Nissan xTrail im Test: Wie der Schlitten des Weihnachtsmanns

Nissan xTrail im Test: Wie der Schlitten des Weihnachtsmanns

, aktualisiert 07. April 2016, 09:29 Uhr
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Er ist der große Bruder des Qashqai: Das Nissan-SUV bietet unter anderem bis zu sieben Sitze oder bis zu 1.982 Liter Stauraum. Die Preise für den getesteten Urlaubslastesel beginnen bei rund 32.000 Euro, 40.000 sind aber mit Allradantrieb und einigen Extras leicht zu erreichen.

von Alexander MötheQuelle:Handelsblatt Online

Stellen Sie sich vor es ist Schnee und keiner fährt hin. Für uns unerträglich, so haben wir den Nissan xTrail in die Schweiz entführt. Sicherer Tritt, viel Stauraum – die Kutsche schlägt im Test jeden Rentierschlitten.

DüsseldorfDie Schweiz ist ein Land in dem es gleich einige Dinge im Überfluss gibt. Schokolade und Käse zum Beispiel. Früher waren es auch dubiose Nummernkonten. Am bekanntesten ist die Alpenrepublik aber sicher für zwei Sachen: Schnee und Berge. Die Kombination lockt jedes Jahr zahllose, oft wohlbetuchte Touristen an. Und auch weniger gut betuchte, wie mich. Die Erfolgsformel: Mit Freunden eine Hütte mieten, großen Wagen vollpacken, ab dafür.

Dem Polo-Piloten kommt da jeder Testwagen gelegen. Vor allem, wenn er groß ist, ein Diesel – und auch noch Vierradgetrieben. Nach dem Ausflug mit dem Skoda Fabia Kombi im Vorjahr konnte ich diesmal einen Nissan xTrail ergattern. Der hat in Deutschland jeden anderen geräumigen Geländewagen und SUV Nissans ersetzt, seien es Terrano, Pathfinder oder Qashqai +2. Aktuell rollt die dritte Generation vom Band, der Publikumszuspruch ist für ein Dickerchen wie den xTrail durchaus in Ordnung. 741 Stück wurden im Februar zugelassen. Damit ist der Wagen nicht so ein Straßenfeger wie der hauseigene Qashqai, ist aber auf Augenhöhe mit der direkten Konkurrenz.

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Dennoch ist der xTrail im Straßenalltag ein eher seltenes Bild, was allein schon dem geschuldet ist, dass er seine Stärken grundsätzlich auf dem Land und in den Bergen hat. Für Allradfreunde, denn diese Antriebsform gibt es nach Wunsch zuschaltbar, ist der SUV-artige Brummer eine vergleichsweise günstige Einstiegsoption. Preislich liegt er mit 27.200 Euro Einstiegspreis auf dem Niveau des Toyota RAV4 und ist günstiger als Ford Kuga und der kleinere VW Tiguan. In der Schweiz greift man, so die subjektive Erkenntnis, für eine günstige Allradalternative bislang auf den Renault Koleos, der sich mit Unternehmenspartner Nissan ohnehin die Plattform teilt.

Soweit die graue Theorie. Die Praxis beginnt an einem grauen Morgen, in aller Frühe im heimischen Düsseldorf. Zwei Mann an Bord, Gepäck für gefühlt sechs, eine Abholung in Frankfurt, geteilte Rückbank umgeklappt: der Nissan hält. Einmal auf dem Bock des durchaus LKW-esque angelegten SUV fährt der sich überraschend behände. Leer bringt er knappe 1,6 Tonnen auf die Waage, ist 4,64 Meter breit, 1,82 Meter breit und gerade mal 1,71 Meter hoch – das wirkt innen eindeutig höher. Die 131 PS lassen keinerlei Spielraum für Geschwindigkeitsräusche, muss aber auch nicht. Auf der Autobahn ist bei 188 km/h Schluss und das ist gut so.

Unsere Ausstattungsvariante hat so vorzügliche Extras wie Sitzheizungen, die im Niesel den Hintern angenehm umsorgt, und den zuschaltbaren Allrad. Der bleibt eingeschaltet, da der xTrail schon anfällig für Seitenwind ist. Der Vierradantrieb wirkt sich zumindest laut Bordcomputer kaum auf den Verbrauch ist, bietet aber deutlich mehr Fahrstabilität. Und wird ein paar Kilometer die Autobahn hinab noch zum entscheidenden Faktor. Aber davon später mehr.


Der kriegt die Klappe nicht zu

Auf den rund 800 Kilometern bis zum Ziel tuckert der Nissan gemächlich, aber ziemlich bequem voran. Die Sitze werden nie zur Qual, das Lenkrad ist nicht zu schwergängig, es sind reichlich Einstellungsmöglichkeiten vorhanden. Der Verbrauch des 1.6-Liter-Diesels pendelt sich irgendwo bei 6,5 Liter auf 100 Kilometer ein. Die inzwischen gewohnte Abweichung vom Normwert, in diesem Fall mehr als ein Liter. Aber hey, immerhin erreicht der Diesel die Verbrauchsangaben des leistungsstärkeren Benziners. So oder so, mit einer halben Tankfüllung geht es vollgepackt in die Schweiz.

Denn zusätzlich zum Gepäck passen alle Einkäufe der Reisegruppe in den Kofferraum. Denn auch der Wocheneinkauf beim Discounter gehört dazu. Dort hinten sitzt aber auch eines der Übel des Wagens: die automatische Heckklappe. Wenn drei studierte Leute zusammen nicht wirklich rauskriegen, unter welchen Bedingungen diese öffnet und schließt, dann hakt was.

Als am zuverlässigsten erweist sich übrigens die Aktvierung über die Fernbedienung am Autoschlüssel. Die im Deckel eingelassene Taste zum Schließen hat im Testzeitraum grob überschlagen von 20 Versuchen dreimal reagiert. Die Folge: wild ihren Unmut äußernde Menschen, die im dichten Schneetreiben nur mal eben was in den Kofferraum schmeißen wollten.

Was wir letztlich nicht ausprobiert haben, war die dritte Sitzreihe ganz hinten im Fond. Die ist zwar gegen Aufpreis vorhanden, hätte uns aber das genommen, was wir brauchten – Stauraum. Die aufgeklappte Sitzvariante wirkt aber nun wirklich nicht so, als sei sie als Dauerlösung geeignet.

Für Übersicht auf der Bahn sorgen neben der Sitzhöhe die zahlreichen Assistenten. Spurhalteassistent, Toter-Winkel-Assistent, Cruise Control, Müdigkeitswarner, Rückfahrkamera, Parksensor, das alles spielt gut zusammen. Allerdings sind die Spielereien auch nötig, um nach hinten und zur Seite den Überblick zu behalten.

Nach vorne und nach oben ist für alles gesorgt, im Testmodell vor allem durch das Panoramadach. Nicht einmal schließe ich das Glasdach, der Lichteinfall vergrößert den Innenraum gefühlt enorm. Vor allem die Beifahrer haben von der Sicht einiges.

Restwertprognosen im Vergleich von Bähr & Fess Forecasts:

Marke

Modell

PS/kW

Neupreis

Restwert in 4 Jhr.

Wertverlust

VWTiguan Trend & Fun


TSI BMT DSG
150/11028.825 €58% / 16.719 €12.107 €
MazdaCX-5 Prime-Line


Skyactiv-G 150 FWD
150/11026.490 €55,5% / 14.702 €11.788 €
HondaCR-V 2.0 4WD S155/11425.790 €55% / 14.185 €11.606 €
FordKuga Trend


1.5 EcoBoost 4x4
182/13431.000 €51,5% / 15.965 €15.035 €
NissanxTrail Visia, 1.6 DCI131/9627.200 €50% / 13.600 €13.600 €
NissanQashqai Tekna


1.6 DIG-T
163/12030.190 €49,5% / 14.944 €15.246 €
MitsubishiOutlander Plus


2,2 DI-D 2WD
150/11031.490 €48% / 15.115 €16.375 €
HyundaiTucson Turbo Trend


1.6 T-GCI 4WD DCT
177/13031.350 €48% / 15.048 €16.302 €

Der Auftritt bleibt unaufgeregt, die Fahrt immer entspannt, weil der xTrail auch nicht zum Bleifuß verleitet. Das Entertainment-System schluckt recht reibungslos alle angeschlossenen USB- und Bluetooth-Geräte. Der Klang ist allerdings etwas blechern und kann sich gerade bei höheren Geschwindigkeiten kaum gegen die lauten Innenraumgeräusche des Wagens durchsetzen. Schon ab etwa 130 km/h ist eine kräftige Stimme und Einsatz am Lautstärkeregler gefragt.

Das zweite große Ärgernis ist das Navi. Das zeigt sich eigentlich vorbildlich, schlägt Stauumgehungen und Alternativrouten vor. Die Lage anhand von Staumeldungen wird oftmals aber völlig falsch bewertet. Kurz vor Freiburg werden wir, offenbar zusammen mit dem Rest Süddeutschlands, von der A5 über die Landstraße geleitet und verlieren eine Dreiviertelstunde, bevor es auf der freien Autobahn weitergeht. In Bern führt der Stau dazu, dass wir von der üblichen Route über Montreux Richtung Luzern gelenkt werden.


Im Wendekreis des Navis

Was wir nicht wissen und was das System nicht anzeigt: am Ende müssen wir mit dem Autozug fahren. In Luzern selbst begreift das Navi dann nicht, ob wir gerade in einem Tunnel fahren oder auf der Straße darüber. Was zur schwer umzusetzenden Anweisung „jetzt rechts fahren, jetzt links fahren, jetzt rechts fahren, jetzt links fahren“ führt.

Entsprechend fahren wir einmal im Kreis und dann auf den gesperrten Brenner zu. Die Stimme im Navi warnt uns vor einer Routensperrung im Verlauf, obwohl wir gar nicht so weit müssen.

Todesverachtend setzen wir alles auf eine Karte und rattern die Alpen empor. Die Serpentinen machen dem xTrail sogar Laune, der Allradantrieb schiebt den Wagen sicher und zügig um die Kurven. Und der 4WD wird tatsächlich goldwert. Denn oberhalb der Schneefallgrenze – was praktisch die gesamte Schweiz einschließt – wird es zusehends flockiger.

Zum Ziel hin türmt sich letztlich ein Meter Neuschnee auf Hängen und Pisten. Der Nissan, vorschriftsgemäß mit Schneeketten an Bord, fräst sich ohne auch nur die kleinste Unsicherheit durch die Massen. Dort, wo nicht geräumt ist, geben Drehmoment und Gewicht den nötigen Schub, sicher wie der Schlitten des Weihnachtsmanns.

Und das mit jede Menge Geschenken an Bord. Mit ein bisschen Fantasie kann man im Schneetreiben auch die umhertollenden Rentiere erkennen (dramatisiert, muss nicht stimmen). So können wir letztlich auch dem Navi verziehen, denn für 30 Franken bekommen wir eine kleine Abenteuertour durch das verschneite Wallis und fahren das erste Mal in unserem Leben auf einem Zug durch ein Gebirge.

Am Ende kann uns dann auch die vereiste Einfahrt der Hütte nichts mehr anhaben. Dort oben, wo es von Koleos nur so wimmelt, fühlt sich der xTrail sichtlich daheim. Auch, als im Wochenverlauf der Schnee schmilzt und im strahlenden Sonnenschein die Bergstraßen der näheren Umgebung ausgetestet werden.

Eine kleine Rutschpartie mit Sperrdifferenzial auf einem verschneiten Parkplatz inklusive. Die Rückfahrt verläuft völlig sorgenfrei. Bis, ja bis es darum geht, den Klotz in der Heimat wieder einzuparken. Kombi raus aus der Lücke, optimistisches Einschlagen – es folgt die Erkenntnis, dass der xTrail für die Innenstadt schlichtweg zu groß ist.

Fazit: Für einen Preis, der weder sonderlich hoch noch niedrig ist, bekommen Allradfans mit dem Nissan xTrail eine bergtaugliche Familienkutsche mit bis zu sieben Sitzen. Gepäck geht reichlich rein, der Verbrauch ist angemessen, die Leistung ebenso. Auch auf schwierigem Untergrund bewegt der SUV sich sicher. Und mit der optischen Annäherung an den Qashqai hat Nissan eine weise Entscheidung getroffen. Als Reiseauto hat sich der Wagen bewährt, für die Innenstadt sollte es aber schon eine andere Kutsche sein.

Insgesamt hinterlässt der Nissan im Test einen sehr soliden Eindruck. Der Verarbeitung ist mitunter der Kostendruck anzumerken, aber wirklich schwer wiegt das nicht. Lediglich das Navi müsste präziser sein, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Unklar ist, ob das Problem mit der Heckklappe nur eins des Testwagens ist, die Frage können wir auch nach zwei Wochen Praxis nicht beantworten.

Wer Allrad braucht und Platz und dabei auf eine ordentliche Portion Komfort verzichten möchte, ohne direkt in die preislichen Sphären von VW, BMW oder Rover vorzustoßen, sollte den xTrail bei Probefahrten sicher mit einbeziehen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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