Nikolaus und Baldwin Knauf: Global Gips

Nikolaus und Baldwin Knauf: Global Gips

, aktualisiert 11. Januar 2017, 20:36 Uhr
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„Ein gutes Auto braucht Bremse und Gaspedal. Gemeinsam haben wir dann gesteuert“, sagt Gesellschafter Baldwin Knauf.

von Hans-Jürgen JakobsQuelle:Handelsblatt Online

Vom fränkischen Iphofen aus schufen Nikolaus und Baldwin Knauf ein Weltunternehmen. Ihr Rezept ist, familiäre Werte mit unternehmerischem Kampfgeist zu verbinden. So gelangten sie in der Baustoffindustrie nach oben.

MünchenLangsam fährt der Finger über die Welt. Australien – seit 2011 kein weißer Fleck mehr. Der letzte Kontinent, der mit eigenen Betrieben besetzt wurde. Der Finger wandert nach Norden und westwärts. Hier China, man ist seit vielen Jahren in der Volksrepublik. Hier Haiphong in Vietnam: Ein großes Werk wurde gerade gebaut. Hier Indien, gut, da fehlt noch eine Produktionsstätte. Aber sonst? Der Finger ist jetzt in Afrika. Bei Daressalam in Tansania oder im ägyptischen Suez, überall Präsenz, oder in Marokko, natürlich auch in Russland und Osteuropa oder in Nord- und Südamerika. Der Finger von Baldwin Knauf, 77, kommt zur Ruhe. Der Senior hat Schleifen der Globalisierung nachgezogen. Schleifen, die das eigene Unternehmen größer und größer machten. Schleifen, die Weltregionen zum Knauf-Land machten, zu Stationen eines Verbunds, der mit Gips zum Global Player wurde.

„Wir suchen nicht die Herausforderung, aber wenn sie kommt, nehmen wir sie an“, sagt der Gesellschafter in der Firmenzentrale im unterfränkischen Iphofen. Der Blick fällt im großen Konferenzraum, im „War Room“ der Knaufianer, noch einmal auf die große Welt da an der Wand, auf ein fast vier Meter großes Metallrelief von Alaska bis Neuseeland, Dokument eines in Silber gestanzten Fabrikantenstolzes. Wo Gips liegt, ist Knauf nicht weit – mit diesem Motto eroberte das Familienunternehmen den Globus. Heute ist es mit 6,4 Milliarden Euro Jahresumsatz, 26.000 Mitarbeitern, fast 300 Tochtergesellschaften und mehr als 220 Werken in rund 80 Ländern eine Macht der Baustoffindustrie und einer der Champions aus der Provinz. Das Glück der Strategen aus Iphofen liegt in der Erde, das „weiße Gold“ hat sie reich und ihre Heimatregion reicher gemacht. „Wir sind heute noch dankbar, dass die Wettbewerber uns in den Hintern getreten haben“, sagt der 80-jährige Nikolaus Knauf.

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Er steht zusammen mit Cousin Baldwin für die beiden Familienstämme des Hauses, vertreten im Gesellschafterausschuss, wo mit Hans Peter Ingenillem inzwischen ein Externer den Vorsitz übernommen hat. Auch im Management ist mit Manfred Grundke ein Familienfremder am Schaltpult, flankiert von Alexander Knauf, Baldwins Sohn. Und spätestens, als kurz vor Weihnachten in der Zentrale des Weinbauorts Iphofen der eigene Knappenchor singt und die Bergmannskapelle aufspielt, fällt der Blick zurück auf die Saga dieses Weltreichs aus Gips, das längst auch mit Dämmstoffen und Verpackungen handelt und von guten Vertriebskontakten zu Baumärkten und Architekten, Heimwerkern und Bauherren lebt.


Intensive lokale Produktion

Alles begann 1932. Damals erwarben Alfons und Karl Knauf – die Väter der beiden Vettern im heutigen Gesellschafterausschuss – im luxemburgischen Schengen die Nutzungsrechte einer Gipsgrube. Die beiden Ingenieure wollten eigentlich im staatlichen Bergbau arbeiten, fanden aber in der Weltwirtschaftskrise keinen Job. So suchten sie weitere Gipsvorkommen und wurden an Mosel, Weser und Main fündig. Im Krieg verlagerte sich das Geschäft immer stärker nach Iphofen, wo 1949 der Neuanfang der Firma mit dem ersten Drehofen ausgerufen wurde. Karl Knauf: „Entweder wir haben alles gewonnen oder alles verloren.“

Die beiden Gründer begleiteten bis zu ihrem Tod in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre ihre beiden Söhne, die 1969 in die Geschäftsführung eintraten und die Internationalisierung vorantrieben. Nach Attacken der zeitweiligen Rivalen British Plasterboard und Lafarge in Deutschland schlugen die Neu-Franken, die im Grunde Alt-Lothringer sind, kurzerhand mit eigenen Firmen in Großbritannien, Frankreich und anderswo zurück. Baldwin Knauf: „Wir haben uns für den Kampf entschieden.“ Einen enormen Schub brachte dann der Fall des „Eisernen Vorhangs“ mit neuen Märkten in Osteuropa und vor allem in Russland, wo Knauf nach Siemens zweitgrößter deutscher Investor ist – ein Engagement, um das sich Nikolaus Knauf kümmert. Der russische Honorarkonsul nennt sich selbst „Putin-Versteher“ und erklärt, man habe stets Vertrauen in russische Instanzen gehabt: „Das hat unserem Ansehen geholfen. Seien Sie sicher: Wir bleiben.“ Politische Sanktionen ändern nichts am Geschäft.

Knauf sieht sich in Russland als russisches, in China als chinesisches, in den USA als amerikanisches Unternehmen. Weil Frachtkosten für die eigenen Baustoffe hoch sind und Währungsrisiken ausgeglichen werden sollen, betreibt die Gruppe intensiv lokale Produktion. Der Deutschland-Anteil am Gesamtumsatz liegt somit bei unter 20 Prozent. Wie profitabel die Knaufianer in ihrer Welt wirtschaften, zeigt monatlich eine in Euro konsolidierte Gewinn-und-Verlust-Rechnung. Es sind fette schwarze Zahlen. Fürs Jahr steht immerhin eine halbe Milliarde Euro für Zukäufe und interne Investitionen zur Verfügung.

„Wir können alles leicht aus uns selbst heraus finanzieren und jederzeit immer kaufen“, sagt Nikolaus Knauf: „Überall haben wir genügend Kapital.“ Sein Vetter Baldwin: „Ein Familienunternehmen lebt vom Eigenkapital, nicht von Bankkrediten.“ Daran änderten auch die Nullzinsgeschenke der Europäischen Zentralbank nichts: „Dass Geld nichts kostet, ist volkswirtschaftlich eine Todsünde.“ Menschen und Firmen würden in Ausgaben gelockt, ohne zu wissen, wann sich Märkte drehen.


Fünf Enkel arbeiten im Management

Vorwärtsgeist, verbunden mit einem Gefühl für den Druck des Marktes, hat das Gipsreich wachsen und wachsen lassen. Es überwand Krisen wie 1973/74 (Ölpreisexplosion), als ein Drittel der Belegschaft entlassen werden musste, die Finanzkrise 2008 überstand es ohne große Schäden. Und die rund 400 Millionen Dollar, die die Abwicklung eines Schadensfalls in den USA kostete, nachdem Knauf aus China schadhafte Gipsplatten importiert hatte, sorgten allenfalls kurzfristig für eine Imagedelle. Baldwin Knauf weiß genau um die „Gesetze der Wildnis“, wie er das nennt, um den Kampf gegen die Hauptkonkurrenten Etex Group und Saint-Gobain („Rigips“): „Die guten Nachrichten kommen langsam, die schlechten schnell“, doziert er.

Mehr als vier Jahrzehnte lang haben er und sein Vetter in einem Büro vis-à-vis gearbeitet, an ausladenden antiken Schreibtischen. Fragen des Alltags klärten sie auf Zuruf, bei Privatem oder Disputierlichem schlossen sie die Tür. Nikolaus war der Drängendere, Baldwin der Vorsichtigere, wofür er eine Metapher findet: „Ein gutes Auto braucht Bremse und Gaspedal. Gemeinsam haben wir dann gesteuert.“ Diese Arbeitsteilung ist dem Unternehmen so gut bekommen, dass es nirgends aus der Kurve flog und die beiden auch noch für Bürgermeister-Tätigkeiten in ihren Heimatorten Zeit fanden.

Soziale Akzeptanz ist den Knaufs wichtig, der Rückhalt bei Belegschaft, Bevölkerung und Politik ein Erfolgsgeheimnis. Dieser Rückhalt wird gespeist aus stattlichen Steuerzahlungen, die zum Beispiel in Iphofen ein Hallenbad und Winzerhaus entstehen ließen, sowie aus Wohltaten wie einem Knauf-Museum, in dem Gipsrepliken die Weltkunst feiern.

Nun ist der Übertrag von Anteilen an die dritte Generation offenbar abgeschlossen. Ein Gesellschaftsvertrag regelt Details, natürlich auch, dass niemand aus dem Clan an Fremde verkaufen darf. Fünf Enkel arbeiten bereits im Management. Künftig soll sogar Digitalisierung eine stärkere Rolle in dem durch und durch „analogen“ Geschäft spielen.

Knauf beschäftigt sich damit, nicht mehr nur Gipskartonplatten zu liefern, sondern auch alles drumherum – also komplette Wände mit Elektro- und Wasserleitungen. Alles vorgefertigt, alles automatisiert. So könnten Gebäude leicht aufgestockt werden. Vorbild: die Autoindustrie. Mit solchen Modulsystemen arbeiten Wohnungskonzerne wie Vonovia, und in Russland kooperiert Knauf für dieses Zukunftsfeld mit dem dortigen Unternehmen Sveza. „Als Unternehmer muss man Feuer und Flamme sein“, erklärt Nikolaus Knauf. Das Wichtigste aber sei, so sein Vetter Baldwin: „Wir wollen langfristig ein Familienunternehmen bleiben.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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