Nike und Adidas: Das Rennen um den grünen Turnschuh

Nike und Adidas: Das Rennen um den grünen Turnschuh

, aktualisiert 13. Mai 2016, 11:24 Uhr
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Der mächtigste Manager der Sportindustrie verordnet seiner Marke den großen Sprung.

von Joachim HoferQuelle:Handelsblatt Online

Seit Jahrzehnten kämpfen Adidas und Nike verbissen um jeden Kunden. Zur Schlacht in den Sportgeschäften kommt jetzt eine weitere dazu: Das Rennen um den Titel der nachhaltigsten Marke. Nike setzt zum großen Sprung an.

MünchenFair und grün statt Fabrikhölle und Plastik: Die beiden bekanntesten Sportmarken der Welt versprechen, künftig wesentlich nachhaltiger zu wirtschaften als bisher. Kurz hintereinander haben Nike und Adidas in diesen Tagen angekündigt, ihre Umweltbilanz in den kommenden fünf Jahren deutlich zu verbessern. Gleichzeitig würden die Arbeitsbedingungen in den Fabriken auf ein neues Level gehoben. „Stufenweise Verbesserungen sind zu langsam“, betont Nike-Chef Mark Parker. Der mächtigste Manager der Sportindustrie verordnet seiner Marke stattdessen den großen Sprung.

Parkers ambitioniertes Ziel: Bis 2020 will er den Umsatz auf 50 Milliarden Dollar verdoppeln. Den schädlichen Einfluss auf die Umwelt möchte der Amerikaner im selben Zeitraum halbieren. Dass sich die Turnschuhe verkaufen, ist Parkers Job. Den zweiten Teil des Versprechens muss Hannah Jones erfüllen. Die Engländerin ist bei Nike verantwortlich für Umwelt und Soziales.

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Die ehemalige BBC-Reporterin setzt an drei Stellen an: Einerseits will sie dafür sorgen, dass immer mehr Schuhe und Shirts aus wiederverwerteten Rohstoffen hergestellt werden. „Schon heute enthalten fast drei Viertel aller Nike-Produkte recyceltes Material“, sagte Jones im Gespräch mit dem Handelsblatt. Gleichzeitig sollten die Kickstiefel, Trikots und Bälle so designt werden, dass sie die Nutzer am Ende nicht einfach in die Tonne pfeffern. „Aus Müll muss ein Geschäftsmodell werden“, meint Jones. So wie heute Altmetall von darauf spezialisierten Firmen eingesammelt und anschließend aufbereitet werde, so solle dies in den nächsten Jahren auch mit Sportausrüstung geschehen.

Zweite große Baustelle: Nike will die Fabriken seiner Lieferanten aufrüsten. Der Konzern will weniger, dafür aber bessere Zulieferer. Derzeit haben die Amerikaner 692 Fabriken unter Vertrag, dort arbeiten eine Million Menschen, die meisten davon in Asien. Wer die höheren Standards nicht erfüllte, der bekomme künftig keine Aufträge mehr, so Jones. Dabei geht es natürlich um höhere Löhne. Die Arbeiter sollen aber auch weitergebildet werden, sie sollen Vorschläge für bessere Arbeitsbedingungen einbringen können, Beschwerden sollen ein offenes Ohr beim Management finden.

Dritter Punkt: Nike wandelt sich intern. Die Büros, Labors und Lager des Konzerns sollen künftig komplett mit erneuerbaren Energien versorgt werden. Und die Belegschaft, immerhin gut 60.000 Leute, soll bunter, gemischter werden; und, für einen Sportkonzern nicht unwichtig, gesünder. 

Die Agenda gleicht der von Adidas, der Nummer zwei in dem Geschäft. Auch die Sportmarke aus dem fränkischen Herzogenaurach will ihre Shirts und Schuhe künftig möglichst komplett aus wiederverwertetem Kunststoff produzieren. Wann es so weit sein wird, lässt der Konzern jedoch, ebenso wie Nike, offen.


Adidas forscht an endlos wiederverwertbarem Material

„Es geht darum, Recycling-Materialien zu entwickeln, die dieselbe Qualität haben wie neue Rohstoffe“, sagte Frank Henke, der bei Adidas für Sozial- und Umweltfragen zuständig ist, dem Handelsblatt. Einen ersten, kleinen Schritt geht Europas größte Sportmarke jetzt schon: Im Lauf des Jahres kommt eine Kollektion in die Läden, die mit Plastikmüll aus dem Meer hergestellt wird. Doch das soll erst der Anfang sein.

Gemeinsam mit Partnern wie dem Chemiekonzern BASF hat Adidas das Projekt „Sport Infinity“ ins Leben gerufen. Die Forschungsgruppe soll ein Material entwickeln, mit dem sich Sportartikel endlos wiederverwerten lassen. „Das ist für uns ein wegweisendes Forschungsprojekt“, betont Henke. „Ziel ist es, den Kreislauf zu schließen.“ Wann das von der EU geförderte Vorhaben allerdings zu einem Ergebnis führe, sei offen. Auch Nike hat sich mit Partnern zusammengetan, zum Beispiel dem renommierten Massachusetts Institute of Technology, kurz MIT.

Gleichzeitig macht sich Adidas daran, gebrauchte Ware weltweit wieder zurückzunehmen. Zwar nicht in Deutschland, der Schweiz oder Österreich, wo Altkleidersammlungen schon lange üblich sind. In Schwellenländern wie Brasilien hingegen wird die Firma aktiv: „Rücknahmekonzepte bauen wir dort auf, wo es keine bestehende Infrastruktur gibt“, unterstreicht Henke.

Es geht um gewaltige Mengen: Vergangenes Jahr ließ Adidas 301 Millionen Paar Schuhe produzieren, 364 Millionen Kleidungsstücke und 113 Millionen Stück Sportzubehör, also etwa Golfschläger oder Taschen. Die Ware stammt von 320 unabhängigen Lieferanten. Nike brachte vergangenes Geschäftsjahr 1,1 Milliarden Artikel unter die Leute. Insgesamt ist die Marke in 110.000 Läden rund um den Globus erhältlich.

Experten sehen die Nachhaltigkeitsoffensive der Hersteller positiv. „Der heutige Konsument erwartet innovative und coole Produkte, die aber gleichzeitig auch nachhaltig sein sollen und von einem Unternehmen kommen, das nachhaltig agiert“, meint Hartmut Heinrich von der Unternehmensberatung Mistresstech in Hamburg. Doch es sei schwierig, sich von den Wettbewerbern auf diesem Feld abzusetzen, weil Nachhaltigkeit bei allen Marken inzwischen hoch auf der Agenda stehe.

Dazu kommt: Es ist außerordentlich aufwendig, neue, ressourcenschonende Materialien zu entwickeln. Das bestätigen wichtige Lieferanten wie Gore. „Alle unsere Bemühungen, umweltfreundlicher zu werden, basieren auf wissenschaftlichen Untersuchungen, die sehr komplex, langwierig und erklärungsbedürftig sind“, sagt Bernhard Kiehl, zuständig für den Umweltschutz in der Textilsparte des US-Konzerns. Denn Umweltschutz dürfe keinesfalls zu schlechterer Qualität führen: „Die Funktion steht bei den Konsumenten an erster Stelle.“ Bei Gore-Tex heißt das: dauerhaft wasserdicht, winddicht und atmungsaktiv.


„Nur ein Aspekt unter vielen“

Unabhängige Beobachter attestieren den Sportkonzernen inzwischen durchaus Fortschritte in ihren Bemühungen, die Umwelt zu schonen. Greenpeace beispielsweise lobt die Firmen, weil sie sich der sogenannten Detox-Kampagne der Organisation angeschlossen haben. Dabei geht es darum, Textilien ohne giftige Chemikalien zu produzieren.

Andererseits stehen von allem Outdoor-Labels in der Kritik, weil sie nicht auf Stoffe verzichten wollen, die aus Sicht von Greenpeace gesundheitsgefährdend sein können. „Die Outdoor-Branche setzt weiterhin Schadstoffe ein, von denen sich einige in der Natur anreichern oder sogar krebserregend wirken können“, klagen die Umweltschutz-Aktivisten.

Adidas hat sich allerdings ebenso wie Nike nicht nur dem Umweltschutz verschrieben. Die Franken wollen gleichzeitig für bessere Arbeitsbedingungen in den Fabriken der Lieferanten sorgen. Die Mitarbeiter in vielen Werken der Produzenten dürfen sich schon seit ein paar Jahren per SMS an das Unternehmen wenden, wenn sie ihre Rechte missachtet sehen. 250.000 Beschäftigte könnten das System inzwischen nutzen, erläutert Henke.

Das entspreche etwa einem Viertel aller Mitarbeiter in den Fabriken, die für Adidas produzierten. Zug um Zug würden weitere Arbeitnehmer einbezogen, so Henke: „Wir wollen erfahren, was die Beschäftigten denken.“ Das geht Aktivisten allerdings nicht weit genug.

Alle Turnschuhanbieter haben ein großes Interesse an ordentlichen Arbeitsbedingungen bei Lieferanten, denn immer wieder werden die Marken von Lobbygruppen scharf kritisiert. Das schadet dem Image. Daher bekennt sich auch Lokalrivale Puma ausdrücklich dazu, dass „unsere Produkte unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt werden“.

Für die Kunden sei Nachhaltigkeit jedoch nicht der entscheidende Faktor, wenn sie sich neue Shirts, Shorts oder Badelatschen zulegten, schränkt Unternehmensberater Heinrich ein. „Das wird immer nur ein Aspekt unter vielen sein, wenn sich die Kunden für eine Marke entscheiden.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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