Ölpreisverfall: Was heute an die Hypothekenkrise 2007 erinnert

Ölpreisverfall: Was heute an die Hypothekenkrise 2007 erinnert

, aktualisiert 26. Januar 2016, 16:18 Uhr
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Für den starken Ölpreisverfall sorgte nicht zuletzt die stark gestiegene Förderung von Schieferöl in den USA.

von Matthias StreitQuelle:Handelsblatt Online

Banken unterbieten sich mit Öl-Preis-Prognosen. Nun senkt auch die Weltbank ihre Vorhersage deutlich. Die Bank of America Merrill Lynch zieht indes Parallelen zum Crash des US-Häusermarktes, der zur Finanzkrise führte.

DüsseldorfEs gibt viele Ökonomen, die von den Vorteilen der niedrigen Ölpreise schwärmen. Die gängige Meinung lautet, dass es für Öl-Import-Länder wohl kein besseres Konjunkturpaket gebe. Die Ölförderländer ächzen hingegen. Die größte norwegische Bank DNB warnt vor Kreditausfällen. Noch drastischer sieht es die Bank of America Merrill Lynch (BoAML). Sie erkennt gefährliche Parallelen zur US-Hypothekenkrise 2007, die schließlich die internationale Finanzkrise auslöste.

Erstmals verglich die Bank die beiden Situationen vor einem Jahr. Nun hat sie ihre Ansichten bestätigt. Ein Analystenteam unter der Leitung von Chris Flanagan kommt zu dem Ergebnis, dass das Muster des Ölpreisfalles seit Mitte 2014 erstaunliche Ähnlichkeiten zum Verfall der Preis auf dem US-amerikanischen Häusermarkt zwischen 2007 und 2009 aufweist. Für den Vergleich ziehen sie die Entwicklung des synthetischen Hypothekenindex' ABX heran.

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„Sowohl der Zeitraum des Preisrückgangs (ungefähr 1,5 Jahre) als auch dessen Ausmaß ähneln sich“, schreiben die BoAML-Experten. So sei etwa der ABX innerhalb von nur zwei Jahren auf weniger als ein Drittel seines Ausgangspreises gefallen. Verglichen mit seinem Stand vom Juni 2014 (knapp 114 Dollar), beträgt der Preis für Brent-Öl heute nur noch etwa ein Viertel seines damaligen Wertes (etwa 30 Dollar).

„Sowohl die Häuser- als auch die Ölpreise wurden vor dem Verfall durch massive Kreditausweitung in spektakuläre Höhen getrieben. Deshalb ist es wahrscheinlich mehr als nur Zufall, dass das Muster der beiden platzenden Preisblasen so ähnlich ist“, schreiben die Analysten. Würde sich das Öl wie einst die Häuserpreise weiterentwickeln, wäre eine Bodenbildung im unteren 20-Dollar-Bereich möglich, vermutlich im Zeitraum zwischen März und April 2016.

Die weiter fallenden Preise führt die Bank of America nicht zuletzt auf Marktpsychologie zurück. Zunächst verleugnen Marktteilnehmer den fallenden Preis als wahren Wert der Anlage. Auf den Ölpreis übertragen heißt das: Die Opec fördert immer weiter. Die Organisation selbst will damit Konkurrenten aus dem Markt drängen. Doch die Schieferölproduzenten in den USA haben schon reagiert und die Kosten gesenkt. Zudem können sie schneller an den Markt zurückkehren als dies bei konventionellen Quellen, etwa Ölbohrinseln im Meer, der Fall ist.

Schließlich aber werde der Druck zu groß für die Marktteilnehmer. Unternehmen erhalten keine Kredite mehr und Gläubiger gehen Pleite. „Niedrige Preise beschleunigen in der Regel die Verkäufe von Vermögensanlagen. Welche Gründe auch immer dahinter stehen – irgendwann werden Verkäufe unausweichlich. Rückkopplungen treten ein“, schreibt die BoAML. Das heißt: Die Pleitewellen weiten sich im schlimmsten Falle auch auf Wirtschaftsbereiche aus, die nicht im direkten Zusammenhang mit der Ölindustrie stehen.


China's Ölfirmen haben Cashflow-Probleme

Dass die Probleme in der Ölbranche zunehmen, erkennt auch die Ratingagentur Standard and Poor’s (S&P). Im laufenden Jahr rechnet sie mit einem Ölpreis von durchschnittlich 40 Dollar. 2017 würden es etwa 45 Dollar sein. Die Ölindustrie in Asien-Pazifik hat S&P genauer untersucht: „Chinas Ölunternehmen werden bei den aktuellen Preisen nicht in der Lage sein, ihren Cash-Flow zu stabilisieren, obwohl sie sich bemühen, Investitionen und Kosten zu drosseln“, sagt S&P-Kreditanalyst Lawrence Lu.

Den Glauben an einen sich zügig erholenden Ölpreis hat nun offenbar auch die Weltbank aufgegeben. Im Oktober hatte sie für das Jahr 2016 noch einen Preis von 51 Dollar je Barrel (159 Liter) vorausgesagt. Diesen Wert hat sie nun einkassiert. Neue Schätzung im aktuellen Commodity Markets Outlook: 31 Dollar.

Die drastisch reduzierte Vorhersage hat folgende Gründe: Es sei dabei einkalkuliert, dass der Iran früher als erwartet zurück an den Ölmarkt drängt. Ferner zeigen sich die Schieferöl-Produzenten in den USA resistenter, insbesondere weil sie Kosten senkten und ihre Effizienz erhöhten. Außerdem lasse ein milder Winter in der nördlichen Hemisphäre die Nachfrage sinken. Für den pessimistischeren Ausblick sorge aber nicht zuletzt das schwächere Wachstum in den Schwellenländern.

Im Jahr 2015 ist der Ölpreis um 47 Prozent gefallen, ähnlich trübe sind die Aussichten für 2016. Der Preis für ein Barrel soll demnach um weitere 27 Prozent fallen. Dennoch rechnet die Weltbank aus verschiedenen Gründen mit einem leicht steigenden Ölpreis in den kommenden Monaten. Erstens sei der steile Fall der Preise zu Beginn des Jahres nicht mit den Fundamentaldaten aus Angebot und Nachfrage erklärbar. Der Preis habe daher Luft, sich zu korrigieren. Zweitens erwartet die Weltbank, dass Produzenten mit hohen Kosten anhaltende Verluste erleiden, weshalb sie weiter Kosten reduzieren müssten und damit die Überproduktion am Markt abnimmt. Drittens werde die Nachfrage bei einer wachsenden Weltwirtschaft wieder anziehen.


Weltbank: Bedeutende Risiken am Markt

Optimistisch geben sich indes die Opec-Staaten am persischen Golf. Seit Beginn des Ölpreisverfalls Mitte 2014 seien die Investitionen um 380 Milliarden Dollar gekürzt worden. Im vergangenen Jahr hätten 24 US-Ölfirmen Insolvenz angemeldet, erklärte etwa der katarische Energieminister Mohammed al Sada. Deswegen könne das Überangebot bald abnehmen. „Unter den gegenwärtigen Umständen könnte es noch vor Jahresende zu einem neuen Bullenmarkt beim Öl kommen.“

Er blickt damit positiver in die Zukunft als Kuwait. Dessen Opec-Gouverneur rechnet erst ab 2017 wieder mit einem Preisanstieg. „2016 wird kein leichtes Jahr, was die Preise angeht“, sagte Nawal al Fusaia. Bis 2020 sei zudem allenfalls mit einem Ölpreis zwischen 40 und 60 Dollar je Barrel (159 Liter) zu rechnen. Produktionskürzungen seitens der Opec lehnte er ab, solange sich Produzenten außerhalb des Kartells nicht daran beteiligten.

Die Weltbank jedoch dämpft die Stimmung: Sie erwartet eine schwächere Erholung des Ölpreises. „Niedrige Preise werden uns sowohl beim Öl als auch bei den Rohstoffen generell noch eine Weile begleiten“, sagt John Baffes, Leiter des Rohstoff-Ausblicks der Weltbank. „Zwar erkennen wir im Laufe der nächsten zwei Jahre leicht steigende Rohstoffpreise. Dennoch bleiben bedeutende Risiken am Markt.“

Mit Material von Bloomberg und Reuters.

Quellle:  Handelsblatt Online
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