Öl- und Gasförderung: Unter Druck in der Nordsee

Öl- und Gasförderung: Unter Druck in der Nordsee

, aktualisiert 26. April 2016, 12:59 Uhr
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Allein in der norwegischen Ölbranche wurden 30.000 von einst 300.000 Jobs abgebaut.

von Matthias StreitQuelle:Handelsblatt Online

In den USA gab es bereits Insolvenzen von Ölförderern wegen des Ölpreises. In diesem Jahr könnte es für Unternehmen in der Nordsee brenzlig werden. Unternehmensberater sehen nur einen Ausweg aus der misslichen Lage.

Frankfurt am MainEine Fusionswelle in der europäischen Öl- und Gasbranche hat begonnen: Im Januar verkaufte Eon sein Explorations- und Produktionsgeschäft an die die britische Firma Premier Oil für 135 Millionen US-Dollar. Ebenfalls im Januar kaufte der norwegische Staatskonzern Statoil einen 11,9 Prozent Anteil der Schweden von Lundin Petroleum. Doch das dürfte erst der Anfang gewesen sein.

Die Unternehmensberatung A. T. Kearney kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass die Öl- und Gasförderer wegen des niedrigen Ölpreises vor einer Reihe von Zusammenschlüssen und Übernahmen stehen. Seitdem der Ölpreis von knapp 115 Dollar je Barrel (159 Liter) im Juni 2014 auf derzeit unter 45 Dollar sank, befindet sich die Branche in der Krise. In diesem Jahr dürften vor allem Unternehmen im Fokus stehen, die in der Nordsee tätig sind. Ausschlaggebend dafür seien vor allem zwei Gründe.

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Erstens sind die Produktionskosten in vielen Feldern der Nordsee deutlich höher als beispielsweise beim Fracking oder der Produktion auf der arabischen Halbinsel. So erwirtschaftet nur etwa die Hälfte aller Ölfelder vor den Küsten Norwegens und Großbritanniens Gewinne, wenn der Ölpreis unter 45 Dollar liegt. Fällt der Preis unter 30 Dollar, also auf die Tiefststände im Januar, sind nur noch knapp ein Viertel aller Felder wirtschaftlich profitabel.

Zweitens hätten viele kleinere Anbieter ihren Markteinstieg auf Pump finanziert, als die Preise noch deutlich über dem heutigen Niveau lagen. Es drohen daher Liquiditätsengpässe und ausfallende Kreditzusagen. Speziell eine Methode, mit der sie sich Geld bei Banken liehen, erschwert ihnen nun das Geschäft: „Die Praxis des sogenannten Reserve Based Lendings (RBL), bei denen Unternehmen den Wert ihrer Reserven beleihen, zwingt sie bei dauerhaft niedrigen Ölpreisen zusätzlich zum Verkauf von Firmenanteilen“, schreibt das Autorenteam von A.T. Kearney in der Studie.

Daher stehen nicht zuletzt die kleinen Unternehmen stärker unter Druck. Wie schnell es nicht nur in den USA, sondern auch in der Nordsee gehen kann, zeigen die Beispiele First Oil Expro und Iona Energy, die Anfang 2016 Konkurs anmeldeten. Bislang lag der Fokus vor allem auf US-Unternehmen, wo bis Ende 2015 etwa 40 Förderfirmen Insolvenz anmeldeten.

„Schlüsselrisiken liegen bei den kleineren Explorations- und Produktionsfirmen sowie kleineren Zulieferern. Sie sind finanziell weniger flexibel als die großen Unternehmen, nicht zuletzt in hochpreisigen Region wie der Nordsee vor Großbritannien“, erklärt Alex Griffiths von der Ratingagentur Fitch.

Für Zukäufe stehen allen voran die großen Multis bereit. „In diesem Jahr trennt sich die Spreu vom Weizen: Wenigen finanzstarken Unternehmen steht eine große Zahl potenzieller Kaufkandidaten gegenüber, denen durch den niedrigen Ölpreis und hohe Schulden die Puste ausgeht“, sagt Tobias Lewe, Leiter des Energiebereichs in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika bei A.T. Kearney.

Die Nationalen Ölkonzerne scheiden hingegen eher aus. Deren Ambitionen bei Fusionen und Übernahmen seien von den Staatshaushalten ihrer Länder sowie der politischen Agenda abhängig. Das beschränkt sie. Wahrscheinlich seien in ihrem Fall jedoch Zukäufe von bereits erforschten Reserven, um die kostspielige eigene Erkundung neuer Felder zu vermeiden.


Filetstücke statt Mega-Merger

Zudem glauben die Experten von A.T. Kearney, dass sich, neben den großen Ölkonzernen, Finanzinvestoren wie Private Equity stärker an Übernahmen und Fusionen beteiligen werden. Allein von 2014 auf 2015 wuchs ihre Beteiligung von 61 auf 100 Milliarden Dollar – also etwa ein Fünftel des gesamten Handelsvolumens. Ein Beispiel dafür ist etwa das zwei Milliarden Dollar schwere Investment von Brookfield Asset Management und Macquarie an Apache Energy (USA). Auch in Europa könnten sich die Finanzdienstleister stärker an Deals beteiligen.

Wenn die Firmen überleben und ihre Selbstständigkeit wahren wollen, bleibt ihnen meist keine Alternative, als ihre Kosten drastisch zu senken. Das gilt für die Großen wie für die Kleinen. So gingen in der norwegischen Ölbranche seit Beginn des Preisverfalls im Juni 2014 etwa 30.000 von 300.000 Stellen verloren. Bis 2018 soll sich der Abbau auf 50.000 Stellen erhöhen.

„Von vielen schwachen und nicht wettbewerbsfähigen Betreibern wird das kommende Jahr schwierige Entscheidungen und eine große Portion Überlebenswillen abfordern“, prognostiziert Tobias Lewe. „Kreative Strategen haben dagegen gute Chancen, ihr Unternehmen in einem umfassenden Transformationsprozess erfolgreich für die Zukunft auszurichten.“

Zu diesen könnten einem Finanzvorstand eines Ölunternehmens zufolge etwa Derivate-Geschäfte gehören. Der Nachteil dessen sind jedoch hohe Gebühren und die in Zeiten volatiler Ölpreise spekulative Natur der Geschäfte. Klassischer ließe sich da schon mit Anleihen arbeiten. Geld von Investoren und Anlegern leihen sich nicht nur große Konzerne wie Exxon, das im Februar Anleihen im Wert von zwölf Milliarden Dollar begab. Dieser Strategie bedienen sich auch kleinere Unternehmen wie die französische Explorationsfirma CGG, die sich bereits vor zwei Jahren 500 Millionen Euro am Finanzmarkt lieh.

Bei allem Kostendruck, der in der Ölbranche aktuell vorherrscht: Die Experten von A. T. Kearney rechnen nicht damit, dass es viele Mega-Deals in der Größenordnung der Übernahme von BG Group durch Shell (82 Milliarden Dollar) geben wird. Stattdessen werden sich die Käufer wohl in erster Linie die Filetstücke greifen wollen.

„Die großen Player erwägen milliardenschwere Zukäufe in den kommenden Jahren“, erklärt Griffiths von Fitch. Gerade in der Nordsee dürfte die Entwicklung äußert spannend werden. „Allerdings dürften viele Assets in den Nordsee schwer verkäuflich sein, gerade was den Teil Großbritanniens angeht.“ Unter anderem aus Kostengründen sei der norwegische Teil dabei im Vorteil.

Zudem ist die Infrastruktur der einzelnen Plattformen in der Nordsee stark miteinander vernetzt. „Plattformen, die an wichtigen Knotenpunkten liegen und von schwächeren, kleinen Firmen betrieben werden, erhöhen die Risiken. Denn sollte es dort zu Stilllegungen kommen, könnte dies einen Dominoeffekt auslösen“, schreiben die Autoren der Studie. Dass große Akteure am Markt dem nicht tatenlos zusehen, darf erwartet werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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