Opel Corsa im Handelsblatt-Test: Für 30 Euro selten so voll gewesen

Opel Corsa im Handelsblatt-Test: Für 30 Euro selten so voll gewesen

, aktualisiert 28. Januar 2016, 08:54 Uhr
Bild vergrößern

Kennen Sie den Moment, wenn Sie in einen Neuwagen steigen und nicht glauben, Sie müssten jetzt Richtung Mars starten? Richtig, ich lange Zeit auch nicht mehr.

von Alexander MötheQuelle:Handelsblatt Online

Seit über 30 Jahren rollt der Opel Corsa über die Straßen. Der Dauerbrenner hat seine Schwächephase überwunden und glänzt in der Generation E mit Pragmatik und Sparsamkeit. Das entschädigt für Sünden der Vergangenheit.

DüsseldorfEs gibt diese Autos, die gibt es immer. Da wäre der VW Golf, seit über 40 Jahren Bestseller und Dauerbrenner. Da war fast 50 Jahre der Toyota Corolla. Da sind der Suzuki Swift und bis Ende Januar noch der Land Rover Defender. Und seit 1982 ist da immer der Opel Corsa. Die Rüsselsheimer schicken inzwischen die fünfte Generation, den Corsa E, ins Rennen um die begehrte Kleinwagensparte.

Und so klein und so unscheinbar der Klotz, der in Eisenach und Saragossa verschraubt wird, auch ist, für mich ist es eines der Autos, mit denen ich am meisten Erinnerungen verbinde. 1988 wurde ein Opel-blauer Corsa mit 45 PS und Choke das neue Familienauto. Und damit nach dem Führerschein zehn Jahre später auch mein erster fahrbarer Untersatz.

Anzeige

Der Keilriemen quietschte bei Nässe, die Kühlschläuche mussten regelmäßig abgedichtet werden, er war von Blechschäden gezeichnet und alle Nase lang war ein Loch im Auspuff. Doch wie es so ist mit der ersten großen Liebe, da stören einen die Fehler nicht, man ist schlichtweg froh, das man sie gefunden hat.

Auf das unfallbedingte Ableben des 86 gebauten Corsa folgte ein weiterer A, Baujahr 1991. Statt der riesigen Glaskästen als Scheinwerfer hatte der schnittig dreinblickende Schlitze. Und er war Direkteinspritzer. Kein Choke mehr, dafür reichlich Elektronikprobleme. Auch die Löcher im Auspuff blieben.

Dafür brach dann noch der Fahrersitz. In der Tiefgarage der Uni hatte ich einmal die Schaltstange in der Hand. Und irgendwann kochte das Kühlwasser. Nach etwa fünf Jahren ging er an einen Bastler.

Bühne frei für den Corsa B, Baujahr 2000, Sonderedition 100, 1,0 Liter, Dreizylinder, Benziner. Ein Motor, der so unrund lief, dass der Wagen im Stand ruckelte wie ein Traktor. Auch hier brach der Fahrersitz, Stellmotor und Steuergerät versagten, der komplette Kabelbaum musste gewechselt werden, dreimal gab es eine neue Lambda-Sonde.

Die knapp über 50 PS schoben den leichten Zweitürer aber recht flott durch den Stadtverkehr. Aber der ewige Ärger über die Unzuverlässigkeit des Corsas – er wurde mindestens fünfmal abgeschleppt und blieb einmal in einem sich auflösenden Stau auf der linken Spur liegen – und die unerträglichen Marotten der Kiste machten mir nach zehn Jahren Corsa klar: nie wieder Opel. Ich hatte einfach keine Lust mehr.

So wie mir ging es vielen Fahrern, die Qualitäts- und Innovationskrise wurde zur Absatzkrise und letztlich zur Konzernkrise. Erst durch einen radikalen Wandel, neue Modelle, bessere Haltbarkeit und Extras zu kleineren Preisen hat Opel in den vergangenen Jahren langsam wieder die Kurve gekriegt. Und das führt uns wieder zum Anfang: dem Opel Corsa E.

Als es hieß, der Neue ist in der Stadt, hob ich den Finger. Denn mit etwas Abstand war sie dann doch da, die nostalgische Verklärung, die Autoromantik. Noch einmal einen Corsa fahren? Ja bitte. Und wenn es nur darum ginge, die Schrottkistenimpressionen der vergangenen Generation zu bestätigen. Eins vorweg: Während sich der Corsa in vielen Dingen grundsätzlich verändert hat, sind manche Dinge einfach gleich geblieben.

Das Testmodell ist ein Fünftürer. Etwas, was ich früher als aus praktischen Gründen entstandene Abscheulichkeit wahrgenommen habe und ohnehin nur in Südeuropa gefahren wurde. Im Test erweisen sich die Türen als gut geschnitten und ziemlich praktisch, denn der Corsa nutzt den kleinen Raum, den er zur Verfügung hat, so gut er kann. Fahrer und Beifahrer haben gut Platz, dass sich auf der Rückbank keine Riesen breitmachen können, kann im Kleinwagensegment als selbstverständlich gelten.

Ich greife am Fahrersitz an die gleichen Hebel und Kurbeln wie im Corsa B. Auch das Lenkrad ist fast identisch, der Kunstlederbezug und die überschaubaren Bedienelemente weisen das Steuer als Kind der Moderne aus. Schaltknüppel, Pedale, Sicht und Übersicht – restlos alles erinnert an die alten Corsa-Generationen.

Das entpuppt sich als Auftakt einer Nostalgiereise. Denn der 1.3 Liter Diesel mit 95 PS verhält sich auf der Straße ebenfalls wie der alte B. Und das heißt: behende in der Stadt und erstaunlich stabil und agil in Kurven. Der Diesel schiebt den Kleinwagen sanft, aber zügig voran. Die Servolenkung reagiert wie vor zehn Jahren, ich finde alle Einlenk- und Bremspunkte instinktiv. Das ist verblüffend. Denn seine negativen Eigenschaften hat der Corsa E größtenteils abgeschüttelt – soweit sich dies im Testzeitraum überhaupt beurteilen lässt.

Der Motor läuft jetzt auch im Stand ruhig. Die Innenausstattung wirkt nicht hochwertig, muss sie in diesem Segment aber auch nicht. Plastik gehört dazu und ist bestenfalls praktisch. Der Pragmatismus regiert den aktuellen Corsa, dessen Innenraum sehr aufgeräumt daherkommt. Statt Flug zum Mars wirkt er für die Fahrt zum Supermarkt bereit. Das ist sympathisch. Schnickschnack wie Rückfahrkamera und automatischen Parkassistenten gibt es zwar, die hat das kleine Kerlchen aber gar nicht nötig.

Clever ist das Multimediasystem, was sich intuitiv über das Touchdisplay bedienen lässt. Auch Auto-Einstellungen lassen sich dort verändern. Etwas irritierend ist, dass sich trotz Sonderausstattungspaket kein Navi an Bord findet. Dafür bietet die App-Unterstützung eine Schnittstelle zu Navigationssoftware auf dem eigenen Handy. Das lässt sich angenehm zickenlos per Bluetooth verbinden.

Der wahrscheinlich größte Trumpf des unprätentiösen Blechknäuels ist der Spritzverbrauch. Opel lehnt sich mit den Laborwerten weit aus dem Fenster, ruft 3,0 Liter außerorts und 3,3 Liter kombiniert auf. Die Werte überstehen den Ausflug auf die Straße, wie bei allen Herstellern üblich, natürlich nicht. Aber sie sind nah genug dran. Tatsächlich leuchtet im Test kombiniert die drei vor dem Komma.

Am Ende des zweiwöchigen Testzeitraums will ich für die Rückfahrt das erste Mal tanken. Blind pumpe ich Diesel für 30 Euro in den Tank und stelle fest, dass der plötzlich wieder rappelvoll ist. So voll, wie ich es für 30 Euro noch nie war. Bei dem geringen Verbrauch macht dem Corsa auch der kleine Tank keine Sorgen.

Fazit: Die guten Anlagen behalten, die Fehler ausgemerzt – der Corsa ist definitiv eine Instanz im Kleinwagensegment. Und das zu meiner eigenen Überraschung. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt auffällig, Opel packt allerlei Extras drauf, ohne den Wagen zu überladen. Wer einen verhältnismäßig komfortablen Kleinwagen sucht, der in Unterhalt und Verbrauch einen schmalen Fuß macht, der sollte dem Corsa mal eine Testrunde beim Händler gönnen.

Was beim Testwagen mit der Sonderausstattungsserie „Edition“ stört, ist der stramme Listen-Grundpreis von 17.290 Euro. Die identische Motorisierung gibt es mit weniger drumherum für immerhin 1.500 Euro weniger. Da gibt es noch Sparpotenzial. Ansonsten versöhnt der Corsa E in seiner Gesamtheit mit vielen Fehlern der Vergangenheit.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%