Notenbanken und Sparer: „Nullzinsen werden mittlerweile akzeptiert“

Notenbanken und Sparer: „Nullzinsen werden mittlerweile akzeptiert“

, aktualisiert 01. April 2016, 13:01 Uhr
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Die Niedrigzinsphase trifft Sparer hart.

von Jens HagenQuelle:Handelsblatt Online

Noch rechnet niemand mit Minusrenditen für Kleinsparer. Der Branchenexperte Oliver Mihm erklärt im Interview, wann es soweit sein könnte – und in welchen Bereichen die Banken noch höhere Erlöse erzielen können.

Oliver Mihm ist ein alter Hase. Er war bei der Deutschen Bank, entwickelte neue Zahlungssysteme und berät als Vorstandsvorsitzender der Unternehmensberatung Investors Marketing seit langen Jahren Banken und Sparkassen im Privatkundengeschäft. Die aktuellen Herausforderungen, die die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank Sparern und Bankern stellt, sind für Mihm dennoch außergewöhnlich. Im Interview erklärt er, wann Sparern Minuszinsen drohen und ab wann das Zinstief die Bilanzen der Banken ruiniert.

Herr Mihm, das Zinstief beunruhigt viele Kleinsparer. Wann gibt es erstmals negative Zinsen auf ihre Einlagen?
Minuszinsen sind in der Öffentlichkeit sehr unpopulär, die Banken werden sich sehr lange dagegen sträuben. Wenn die Zinsen weiter runtergehen, wird es aber auch Negativzinsen für Tages- und Festgelder geben.

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Welche Kundengruppen wären zuerst betroffen?
Es dürfte eine Kaskade geben. Zuerst sind die Unternehmen und Geschäftskunden betroffen. Dann die großen Einlagen von Privatkunden. Zu allerletzte Sparkonten unter 100.000 Euro. Bis zu diesem letzten Schritt müsste aber noch einiges passieren. Das zeigt der Blick in die Schweiz.

Wie gehen die eidgenössischen Institute mit dem Thema um?
In der Schweiz liegt der Satz, zu dem die Banken kurzfristig Geld bei der Notenbank parken bei minus 0,75 Prozent. Trotzdem gibt es noch keine Minuszinsen für Einlagen unter 100.000 Schweizer Franken. Das liegt aber auch daran, dass die Margen im Schweizer Kreditgeschäft höher sind.

Was bedeutet das für Deutschland?
Hierzulande liegt der Strafzins für kurzfristige Bankeinlagen zwischen 0,3 und 0,4 Prozent. Wenn wir Schweizer Verhältnisse hätten, dürften die ersten deutschen Institute über Minuszinsen auch für Kleinsparer zumindest nachdenken. Wenn ein großes Institut die tatsächlich einführt, werden andere nachziehen.

Schon jetzt gibt es zahlreiche Tagesgelder zu 0,00 Prozent. Wie erklären die Banker ihren Kunden eigentlich, dass es keine Zinsen mehr gibt?
Die Berater verweisen auf Mario Draghi und die Zinsvorgaben der Zentralbank. Das verstehen die meisten Kunden. Es ist sogar so, dass der größte Teil von ihnen Nullzinsen mittlerweile akzeptiert. Jede Bank und hier insbesondere die Direktbanken, die noch Zinsen zahlen, haben in den vergangenen 12 Monaten mehrfach Mitteilungen über Zinssenkungen versendet.

Gibt es keine großen Wechselbewegungen hin zu Instituten, die höhere Zinsen bieten?
Nein. Umfragen zeigen, dass 80 Prozent der Kunden ihrem Institut auch bei schlechteren Konditionen treu bleiben. Und auch bei preissensitiven Kunden wächst die Frustration. Ein Wechsel zu einem Institut, das statt Nullzinsen noch 0,4 Prozent bietet erscheint nicht wirklich attraktiv. Erst bei Offerten von mehr als einem Prozent wächst das Interesse wieder.

Viele Banken erhöhen derzeit ihre Gebühren…
..und werden in der Presse dafür zu Unrecht geradezu abgekanzelt. Bisher haben die Banken dieses Thema wegen der guten Erträge aus anderen Bereichen vernachlässigt. Aber Zahlungsverkehr kostet Geld, die Institute investieren Milliarden in Sicherheit oder IT. Trotzdem sind Banküberweisungen, EC-Karten und Geldautomaten oft noch gratis.


„Die Zinserträge der Banken brechen weg“

Ein kostenloses Girokonto zählt längst zum Standard bei kundenfreundlichen Banken.
Es geht um eine sehr wertvolle Dienstleistung, die die Institute anbieten. Wer erwartet etwa von seinem Telekomanbieter, dass er kostenlos telefonieren darf? Da müssen die Kunden umdenken. Und die Banken auch. Jedes Jahr wechseln 3,5 Millionen Kunden ihr Konto. Die Zahl ist seit Jahren stabil. Wir erwarten daher keine nennenswerte Fluchtbewegung, wenn mehr Banken jetzt Gebühren einführen. Abgesehen davon sollte man „kostenlos“ nicht mit „kundenfreundlich“ gleichsetzen.

Das Zinstief frustriert nicht nur viele Kunden, sondern auch die Banker. Welche Erträge schwinden?
Das Zinstief ist für die ganze Branche ein Problem. Die Zinseinnahmen, die neben den Provisionserträgen die Haupterlösquellen im klassischen Bankgeschäft sind, schwinden.

Wie sieht das in der Praxis aus?
Nehmen wir mal eine klassische, mittelgroße Privatbank. In der Vergangenheit war das Verhältnis von Zinseinahmen und Provisionserträgen etwa bei 75 zu 25. In den nächsten zwei bis drei Jahren dürfte das Verhältnis dann bei gut 65 zu 35 liegen. Das bedeutet aber nicht, dass die Provisionserträge deutlich gestiegen sind, sondern dass die Zinserträge wegbrechen und die Bank insgesamt weniger verdient.

Banker berichten immer noch von auskömmlichen Margen im Privatkundengeschäft.
Auch diese Margen sind unter Druck, das Problem liegt aber woanders. Am Kapitalmarkt erzielen die Banken bei Neuanlagen keine ausreichenden Erträge mehr. Die langlaufenden Zinstitel, die noch mit drei bis vier Prozent rentieren, laufen bald aus. In den Bilanzen 2017 und 2018 werden wir ein deutliches Absinken der Zinserträge sehen. Die Situation ist für viele Institute eine echte Herausforderung.

Was bedeutet das für die Banken?
Das Problem ist so groß, dass Einzelmaßnahmen hier und da nicht ausreichen. Die Kosten müssen runter, sowohl beim Personal, den Filialen wie auch bei IT und Prozessen.

Werden wir weitere Filialschließungen sehen?
Ja. Das liegt nicht nur am Ergebnisdruck, sondern auch an den veränderten Nutzungsgewohnheiten der Kunden. Wir erwarten einen Rückgang auf 20.000 Filialen in 2024. Damit hätte sich die Zahl der Filialen in den letzten 20 Jahren mehr als halbiert. Es ist aber nicht alles hoffnungslos, auf der Ertragsseite gibt es Potenzial für die Banken.

Wo können Banken noch gutes Geld verdienen?
Eine reine Erhöhung der Margen im Kreditgeschäft reicht nicht aus, zumal hier die Risiken steigen. Die Geschichte zeigt, dass in Zeiten niedriger Zinsen vielen Kunden Kredite erhalten, die sie bei einem Zinsanstieg nicht mehr tilgen können. Die Banken müssen hier aufpassen. Der größere Hebel liegt im Bereich Girokonto und Kreditkarte aber auch im Provisionsgeschäft mit Wertpapieren.

Die Deutschen sind nicht gerade als ein Volk der Börsenspekulanten bekannt.
In Europa sind wir bei der Aktienquote sogar das Schlusslicht. Wir müssen aber realisieren, das Sparbücher und auch klassische private Vorsorgeprodukte wie Lebenpolicen auf Sicht keine Renditen mehr bringen. In Zukunft dürften wir Modelle zum Vermögensaufbau und in der privaten Altersvorsorge übernehmen, wie sie im Ausland schon seit Jahrzehnten Usus sind. Garantien wird es seltener geben. Die Investitionsquote im Aktienmarkt wird steigen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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