Nigel Farage: Der General und sein lila Brexit-Bus

Nigel Farage: Der General und sein lila Brexit-Bus

, aktualisiert 21. Juni 2016, 14:30 Uhr
Bild vergrößern

Der Parteichef der rechtspopulistischen Ukip tourt im lila Doppeldecker durch das Land.

von Mathias BrüggmannQuelle:Handelsblatt Online

Der hitzige Wahlkampf um den Brexit hat auch den verschlafenen Badeort Clacton-on-Sea erreicht. Ukip-Chef Nigel Farage schürt routiniert die EU-Skepsis der Briten - und gibt sich siegessicher.

Clacton-on-Sea„Das hat nichts mit Parteien zu tun. Hier geht es um unsere Freiheit!“, herrscht eine rothaarige Vertreterin der nationalistischen Ukip-Party zwei Labour-Wähler an, die sich am „We want our country back – Vote on Leave“-Stand informieren wollen. „Stupid British“, wirft sie ihnen noch hinterher, die EU sei „Nonsens".

Aufgeheizt ist die Stimmung in Clacton-on-Sea, einem verschlafenen Badeort an der britischen Ostküste, wo übergewichtige britische Rentner sich die Strandpromenade entlangschleppen, vorbei an billigen Rummelbuden, Fish-and-Chips-Ständen und der Kulisse der sich am Horizont über dem Meeresspiegel drehenden Wald von Offshore-Windrädern. Zwei Tage vor der Abstimmung über den EU-Verbleib des Vereinigten Königreichs macht der Wahlkampfrummel auch vor Clacton nicht halt.

Anzeige

Wie aus dem Nichts sind ein paar Dutzend in Lila T-Shirts und Jacken gekleidete Ukip-Anhänger vor dem McDonald's am Pier erschienen, halten ihre Leave-Schilder hoch und warten auf ihren Parteichef Nigel Farage, Britanniens oberster EU-Hasser – ausgestattet übrigens mit gut dotiertem Mandat im Europaparlament.

„Macht Big cheers“, fordert Farages Kampagnenmanager die umstehenden Ukip-Fans auf, als der ganz in Lila gehaltene offene Doppeldecker mit dem Riesenkonterfei des früheren Rohstoffhändlers und Investmentbankers um die Ecke biegt. „Endlich mal gutes Wetter“, strahlt der dauerlächelnde Politprofi seine Anhänger an, bevor er Dutzende Selfies mit sich machen lässt und Autogramme auf die „Vote Leave“-Kunststoffschilder gibt.

„Wir holen uns unsere Demokratie zurück“, sagt Farage dem Handelsblatt, das sollten die europafreundlichen Deutschen begreifen. „Wir werden weiter ein Europa haben, aber ein anderes Europa“. Sollte das Brexit-Votum scheitern, „dann treten eben andere aus der EU aus, sie ist ein toter Gaul, der nicht mehr geritten werden kann“.

Was mit ihm werde, wenn die Briten mehrheitlich in der EU bleiben wollten? „Man fragt doch einen General vor der Schlacht auch nicht, ob er fallen wird“, gibt sich der sonnengebräunte Farage siegesgewiss. Vor allem in den Arbeitervierteln sei noch viel Zustimmung zu holen – oder bei den Rentnern, die in Clacton auf Bänken in der Sonne dösen.


„Wir sind eine starke Handelsnation auch ohne die EU“

Auf der Veranstaltung enthüllt der Politiker auch ein neues Wahlkampfmotiv. Statt eines massiven Flüchtlingsstroms zeigt das Bild einen Autostau vor einer Schule. Der Politiker suggeriert damit, dass durch die Zuwanderung und EU-Freizügigkeit britische Schulen überrannt würden. Das vorherige Plakat war unter anderem von Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling als „Nazi-Propaganda“ bezeichnet worden.

Immer wieder muss der mit lilafarbener Krawatte und darauf flüchtenden Hasen gekleidete 52-Jährige Hände lokaler Ukip-Mitglieder schütteln, sein breit aufgesetztes Lächeln für mehr als 20 Fotografen und Kameramänner aufsetzen. Von so viel Aufmerksamkeit können die drei silberhaarigen Herren hinter ihrem Infostand für die Remain-Kampagne nur träumen.

Farage lässt sie rechts liegen bei seinem Gang zur Seebrücke. Was ein Austritt wirtschaftlich bedeute für England, will ein junger Tätowierter wissen, der ihm zuruft: „Wir sollten in der EU bleiben.“ Farage straft ihn mit einem bösen Blick und dem Zuruf: „Dann bleib‘ doch, wir gehen.“ Seine Worte gehen teilweise unter dem Möwengekreische unter.

Fans rufen ihm indes zu „Well done, Nigel, dass Du dieses Votum durchgesetzt hast". Bliebe noch die Frage mit der Wirtschaft, die Reporter wiederholt stellen. „Wir wollen ja Freunde mit den anderen Staaten bleiben, Handel mit allen treiben, wir sind eine starke Handelsnation auch ohne die EU“, sagt Farage mit noch breiterem Lachen.

Dann rollte der lilafarbene Bus mit dem Europahass weiter und die wie auf Befehl erschienen Plakatschwenker sind so schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. Farages Wiederhall indes bleibt. „Noch zwei Tage“, murmelt er, um dann gleich wieder Siegesgewissheit angesichts fallender Zustimmungswerte zu demonstrieren: „We will win“ in dieser historischen Schlacht, winkt der vermeintliche General in seinem Nadelstreifenanzug.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%