Oliver Bäte zur US-Wahl: „Eine längere Phase der Unsicherheit“

Oliver Bäte zur US-Wahl: „Eine längere Phase der Unsicherheit“

, aktualisiert 10. November 2016, 04:56 Uhr
Bild vergrößern

„Die Spaltung der Gesellschaft bremsen und überwinden.“

von Carsten Herz und Kirsten LudowigQuelle:Handelsblatt Online

Der Chef des Allianz-Konzerns hofft, dass der künftige US-Präsident Donald Trump aufgerissene Gräben in der Gesellschaft wieder schließt. Er sieht kaum mehr Chancen für das transatlantische Freihandelsabkommen.

Zu den Vereinigten Staaten hat Oliver Bäte eine besondere Beziehung: Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität in Köln ging er in die USA, genauer gesagt nach New York. Dort machte der gebürtige Rheinländer an der Leonard Stern School of Business seinen MBA. Seine Karriere startete der heute 51-Jährige 1993 bei der Unternehmensberatung McKinsey, ebenfalls in New York.

Herr Bäte, was dachten Sie, als Sie erfuhren, dass die Amerikaner Donald Trump zum 45. Präsident der Vereinigten Staaten gewählt haben?
Die Wahl hat bestätigt, dass ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung sich vom politischen Establishment enttäuscht abgewendet hat und sich benachteiligt sieht. Trump wird versuchen müssen, die auseinanderdriftenden Strömungen in der amerikanischen Gesellschaft wieder zusammenzuführen. Es wird eine längere Phase der Unsicherheit geben.

Anzeige

Wie wird sich die Entscheidung für Trump und gegen Hillary Clinton auf die USA auswirken – in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht?
Erst im Laufe der nächsten Monate wird klar werden, was von den Wahlaussagen Donald Trumps politisch umsetzbar ist. Zu erwarten ist eher eine expansive Fiskalpolitik, die stimulierend wirken könnte, zu erwarten sind aber auch Ansätze einer protektionistischen Handelspolitik, die gefährliche weltweite Rückwirkungen haben könnten. Ich nehme an, dass schon in der republikanischen Partei Widerstände gegen eine protektionistische Politik vorhanden sind, und auch bei der Mehrheit der Demokraten darf man das wohl unterstellen.

Und wie werden sich die transatlantischen Beziehungen entwickeln?
Beide Wirtschaftsregionen sind stark voneinander abhängig, und das wird auch in der Politik vom gewählten Präsidenten Trump seinen Niederschlag finden. Zunächst wird allerdings Unsicherheit vorherrschen, weil es keine außenpolitischen Erfahrungen mit ihm gibt.

Wie sehen Sie die Chancen für das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP?
Es muss wohl damit gerechnet werden, dass TTIP eingestellt wird und über die Zeit dann jedoch ein neuer Anlauf zur stärkeren Marktintegration zwischen der Europäischen Union und den USA unternommen wird.

Was sind Ihre persönlichen Erwartungen an den neuen US-Präsidenten?
Der neue Präsident muss versuchen integrativ zu wirken, um die Spaltung der Gesellschaft zu bremsen und zu überwinden.

Was ist seine dringendste Aufgabe?
Der gewählte Präsident Trump sollte sich als erstes darum bemühen, die Gräben, die der Wahlkampf erzeugt hat, wieder zu schließen. Dafür wäre es ein starkes Leitmotiv, den amerikanischen Traum vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten für jedermann glaubwürdig wiederzubeleben. Eine Reihe von Aufgaben würden dabei helfen: die Modernisierung der mangelhaften Infrastruktur, Maßnahmen des sozialen Ausgleichs, die Verringerung des allzu großen Wohlstandsgefälles, eine höhere Chancengleichheit in der Bildung.

alten. Wird es Trump gelingen, das Land wieder zu vereinen?
Ob die Amtszeit eines neuen US-Präsidenten zu einem Erfolg wird, war schon immer eine schwierige Prognose. Und das politische System der USA macht die Aufgabe nicht leichter. Umso wichtiger wäre eine zum Wohle des Landes parteiübergreifende konzertierte Aktion.

Der US-Wahlkampf war geprägt von populistischer Stimmungsmache, die wir auch in Europa und Deutschland sehen. Welche Folgen hat das Ihrer Meinung nach?
Populistische Tendenzen sind nicht nur eine politische Gefahr, sie gefährden mittelfristig auch unseren Wohlstand, da sie sich im Kern gegen Globalisierung, Innovation und technologischen Fortschritt wenden. Sie stammen vielfach aus dem Wunsch, einfache Antworten geben zu können und sind Folge eines Gefühls der Überforderung in einer komplexen Umwelt. Gegensteuern lässt sich unter anderem mit einem Mehr an schulischer, beruflicher und politischer Bildung.

Wie sollten wir mit dem Populismus und seinen Antriebskräften umgehen?
Den Trend aufzuhalten, erfordert große Führungsstärke der liberalen und demokratischen Eliten. Für die Politik ist dies nicht die Zeit, wahltaktische oder opportunistische Ziele zu verfolgen. Die führenden Parteien sollten sehen, dass Transparenz und Offenheit genauso wichtig sind wie das Vorleben demokratischer Prinzipien sowie nicht zuletzt eine gewisse Höflichkeit. Ich bin hoffnungsvoll, dass dies erkannt wird.

Die Fragen stellten Carsten Herz und Kirsten Ludowig.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%