen könnte. Darauf reagieren US-Behörden sehr empfindlich. Da es einen ähnlichen Vorfall bislang noch nicht gegeben hat, weiß niemand, wie hoch die Strafen ausfallen könnten.

Nun hat das Magazin „New Yorker“ die Hintergründe des Geldwäsche-Skandals detailreich ausgeleuchtet – und das Ergebnis fällt für die Bank alles andere als schmeichelhaft aus. Die Essenz: Zwar ist die Bank auch das Opfer eines mutmaßlich korrupten Top-Managers in Moskau geworden, ohne dessen Mithilfe die unsauberen Deals zumindest nicht so lange hätten stattfinden können. Doch ohne die enorm laxen und unzureichenden internen Kontrollen der Bank wäre auch dessen Treiben wohl weit früher aufgeflogen.

Konkret liefen die krummen Geschäfte so ab: Zwischen Herbst 2011 und Frühjahr 2015 rief in der Moskauer Dependance der Bank praktisch täglich ein Broker namens Igor Volkov an, meist bei ein und derselben jungen Brokerin der Deutschen Bank. Jedesmal platzierte er zwei Transaktionen, die gleichzeitig stattfinden sollten: Zum einen sollte eine russische Firma, die Volkov vertrat, dabei in der Landeswährung Rubel Aktien eines wichtigen börsennotierten russischen Unternehmens kaufen, etwa Lukoil.

Parallel dazu ließ Volkov auf Rechnung einer zweiten Firma, die er vertrat, und die meist in irgendeiner Steueroase angesiedelt war, über die Deutsche Bank in London die exakt gleiche Aktie in der gleichen Größenordnung verkaufen – nur dass diese zweite Firma den Erlös dafür in US-Dollar, britischem Pfund oder Euro erhielt.


Besonderheiten hätten Bank stutzig machen müssen

Beide an der Transaktion beteiligten Firmen, Käufer wie Verkäufer, hatten dabei ein und denselben Eigentümer. Jedes Mal ging es dabei um Volumina von um die zehn Millionen Dollar. Solche „Spiegelgeschäfte“ sind zwar nicht per se illegal. Aber im Falle der Volkov-Deals gab es einige Besonderheiten, die die Bank hätte stutzig machen müssen: Etwa dass sie stets nach dem gleichen Muster verliefen, fast täglich vorkamen und das Geld immer in eine Richtung – außer Landes – floss.

Oder, dass Volkovs Kunden sich nicht daran störten, dass sie durch die Spiegelgeschäfte häufig Verluste machten. Spätestens das hätte einen „Fliegeralarm“ auslösen müssen, dass es wohl vor allem um Kapitalflucht ging, sagte ein früherer Deutsche-Bank-Manager dem „New Yorker“.

Bei der Deutschen Bank schrillte allerdings nichts. Eigentlich sollen Banken Kunden und die Herkunft ihres Geldes genau durchleuchten. Doch selbst die Händlerin, die fast täglich mit Volkov, dem Mittelsmann der dubiosen Geschäfte, telefonierte, soll diesen kaum gekannt haben. Der Russe hatte früher für eine Broker-Firma eines russisch-israelischen Milliardärs gearbeitet, der später wegen Betrugs und Geldwäsche in Israel verurteilt wurde und der in Frankreich für drei Monate wegen illegalen Waffenhandels ins Gefängnis musste.

Und offenbar fiel niemandem bei der Deutschen Bank auf, wie eng die an diesen Spiegelgeschäften beteiligten Investmentfirmen miteinander verbandelt waren, obwohl Angaben dazu öffentlich zugänglich waren. Mitarbeiter, die damals am Handelstisch Moskau arbeiteten, sagten dem Magazin jedenfalls, die Herkunftskontrolle von Vermögen habe sich darauf beschränkt, Kunden ein Formular ausfüllen zu lassen und die Herkunft des Geldes dort einzutragen. Niemand habe weitere Fragen gestellt, so ein Ex-Mitarbeiter.

In einigen Fällen gab es Nachfragen. Einer der russischen Broker etwa, der zeitweise ebenfalls mit Volkov zu tun hatte, soll bei seinem Vorgesetzten, Chefaktienhändler Tim Wiswell, nachgehakt haben. Doch Wiswell deckte wohl bewusst die unsauberen Geschäfte. In einem Arbeitsgerichtsverfahren in Moskau, in dem sich Wiswell gegen seinen Rauswurf wehrte, warf ihm ein Anwalt der Deutschen Bank vor, der „Drahtzieher“ dieses Kapitalflucht-Schemas gewesen zu sein.


Ex-Banker soll Schmiergelder erhalten haben

Nach Recherchen des „New Yorker“ soll der Ex-Banker angeblich auch Schmiergelder erhalten haben. Auch als andere Banken, darunter die Hellenic Bank aus Zypern und die russische Zentralbank Hinweise gaben, wurde ihnen vom russischen Handelstisch versichert, alles sei in Ordnung.

Die Deutsche Bank weiß um die Defizite in ihren Geldwäsche-Kontrollen. Kurz nachdem der Skandal im vergangenen Jahr aufflog, zog John Cryan den Stecker, drei Monate nach seinem Amtsantritt: Er gab das Investmentbanking in Russland ganz auf. Nur noch im Zahlungsverkehr und der Exportfinanzierung blieb die Bank in Moskau präsent. Im November kündigte Cryan außerdem an, die Kontrollsysteme und -prozesse, mit denen Kunden überprüft werden, zu verbessern. Bis das geschehen ist, sollen in „Risiko-Ländern“ keine Neukunden mehr angenommen werden.

Ob das ausreicht, um die ermittelnden Behörden zu besänftigen, ist unklar. Zumal die Behörden die Kontrollprozesse der Bank schon häufig als unzureichend kritisiert haben. Unter anderem auch deshalb hat die Deutsche Bank gerade wieder den Stresstest der US-Notenbank nicht bestanden.

Und die britische Behörde Financial Conduct Authority rügte im März schriftlich, die britische Niederlassung der Bank habe ernsthafte und systemische Schwächen bei der Verhinderung von Geldwäsche, Terrorfinanzierung und Sanktionen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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