Nissan Micra im Handelsblatt-Test: Die Micramorphose des kleinen Runden

Nissan Micra im Handelsblatt-Test: Die Micramorphose des kleinen Runden

, aktualisiert 27. April 2017, 06:33 Uhr
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Nissan vollführt beim Generationswechsel des Micra auch einen des Konzepts. War das alte Modell ein blasses Weltauto, ist der Neue ein schnittiger Stadtflitzer nach europäischem Geschmack.

von Frank G. HeideQuelle:Handelsblatt Online

Globalisierung geht nach hinten los, wenn ein „Weltauto“ in Europa nicht verstanden wird. Da hilft nur: Neuerfinden. Nissan hat es getan, beim neuen Micra. Der Kleine ist ein ganz Großer. Mit Abstrichen beim Motor.

Die noch aktuelle Generation des beliebten Kleinwagens Nissan Micra war ein echtes Weltauto. Und das hieß: schmaler und höher als der rundliche Vorgänger. So hoch, dass man innen problemlos Turban tragen konnte, das war beabsichtigt. So schmal, dass man auf Dritte-Welt-Straßen gut klarkam. Viel mehr muss man kaum wissen, um zu verstehen, warum sich das Fahrzeug in Premium-Dienstwagen-Deutschland schlechter verkaufte als seine erfolgreicheren Vorgänger.

Nun soll niemand behaupten, Nissan würde nicht lernen. Also wird die Turban-Idee zum alten Hut, die Japaner proben die „Micramorphose“ vom Weltauto zum Europäer: Der Innenraum wird hochwertiger, das ganze Fahrzeug wächst und wirkt auch viel erwachsener. Man denkt nicht mehr automatisch: „Aha, günstiger Zweitwagen“, wenn man den Neuen sieht. Diese Neuerfindung des Micra wirkt auch, weil der Neue nun knapp vier Meter misst und zudem breiter sowie flacher wurde, was mehr Dynamik auf dem Asphalt vermittelt.

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Und doch bleibt vieles wiedererkennbar, etwa auf dem Fahrersitz. Da werden nach Prognose der Schöpfer von Micra-Generation K14 wohl auch in Zukunft vor allem Frauen jenseits der 50 Platz nehmen, - obwohl man sich ehrlich anstrengt, diese so genannten jungen Menschen zu erreichen, von denen ja alle Hersteller träumen. Zum Beispiel mit der aktuellen Werbung „Triff Deinen Komplizen“, die den ewigen Fiesta-Herausforderer zum Fluchtwagen eines Lifestyle-Pärchens stilisiert, das atemlos durchs staubige New Mexico irrt.

In Wahrheit verhalten sich die ersten Fahrerlebnisse mit der nur noch als Fünftürer erhältlichen fünften Generation viel weniger abgehetzt, aufgeregt (und staubig) als in der Werbung. Das beginnt schon beim Betrachten von Karosse und Innenraum, wenn man unweigerlich innehält und sich fragt: „Moment mal, das soll wirklich ein Micra sein?“ Man sitzt gut eingebettet, genießt tatsächlich auf allen Plätzen ein Raumgefühl, das viel mehr Größe und Lifestyle zeigt, als im Gattungsbegriff Kleinwagen üblicherweise mitschwingt.

Und man muss den Japanern Respekt zollen, wie hochwertig und gut aufgeräumt sie den Innenraum hinbekommen haben, der in den Testwagen immer mit zwei wunderbar kontrastierenden Lederfarben daherkam. Überhaupt: Diese leuchtenden Farben! „Lack is the new Orange“, kalauert man derzeit beim aktuell wachstumsstärksten japanischen Hersteller, in Anspielung auf einen bekannten Netflix-Serienhit.

Leuchtend umrahmen farbige Applikationen modernes Multimedia-Infotainment, auf Wunsch ergänzt von dickem Leder in Kontrastfarbe. Kurz mal anfassen: Tatsächlich, alles echt! Was schon für ein kleines „Wow!“ sorgen kann.

Die bunte Vielfalt geht außen weiter: Zehn verschiedene Basislackierungen gibt es, dazu gesellen sich Styling-Pakete mit Kontrastfarben für Spiegelkappen, Seitenschwellern, Front- und Heckstoßfänger. Zählt man noch die ganzen Akzent-, Teil- und Voll-Folierungen für Haube, Dach und Flanken dazu, ergeben sich über 100 verschiedene Möglichkeiten, mit denen man seinen Micra sehr persönlich gestalten kann.


Und so fährt er sich

Doch die vielen Farben und das Zurückgreifen auf eine samt und sonders bereits bekannte Palette an Motoren sollten nicht den Eindruck erwecken, hier würde dick Schminke aufgetragen: Nissan hat ordentlich in Sicherheit und Assistenten investiert, um den Kleinwagen in puncto Sicherheit für Passagiere und Fracht aufzuwerten.

Von der Autonom-Bremsung inklusive Fußgänger-Erkennung über 360 Grad-Rundumkamera und Totwinkel-Assistent bis zur Spurhaltehilfe punktet der Micra, aber das hat auch seinen Preis: Wer sich selbst mit der obersten Ausstattungslinie und zahlreichen Kreuzchen auf der Optionsliste belohnt, etwa für Highend-Sound aus der Kopfstütze, der darf sich auch nicht über Preise jenseits der 20.000 Euro wundern.

Wer sich eher für die preiswerte Basis interessiert, sollte wissen: Neben den gesetzlich vorgeschriebenen Systemen wie ESP, ABS und Reifendruckkontrolle gehören sechs Airbags, ein Notbremsassistent mit Kollisionswarner, eine Berganfahrhilfe, automatisches Fahrlicht und Warnblinker bei Notbremsungen immer zur Serie.

In höheren Ausstattungen oder optional gesellen sich neben den bereits genannten eine Rückfahrkamera inklusive Parksensoren sowie eine Verkehrszeichenerkennung dazu. Verwaltet wird das Heer an Assistenten über den neuen großen Touchscreen oder die wirklich sinnvoll gruppierten Tasten im Multifunktionslenkrad. Beides funktionierte bei den ersten Testfahrten so intuitiv, dass man behaupten darf: Das lernt jeder während der Fahrt auf den ersten Kilometern.

Insgesamt hinterlässt der Micra in den beiden gefahrenen Versionen einen ordentlichen Eindruck. Fahrwerk, Lenkung und Sitze sind für sich genommen gut und harmonisch auf ein komfortables Fahrerlebnis abgestimmt. Die Sitze bieten ausreichend Seitenhalt, sind aber, ebenso wie das Fahrwerk, in erster Linie auf Alltag ausgelegt. Sport liegt dem Micra fern.

Weniger Freude bereitet ausgerechnet der Motor, dem die größten Marktchancen prognostiziert werden: Der 0,9 Liter große Dreizylinder-Turbo, der beim Auskuppeln spürbar nachschwingt und das Anfahren verzögert, indem er öfter in Leistungslöcher abtaucht bevor es von kernig-knurriger Klangkulisse unterlegt weitergeht. Seine 90 PS fühlen sich auch schon mal wie 70 an, und wer erwartet, dass er von einer 140 Newtonmeter „starken“ Drehmomentwoge davongespült wird, dessen Hinterteil sinkt auch bei Vollgas kaum in den Sitz ein.

Möchte man freudvollen Vorwärtsdrang spüren, braucht es reichlich Drehzahl, die das Triebwerk mit großem Durst bestraft. Der offizielle Normverbrauch von 4,4 Liter schien mir zumindest auf städtischer Kurzstrecke und flotter Landstraße unerreichbar.

Mehr Spaß und Alltagsnutzen verspricht der bekannte Vierzylinder-Turbodiesel mit gleicher PS-Leistung wie der 0.9 IG-T, aber über 30 Prozent mehr Drehmoment (220 Nm), was dann auch wie ein stimmiges Paket wirkt.

Wunder vollbringt auch dieses Triebwerk in puncto Verbrauch und Spitzenleistung nicht, aber die klassische Micra-Kundschaft wird über eine Standard-Sprintzeit (0 -100 km/h) von 11,9 Sekunden und Tempo 179 Spitze nicht meckern. Dafür ist die Agilität und Übersicht im natürlichen Habitat, der City, einfach zu gut, und die anderen Motorisierungen sind schließlich noch langsamer.

Was bleibt über den Tag hinaus vom neuen Micra hängen? Die Bose-Lautsprecher in den Kopfstützen verwöhnten mit super Klang, ohne dass der Beifahrer davon etwas mitbekommt. Eine tolle Idee, wenn die Schwiegermutter mitfährt: Einschalten, und abschalten.

Die feinen Bose-Teile passen als eines von mehreren für die Klasse unerwarteten Extras – für extra Geld natürlich – perfekt zum gehobenen Ambiente, das Nissans Kleinster nun vorträgt. Leder und Assistenten kosten Geld, werten den erwachsen gewordenen Wagen glaubwürdig auf, sodass er kein Duell mit Fiesta, Corsa und Polo scheuen muss. Dass über die ganze Turban-Verabschiedung und Europäisierung des Wagens aber ein Automatik-Angebot vergessen wurde, das ist ein bisschen schade.

Technische Daten
Länge: 3,99 Meter, Breite: 1,73 Meter, Höhe: 1,46 Meter, Radstand: 2,52 Meter, Kofferraumvolumen: 300 bis 1.004 Liter.


Nissan Micra 1,0: 1,0-Liter-Dreizylinder-Saugmotor, 5-Gang-Schaltgetriebe, 54 kW/73 PS, maximales Drehmoment: 95 Nm bei 3.500 U/min, Beschleunigung: 0 - 100 km/h: 15,1 Sek., Vmax: 161 km/h, Durchschnittsverbrauch: 4,6 Liter, CO2-Ausstoß: 107 g/km, Abgasnorm: Euro 6, Effizienzklasse: B, Preis: ab 12.990 Euro.

Nissan Micra 0,9 IG-T: 0,9-Liter-Dreizylinder-Turbomotor mit Direkteinspritzung, 5-Gang-Schaltgetriebe, 66 kW/90 PS, maximales Drehmoment: 140 Nm bei 2.250 U/min, Beschleunigung: 0 - 100 km/h: 12,1 Sek., Vmax: 175 km/h, Durchschnittsverbrauch: 4,4 Liter, CO2-Ausstoß: 99 g/km, Abgasnorm: Euro 6, Effizienzklasse: A, Preis: ab 15.790 Euro.

Nissan Micra 1,5 dCi: 1,5-Liter-Vierzylinder-Turbomotor, 5-Gang-Schaltgetriebe, 66 kW/90 PS, maximales Drehmoment: 220 Nm bei 2.000 U/min, Beschleunigung: 0 -1 00 km/h: 11,9 Sek., Vmax: 179 km/h, Durchschnittsverbrauch: 3,2 Liter, CO2-Ausstoß: 85 g/km, Abgasnorm: Euro 6, Effizienzklasse: A+, Preis: ab 16.190 Euro.

Quelle:  Handelsblatt Online
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