Panama Papers: Das sind die guten Gründe für Briefkastenfirmen

Panama Papers: Das sind die guten Gründe für Briefkastenfirmen

, aktualisiert 05. April 2016, 12:27 Uhr
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Eine beliebte Steueroase ist das mittelamerikanische Land, hier haben viele Briefkastenfirmen ihren Sitz.

von Holger AlichQuelle:Handelsblatt Online

In der Berichterstattung über Briefkastenfirmen schwingt ein Vorwurf mit: Wer ein solches Unternehmen registriert, führe Unlauteres im Schilde. Das mag zwar in vielen Fällen so sein, doch gilt es bei weitem nicht immer.

ZürichDie Dokumente über mehr als 200.000 Briefkastenfirmen, die von der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca in den vergangenen Jahrzehnten ins Leben gerufen worden sein sollen, bestimmen die Schlagzeilen. Politiker übertreffen sich mit Forderungen, wie solche Geschäftsmodelle zerschlagen werden könnten.

Doch selbst der selten um Scharfzüngigkeit verlegene Finanzminister Nordrhein-Westfalens, Norbert Walter-Borjans, sagte am Dienstagmorgen dem Hörfunksender WDR5, dass zwar bei Briefkastenfirmen unlautere Gründe eine Rolle spielen können. Dass aber in allen Fällen illegitime Gründe zu Grund lägen, könne „man nicht sagen und das sagt ja auch keiner.“

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Vor ziemlich genau drei Jahren machte das Journalisten-Netzwerk ICIJ schon einmal Schlagzeilen mit Daten über Offshore-Gesellschaften in Steueroasen. „Offshore-Leaks“ hieß das Projekt, damals waren dem Netzwerk Daten des Singapurer Dienstleisters Portcullis Trustnet zugespielt worden.

Im Zuge dessen wurde enthüllt, dass auch der 2011 verstorbene Industriellen-Erbe Gunter Sachs fünf Trusts in Steueroasen besaß. Die zuständigen Berner Steuerbehörden unternahmen daraufhin gar eine Sonderprüfung von Sachs Steuererklärungen. Das Ergebnis: alles sauber, die in den Trusts enthaltenen Vermögenswerte waren korrekt deklariert.

Auch Mossack Fonseca wehrt sich gegen pauschale Verdächtigungen, dass es Kunden – oder Kunden von Kunden – vor allem um Steuerbetrug ginge. „Diese Berichte stützen sich auf Vermutungen und Stereotypen“, teilte die Anwaltsfirma in einer vierseitigen Stellungnahme aktuellen Berichten des ICIJ und Dutzenden internationalen Medien mit. Mossack Fonseca sei noch nie im Zusammenhang mit kriminellen Handlungen beschuldigt oder angeklagt worden und werde in ein falsches Licht gerückt.

Tatsächlich gibt es viele legale Gründe für Briefkastenfirmen und Offshore-Gesellschaften. Ein Überblick:


Regelung eines weit verstreuten Erbes

Der Fall Gunter Sachs zeigt: Nicht immer hat der Gründer einer Offshore-Gesellschaft in Panama oder den Britischen Jungfern-Inseln böse Absichten im Sinn. Im Falle von Sachs wurden die Trusts zum Beispiel gegründet, um das weltweit verstreute Erbe des Fotografen und Jet-Setters zu regeln.

Anwälte und Banker nennen eine ganze Reihe an einleuchtenden Gründen, warum die Nutzung einer Gesellschaft Sinn machen kann. Die Betroffenen wählen dabei oft Gesellschaften in Steueroasen, weil man dort schnell, einfach und sehr günstig eine Struktur gründen kann.

Schutz vor Entführungen

Laut Schweizer Bankern sind Trusts oder Offshore-Gesellschaften bei Vermögenden Privatkunden aus Ländern mit wenig Rechtssicherheit allein schon aus Sicherheitsgründen gefragt. „In Südamerika sind Entführungen ein regelrechtes Business“, so ein Banker. Zuweilen würden Bankangestellte der lokalen Institute selbst Infos verkaufen, wer wie viel auf dem Konto hat. Hier bietet ein Trust Schutz.

Diskretion bei seltenen Objekten

Im Kunsthandel greifen die Beteiligten ebenfalls gern auf Offshore-Strukturen zurück. Bringen Sammler ihre Picasso-Werke in einen Trust ein, wollen sie auf diese Weise sicher zu stellen, dass möglichst niemand von ihrem Bilder-Reichtum erfährt, um keine Diebe anzulocken.

Verschleierung von Flugbewegungen

Der Volkswagen-Konzern betreibt eine große Flugzeugflotte, deren Kosten im Zuge der Abgasaffäre ins Rampenlicht gerückt waren. Die Gesellschaft heißt „Lion Air Services“ und ist auf den Cayman-Inseln registriert, ein klassischer Standort von Briefkastenfirmen. Die firmeneigene Airline ist dort seit 1995 in das Handelsregister eingetragen und hat ihren „Sitz“ im „Ugland House“ – gemeinsam mit Tausenden anderen Briefkastenfirmen.

Der Konzern legt Wert darauf, dass bei der Wahl des Standorts Steuereffekte keine Rolle spielten, sondern „sicherheitsrelevante Aspekte“. Tatsächlich hat die Registrierung auf den Cayman-Inseln offenbar den Vorteil, dass die Flugbewegungen der Volkswagen-Flotte nicht auf öffentlich zugänglichen Websites eingesehen werden können.

Wer für Volkswagen durch die Welt jettet, entgeht so den  Augen der Konkurrenz. Denn die Flugbewegungen könnten Aufschluss darüber geben, in welchen Regionen die Firma besonders aktiv ist, oder wer als Übernahmeziel oder Lieferant auserkoren worden sein könnte.

Wahrung von Geschäftsgeheimnissen

Firmen nutzen ebenfalls Offshore-Gesellschaften, etwa, um zu verschleiern, dass sie in ein vielversprechendes Startup investieren, um die Konkurrenz nicht darauf aufmerksam zu machen.

Risiken begrenzen

Auch Haftungsrisiken lassen sich mit solchen Strukturen begrenzen. Das gilt zum Beispiel, wenn ein Deutscher eine Immobilie in den USA besitzt. „Rutscht ein US-Bürger vor der Immobilie auf einer Bananenschale aus, könnte dieser den deutschen Eigentümer auf Millionenschweren Schadenersatz verklagen. Bei Zwischenschaltung einer Gesellschaft, zum Beispiel in Delaware, richten sich die Ansprüche gegen die Gesellschaft“, erklärt Anwalt Steckel.

Steuervermeidung

Investoren können weitere legale Motive für den Rückgriff auf eine Offshore-Gesellschaft haben, die allerdings von vielen Kritikern als moralisch verwerflich angesehen werden. Das ist dann der Fall, wenn vor allem die Steuervermeidung im Mittelpunkt steht. Wenn Politiker diese Lücken kritisierten, müssten sie sich vor Augen führen, dass sie selbst diese Lücken schließen können, sagt Gregor Gysi, Bundestagsabgeordneter der Linken.

Christopher Steckel, Partner der Kanzlei Leisner Steckel Engler schildert das Beispiel eines Immobilienkaufs auf Mallorca durch einen deutschen Investor. „Gehört die Villa einer Gesellschaft, zahlen die Erben des Investors keine beziehungsweise stark reduzierte Erbschaftssteuer in Spanien bei der Übertragung der Anteile.“

Auch bei der Nachlass-Regelung in reichen Familien kommen solche Gesellschaften zum Einsatz, etwa um „auf legale Weise Erbschaftssteuer zu sparen, etwa, wenn zum Zeitpunkt des Ablebens des Erblassers nicht klar sein wird, in welchem Land sich die Erben befinden werden“, sagt Steckel.

Der Einsatz einer Offshore-Gesellschaft bedeute nicht automatisch, dass der Eigentümer Gelder waschen oder das Finanzamt betrügen wolle. „Trotz allen legalen und legitimen Einsatzmöglichkeiten von Panama-Gesellschaften, so ist die Missbrauchsgefahr bei diesen Strukturen sehr groß“, warnt Anwalt Steckel.

Quelle:  Handelsblatt Online
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