Ölpreisverfall ruiniert Finanzen : Die neuen Geldquellen der Saudis

Ölpreisverfall ruiniert Finanzen : Die neuen Geldquellen der Saudis

, aktualisiert 20. April 2016, 14:34 Uhr
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Der Ölpreisverfall zwingt Saudi-Arabien auf den Kapitalmarkt.

von Julia RotenbergerQuelle:Handelsblatt Online

Saudi-Arabien will vom Öl loskommen – und wird deshalb zum Schuldner. Zum ersten Mal seit 25 Jahren leiht sich das Land Geld von internationalen Banken. Weitere Finanzquelle: ein gigantischer Staatsfonds.

DüsseldorfAuf den internationalen Finanzmärkten war Saudi-Arabien lange Zeit eine klare Rolle zugewiesen: die des reichen Kreditgebers. Doch das war, bevor sich der Ölpreis mehr als halbierte und alle Versuche, einen Förderstopp durchzusetzen, scheiterten. Nur wenige Tage nach den geplatzten Gesprächen der Ölproduzenten in Katars Hauptstadt Doha, wagt sich das Ölförderland auf den internationalen Kapitalmarkt – das erste Mal seit 25 Jahren.

Das Wüsten-Königreich nimmt einen fünfjährigen Kredit über zehn Milliarden US-Dollar auf. Kreditgeber ist ein internationales Banken-Konsortium, zu dem Investmentbanken wie JP Morgan, Tokio-Misubishi-Bank und HSBC gehören, wie die „Financial Times” berichtet. Jede von ihnen leiht den Saudis mindestens 500 Millionen US-Dollar. Vor allem asiatische Investoren geben nur zu gerne Kredit. Und das, obwohl das Königreich zuletzt eine Herabstufung durch Rating-Agenturen verkraften musste. So groß war die Nachfrage, dass Saudi-Arabien statt den ursprünglich angedachten sechs Milliarden nun zehn Milliarden US-Dollar von seinen Kreditgebern bekommen kann.

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Gemessen an den Schulden, die andere Länder aufnehmen, sind die Saudis bescheiden: Deutschland beispielsweise hat seit Jahresbeginn Anleihen von rund 74 Milliarden Euro an den internationalen Kapitalmärkten platziert. Doch der Deal markiert eine Wende: Saudi-Arabien wird dadurch vom Kreditgeber zum Schuldner. Investoren hoffen, dass sich das Königreich in Zukunft weiter öffnet. Sie rechnen damit, dass das Land demnächst eine Staatsanleihe begeben wird. Weitere Bonds könnten von saudi-arabischen Unternehmen kommen, an denen sich bislang internationale Anleger nur schwer beteiligen können - trotz vorsichtiger Öffnung des Kapitalmarkts. Der Bankenkredit ist für Saudi-Arabien somit eine gute Gelegenheit zu testen, wie das Land bei Investoren ankommt.

Das ist wichtig, denn der Wüstenstaat will sich wirtschaftlich neu aufstellen. Mit einer Fördermenge von mehr als zehn Millionen Barrel am Tag ist er der derzeit größte Erdöl-Exporteur unter den Opec-Staaten. Langfristig will er aber unabhängiger vom Rohstoff. Kein Wunder: Seit 2014 hat der Ölpreisverfall die saudi-arabischen Finanzreserven stark angegriffen. Kostete ein Barrel der richtungsweisenden Sorte Brent im Sommer 2014 noch 110 Dollar, rutschte der Preis im Januar dieses Jahres auf ein Tief von 30 US-Dollar je Barrel.

Für den saudischen Staatshaushalt ist das eine enorme Belastung: 120 Milliarden US-Dollar an Reserven sind so weggeschmolzen. Das Staatsdefizit soll laut Prognosen in diesem Jahr auf 19 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anwachsen. Und eine Stabilisierung des Ölpreises ist nicht in Sicht. Lediglich eine Reduzierung der weltweiten Erdölfördermenge würde den Preis – zumindest auf kurze Sicht – wieder nach oben treiben. Doch dazu sind nicht alle Förderstaaten bereit – allen voran nicht Saudi-Arabiens Erzrivale Iran. Dieser hat seine Erdölfördermenge zuletzt auf vier Millionen Barrel pro Tag erhöht. Und: Selbst wenn eine Fördermengen-Kürzung gelänge, würde sie dem Land auf lange Sicht vermutlich wenig nützen. Denn steigt der Ölpreis erst über die 55-Dollar-Marke, lohnt es sich für die US-Schieferöl-Produzenten wieder zu fördern. Und das hätte einen erneuten Preisrückgang zur Folge.


Ein Billionen-Staatsfonds soll helfen

Fest steht also: Das billige Öl bringt Saudi-Arabien ganz schön in die Bredouille. Bereits im Dezember vergangenen Jahres hatte deshalb der saudische König, Salman ibn Abd al-Aziz, Wirtschaftsreformen angekündigt. Diese sahen vor, die Staatsfinanzierung auf eine breitere Basis zu stellen sowie die Investitionen einheimischer und ausländischer Unternehmen in Saudi-Arabien zu erleichtern. Sein Sohn, Prinz Mohammed bin Salman, wird am 25. April einen konkreten Reformplan veröffentlichen, seine „Vision von Saudi-Arabien”.

Teil dieser Vision dürfte ein riesiger Staatsfonds werden. Saudi-Arabien besitzt schon jetzt einen Staatsfonds, den Public Investment Fund (PIV). Doch ist dieser mit einem Wert von rund 100 Milliarden Dollar vergleichsweise klein. Nun soll er auf ein Volumen von bis zu zwei Billionen US-Dollar wachsen. Das wird möglich, indem Aktien der Muttergesellschaft des staatlichen Erdöl-Förderkonzerns Saudi Arabian Oil (Aramco) an der Börse platziert und diese dann an den Fonds transferiert werden. Der Börsengang, der für 2017 oder 2018 geplant ist, würde es Saudi-Arabien erlauben, sich von der Direktfinanzierung aus Öl loszuketten. Die Pläne sind inzwischen so konkret, dass der Staatsfonds international erfahrene Banker sucht, die ihm beim weiteren Ausbau des Fonds helfen sollen, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet. Gelingt das Projekt, wäre der Fonds mit einem Volumen von zwei Billionen US-Dollar groß genug, um Apple, Berkshire Hathaway, Alphabet und Microsoft zu kaufen – die vier größten börsennotierten Konzerne der Welt.

Wichtiger als die schiere Größe – mit zwei Billionen US-Dollar wäre der PIV etwa drei Mal so groß wie der Norwegische Pensionsfonds – ist aber die Anlagestrategie des saudischen Staatsfonds. Künftig will man stärker in ausländische Firmen investieren. Im Moment machen regionale Investments noch den Löwenanteil aus – etwa die Anteile am staatlichen Chemiekonzern Saudi Basic Industries Group oder die der National Commercial Bank, der zweitgrößten Bank des nahen Ostens. Nach Angaben von Yasir Alrumayyan, dem Generalsekretär des Verwaltungsrats, ist nun geplant, den Anteil der Auslandsinvestments bis 2020 von derzeit fünf auf 50 Prozent des Anlagevolumens zu verzehnfachen. Das würde Saudi-Arabien zu einem großen Spieler nicht nur auf dem Öl-, sondern auch auf dem internationalen Finanzmarkt machen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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