Obama in Argentinien: Kleine Revolutionen im Eiltempo

Obama in Argentinien: Kleine Revolutionen im Eiltempo

, aktualisiert 23. März 2016, 11:54 Uhr
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Barack Obama besucht den neuen argentinischen Präsidenten Mauricio Macri – und wir am Flughafen von dessen Mitarbeitern herzlich empfangen. Mit dabei: eine Wirtschaftsdelegation von 400 Unternehmern.

von Alexander BuschQuelle:Handelsblatt Online

Der neue argentinische Präsident Macri krempelt sein Land um - und öffnet es für Investoren. Obamas angekündigter Staatsbesuch zeigt den neuen Respekt. Doch der Reformkurs ist auch ein Rennen gegen die Zeit.

Buenos AiresAls das letzte Mal ein US-Präsident Argentinien vor mehr als zehn Jahren besuchte, wurde dies ein peinliches Fiasko: Der argentinische Präsident Néstor Kirchner beschimpfte George W. Bush beim Amerikagipfel als Imperialisten - und die vereinten linken Staatschefs applaudierten. Seitdem machten US-Präsidenten bei ihren Südamerika-Reisen einen weiten Bogen um das Tangoland. Doch nun hat sich Barack Obama beim neuen argentinischen Präsidenten Mauricio Macri zu Besuch angekündigt - und das gleich mit einer Wirtschaftsdelegation von 400 Unternehmern.

Kein Zweifel: Obama will seinem Kollegen in Argentinien Respekt erweisen - und zugleich Pflöcke für die eigene Wirtschaft einschlagen. Denn Argentinien erlebt unter Macri, dem Unternehmer und früheren Bürgermeister von Buenos Aires, derzeit eine unerwartete, von Euphorie getragene Blütephase. In seinen ersten 100 Tagen im Amt hat er eine politische und wirtschaftliche 180-Grad-Wende vollzogen. Es ist ein radikaler Bruch mit der Politik der vergangenen zwölf Jahre unter den Kirchners.

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Der neue Präsident setzt systematisch um, was er im Wahlkampf versprochen hat. Mit einem Kabinett, das vor allem aus ehemaligen Managern, Investmentbankern und Politikern mit internationalen Karrieren besteht, gab er kurz nach Amtsantritt bereits den Wechselkurs des Pesos frei und schaffte die Devisenkontrollen ab. Macri öffnet das verschlossene Land für den Handel, hat Importrestriktionen aufgehoben und die Exportsteuern auf Agrarprodukte reduziert.

Auch den Streit über Altschulden nach der Pleite des Landes 2001 hat Macri überraschend schnell gelöst. Unter Cristina Fernández de Kirchner waren die Fronten bis Ende vergangenen Jahres verhärteter denn je. Macri aber einigte sich mit den Hedgefonds in New York und bringt die nötigen Gesetze dazu derzeit schrittweise durch den Kongress - obwohl er dort nicht über die Mehrheit verfügt. In der Weltpolitik wird es noch dauern, bis Argentinien voll rehabilitiert sein wird. Doch Macris kleine Revolutionen im Eiltempo finden Beachtung.


Expansion auf den argentinischen Markt

"Seine Entscheidungen überraschen in der Geschwindigkeit, mit der sie getroffen, und der Effizienz, mit der sie umgesetzt werden", sagt Dante Sica, einer der führenden Wirtschafts- und Politikberater Argentiniens. Sica spürt die Zeitenwende in seinem Beratungsunternehmen Abeceb hautnah. "Bis vor drei Monaten wollten die Unternehmen wissen, wie hoch die Inflation ausfallen werde und ob sie importieren dürfen", erklärt Sica.

Jetzt wollten ausländische Unternehmen wissen, wie sie auf den argentinischen Markt expandieren können. Sica ist optimistisch, dass Argentinien die Rolle spielen könnte, die Brasilien im vergangenen Jahrzehnt in Südamerika spielte.

Der Nachholbedarf im Land ist zumindest enorm: Eineinhalb Jahrzehnte wurde in Argentinien kaum investiert. Dafür sind die Unternehmen kaum verschuldet, denn sie bekamen ohnehin keine Kredite. Die private Verschuldung beträgt gerade einmal sieben Prozent der Wirtschaftsleistung. Und anders als viele Schuldennationen weltweit hat Argentinien mit einer hochmodernen Landwirtschaft eine Devisenquelle, um Kredite abzahlen zu können.

Auch deutsche Unternehmen sind wieder an Argentinien interessiert. Offiziell will sich die Deutsch-Argentinische Handelskammer nicht äußern. Doch von Mitarbeitern ist zu hören, dass "die Telefone seit Dezember nicht mehr stillstehen". Der deutsch-argentinische Wirtschaftsanwalt Martin Jebsen hat seit Macris Antritt vier neue Unternehmen aus den Branchen Elektronik und Bau für Klienten gegründet. Bis vor kurzem war er damit beschäftigt, Firmen zu schließen.

Nelson Visioli, Geschäftsführer des deutschen Automatisierungstechnikers Phoenix Contact, hat im Januar mit Klemmen und Schalterelementen den dreifachen Monatsumsatz gemacht im Vergleich zu den Jahren davor. "Die Unternehmen holen ihre Pläne für Projekte aus der Schublade", sagt er. Zum ersten Mal seit vier Jahren überwies er eine Dividende ans Mutterhaus in Norddeutschland.


Die Probleme im Land sind groß

Doch die Probleme im Land sind groß: Die Inflation liegt bei über 30 Prozent, die Leistungsbilanz ist negativ und die Staatsverschuldung in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Auch die Krise im Nachbarland Brasilien bekommt Argentinien zu spüren - etwa über den deutschen Investor Volkswagen. Seit zwölf Jahren sind die Wolfsburger Marktführer im Pampaland.

Doch die Produktion ist im zweiten Jahr in Folge eingebrochen, denn 80 Prozent der argentinischen Pkw-Exporte gingen bisher nach Brasilien. Weniger als die Hälfte der Kapazitäten werden dieses Jahr ausgelastet sein. Pablo Di Si, Chef von VW in Argentinien, fordert: "Wir müssen neue Märkte erschließen."

Macri pokert hoch. Einerseits braucht das Land dringend Investitionen aus dem Ausland. Ausländische Investoren sollen Projekte in der Infrastruktur, Energie und Telekom finanzieren. Nur so können Jobs geschaffen und kann die stagnierende Wirtschaft wieder angetrieben werden. Deshalb ist auch Obamas Staatsbesuch wichtig.

Doch es bleibt abzuwarten, ob die Investoren tatsächlich so schnell im großen Stil kommen, wie Macri sie braucht, um sich an der Macht zu halten. Denn sollte die Inflationsrate weiter steigen, droht sich die Preis-Lohn-Spirale immer schneller zu drehen. Dann wären auch die Wettbewerbsvorteile des abgewerteten Pesos neutralisiert. Um Streiks zu vermeiden, toleriert Macri vorerst eine höhere Teuerung, als die Wirtschaft es sich wünscht. "Er wird die nächsten Monate auf die Notenpresse angewiesen sein, um das Haushaltsdefizit zu finanzieren", sagt Sica. Derzeit genießt er hohe Unterstützung in der Bevölkerung: Obwohl er im November nur knapp die Wahlen gewonnen hat, halten ihn fast 70 Prozent der Argentinier für einen guten Präsidenten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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