Ökostrom: Energie vom Erzeuger aus der Nachbarschaft

Ökostrom: Energie vom Erzeuger aus der Nachbarschaft

, aktualisiert 14. November 2016, 10:35 Uhr
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Virtuelle Kraftwerke verbinden Solarzellen, Windräder und Biogasanlagen

Quelle:Handelsblatt Online

Virtuelle Kraftwerke verbinden Solarzellen, Windräder und Biogasanlagen. Das bietet neue Chancen für Ökostrom-Erzeuger - sie können sich gezielt Haushalten in der Nachbarschaft als Stromlieferant andienen.

DüsseldorfSupermarkt-Kunden machen es vor: Da viele Frischwaren als regionale Produkte gekennzeichnet sind, greift man hier besonders guten Gewissens zu. Geht es nach Torge Wendt, ist räumliche Nähe künftig auch beim Energieeinkauf ein Faktor. Sein Unternehmen hilft Windmüllern, Solarparkbetreibern und Bauern mit Biogasanlagen in Schleswig-Holstein, sich Haushalten in der Nachbarschaft als Stromlieferant anzudienen.

„Das stärkt Wirtschaftskreisläufe in der Region und erhöht die Akzeptanz für die Anlagen“, sagt der Chef von Nordgröön. Kürzlich gestartet, ist die regionale Direktvermarktung die jüngste Dienstleistung des 2012 gegründeten Unternehmens. Den Anlagenbetreibern verspricht Wendt Zusatzerlöse mit überschaubarem Aufwand: Nordgröön unterstützt sie auf dem Weg zum privaten Energieversorgungsunternehmen, der wegen vieler bürokratischer Hemmnisse mühsam ist.

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Das Start-up sorgt zudem dafür, dass bei Bedarf Anlagen anderer Betreiber einspringen. Umgekehrt wird bei einem Überangebot an Strom, der lokal nicht verbraucht wird, die überschüssige Energie gewinnbringend weiterverkauft. Hinter dem Geschäftsmodell stehen ausgeklügelte Algorithmen und eine Vernetzung über das Internet.

Mehrere Hundert Solar-, Wind- und Biomasseanlagen hat Nordgröön zu einem sogenannten virtuellen Kraftwerk mit einer Leistung von 800 Megawatt zusammengeschlossen. Gebündelte Kapazitäten verkaufen die selbst ernannten Energielogistiker nicht nur an regionale Abnehmer, sondern auch über die Strombörse und an Übertragungsnetzbetreiber. Es ist ein lohnendes Geschäft: Nordgröön gibt seine Umsätze anteilig an die Anlagenbetreiber weiter, die so mit ihrem Regionalstrom höhere Erlöse als durch die starre Einspeisevergütung erzielen können.

Auch das Projekt Energiewende profitiert, denn der flexible Anlagenverbund hilft, Stromangebot und Nachfrage in Einklang zu bringen. Je nach Bedarf können Erzeuger neu gebündelt werden, dank der flexiblen Biogasanlagen sind auch schnelle Leistungsänderungen möglich. So liefert das virtuelle Kraftwerk - ähnlich wie etwa Gaskraftwerke - auch Regelenergie, mit der Übertragungsnetzbetreiber kurzfristig Schwankungen der Stromfrequenz ausgleichen.

Deutschlandweit gibt es laut PwC etwa 100 virtuelle Kraftwerke. Davon nehmen 37 am Regelleistungsmarkt teil, 26 vermarkten an der Strombörse. Das Potenzial sei noch lange nicht ausgeschöpft, sagt Joachim Albersmann, Energiemarktexperte der Unternehmensberatung. „Virtuelle Kraftwerke versprechen Flexibilität, die immer mehr gefragt ist, weil herkömmliche Kraftwerke vom Netz gehen und der Zubau der Erneuerbaren anhält.“


Auch kommunale Unternehmen drängen in den Markt

Anbieterseitig drängen neben Newcomern wie Nordgröön zunehmend kommunale Unternehmen in den Markt. „Für die Stadtwerke werden virtuelle Kraftwerke ein wichtiges Instrument zur Kundenbindung“, prognostiziert Albersmann. Weil der Aufbau eines Pools komplex sei, würden viele Stadtwerke auf die Technik von Spezialisten zurückgreifen. Rund 50 Unternehmen bieten laut PwC in Deutschland entsprechende Produkte und Dienstleistungen an.

Dazu zählt das in Albstadt ansässige IT-Unternehmen Gridsystronic Energy. Es stellt auch auf der Branchenmesse Intersolar aus, die heute beginnt. Das Start-up hat Anschlussboxen und eine Steuerungssoftware für virtuelle Kraftwerke entwickelt, die es an Stadtwerke vermieten will. Die Besonderheit: „Wir haben die bisherigen Anbindungskosten auf ein Zehntel gesenkt“, sagt Geschäftsführer Sebastian Mayer. „Damit lohnt es sich, auch Kleinstanlagen anzubinden.“

Bisher gilt eine Mindestleistung von 100 bis 150 Kilowatt als Untergrenze, bei der einzelne Anlagen wirtschaftlich vernetzt werden können. Gridsystronic Energy will diese Marke auf nur ein Kilowatt senken. „Aktuelle Anschlussboxen sind sehr teuer, weil viel Rechenleistung enthalten ist“, erklärt Mayer. „Wir verlagern diese Intelligenz dagegen weitgehend auf den Server.“

Erprobt wird die Technik derzeit in dem vom Land Baden-Württemberg geförderten Projekt „mikroVKK“ bei elf Stadtwerken - eingebunden sind jeweils fünf Anlagen unterschiedlicher Größe. Kleinanlagen nimmt auch die RWE-Gruppe ins Visier. Sie betreibt in Deutschland seit 2012 kommerziell virtuelle Kraftwerke mit einer gebündelten Leistung von mehr als zwei Gigawatt. Mit Siemens will RWE die Plattform auf eine neue Stufe heben: Unter dem Namen „Smartpool“ erproben die Konzerne günstigere Hard- und Software mit erweitertem Leistungsumfang.

„Unser Ziel ist es, die Technik massenmarktfähig zu machen“, sagt Projektmanager Martin Kramer. Auch er hat dabei die Untergrenze für die wirtschaftliche Anbindung einzelner Anlagen von rund 150 Kilowatt im Blick. „Diese Grenze wollen wir deutlich senken.“

Vermarktet werden soll Smartpool ab Ende dieses Jahres. Auch Stadtwerke können die Lösung nutzen. „Der Aufbau der Infrastruktur ist im Alleingang sehr aufwendig“, sagt Kramer.

Quelle:  Handelsblatt Online
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