„Pen Pineapple Apple Pen“: Erlaubt ist, was Geld verdient

„Pen Pineapple Apple Pen“: Erlaubt ist, was Geld verdient

, aktualisiert 16. November 2016, 13:14 Uhr
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Ein sinnfreier 45-Sekunden-Song des Blödelbarden hat sich zu einem zig Millionen Mal geklickten Megahit im Internet entwickelt.

von Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

Ein Handelsblatt-Video über den sinnfreien Superhit eines japanischen Komödianten hat viel Kritik von den Lesern eingeheimst. Unser Korrespondent erklärt die wirtschaftliche Bedeutung der flachen Unterhaltung.

TokioMcDonald's hat Fast Food aus den USA global zum Durchbruch verholfen. Der japanische Blödelbarde Pikotaro, eine kitschige Kopie eines prototypischen Pimps, könnte es jetzt mit Fast Entertainment aus Japan schaffen. Sein sinnfreier 45-Sekunden-Song „Pen Pineapple Apple Pen“ hat sich zu einem zig Millionen Mal geklickten Megahit im Internet entwickelt, seit der kanadische Popstar Justin Bieber ihn getweetet hat. Ende Oktober wurde sein Liedchen sogar vom Guinessbuch der Weltrekorde ausgezeichnet – als der kürzeste Song, der es je in die Top-100 der US-Charts geschafft hat.

Als wir aus diesem Anlass einen kurzen Bericht über das schräge Phänomen im Leopardenanzug und sein noch schrägeres Lied online im Handelsblatt brachten, hagelte es nicht nur viele Klicks, sondern auch Kritik. Bassam Splittgerber meinte, er wisse nicht, was dieser Clip im Handelsblatt zu suchen habe (riet aber, ihn bis zum Ende anzuschauen). Alexander Zwielich seufzte, dass dies „leider“ mittlerweile das Niveau vom Handelsblatt sei.

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Auf den ersten Blick mögen diese Einwürfe verständlich erscheinen. Aber es gibt einen Grund, warum Pikotaro ins Handelsblatt gehört: Seine Attacke auf den guten Geschmack zeigt nämlich die tiefere wirtschaftliche Bedeutung flacher Unterhaltung aus Ostasien auf. Pikotaro, mit bürgerlichem Namen Kazuhito Kosaka, erklärt das Geschäftsmodell so: Anstatt aufwendig lange Stücke zu produzieren, produziert er mit der Talentmanagementfirma Avex kurze Lieder, „aber viele schnell hintereinander“.

Lächelhäppchen für die Aufmerksamkeitsspanne mobiler Internetbürger – das ist ein Rezept für die Zukunft. Und Pikotaro ist nicht der einzige Vertreter des Fast Entertainment „Made in Japan“. Die Firma DLE (Dream Link Entertainment) hat schon seit Jahren mit Anime-Zeichentrickfilmen die Kunst der Übersimplifizierung zum Kassenschlager erhoben.

DLE-Gründer Ryuta Shiiki versucht nicht, große Unterhaltung wie die japanische Zeichentricklegende Hayao Miyazaki zu produzieren, „sondern Unterhaltung wie 'Die Simpson' und 'Southpark'.“ Es gibt allerdings einen großen Unterschied zu den amerikanischen Welthits: Shiikis Filmchen sind noch stärker vereinfacht. Die Bilder bewegen sich kaum noch. Statt in Zeichner investiert Shiiki lieber in Texter und Songwriter. Denn er ist im Zeitalter des Internets von zwei Dingen überzeugt:

Erstens: „Witzige Dialoge werden wichtiger als das Bild.“ Zweitens: Unterhaltung wird zur Kommunikation in Echtzeit: Am Montag wird eine Folge gesendet, das Feedback der Fans eingesammelt, verarbeitet und dann rasch die nächste Folge produziert und massiv über verschiedene Kanäle verbreitet, Merchandising inklusive. Wer auch nur etwas Wert auf schön gezeichnete Bilder legt, schafft dieses Tempo einfach nicht, wenn er auch noch Gewinn machen will.

Die Ergebnisse geben Shiikis Wette auf schnelle Unterhaltung recht. Die Songs von Serien wie „Himitsu Kessha Taka no Tsume“ (Secret Society Eagle Talon) wurden Hits und der Umsatz seiner Firma hat sich in den vergangenen vier Jahren auf 27 Millionen Euro vervierfacht. Für das bis Juni 2017 laufende Geschäftsjahr sagt DLE sogar eine Verdopplung des Umsatzes voraus. Inzwischen bastelt Shiiki sogar an seinem Traum der Welteroberung. In Shanghai hat seine Firma ein Joint-Venture mit einem chinesischen Partner etabliert, um Investoren für seine Art der Unterhaltung zu finden.


Warum Japan so erfolgreich mit Fast Entertainment ist

Dass gerade japanische Kreative in der Welt des Schrägen global ankommen, verdankt das Land gleich mehreren Faktoren: Erstens ist Japan der Pionier im mobilen Internet und hat der Welt wichtige Geschäftsmodelle für die neue Zeit gestiftet. Der erste kommerziell erfolgreiche Durchbruch eines mobilen Dienstes war i-Mode von Japans Netzbetreiber NTT Docomo. Und seine Struktur mit Diensten und der Abwicklung der Bezahlungen über den Betreiber stand Apple bei iTunes Pate. In jüngerer Vergangenheit machten Line bei Chatdiensten sowie Gree und DeNA bei mobilen Spielen vor, wie man auch im mobilen Internet Geld verdienen kann.

Zweitens ist Japan eine der perfektesten Bedürfnisbefriedigungsgesellschaften. Erlaubt ist, was Geld verdient. Denn frei von den Schranken christlicher oder islamischer Moralgebote werden hier Produkte und Dienste entwickelt, die anderswo selbst im Untergrund kaum eine Chance hätten.

Erinnern Sie sich noch an das elektronische Küken Tamagotchi, das von seinem Besitzer gepflegt werden wollte? Es war ein Welthit, und es war extrem simpel. Aber kein deutscher Ingenieur hätte ein derartiges Produkt wohl jemals gewagt – aus Angst, wegen erwiesener Albernheit aus der Zunft der Ingenieure ausgeschlossen zu werden.

Viertens ist Japan schon lange eine Großmacht in Sachen Subkultur. Viele Kulturinteressierte im Westen wissen das nicht und denken bei Japan an Steingärten, erlesene Töpferwaren, zen-buddhistisch angehauchtes schlichtes wie vergeistigtes Design. Aber neben der Hochkultur gab es immer auch eine lebendige Subkultur, erklärt der Trendforscher Morinosuke Kawaguchi. Und die ist kitschig, grell, laut und sperrangelweit offen für Verrücktes wie Pikotaro.

Das Neue ist nun, dass sich diese Subkultur mit Japans Experimentierfreude und Geschäftssinn verbindet und zum globalen Kulturexporthit wird. Nicht nur verbreiten sich Anime und Manga-Comics seit Jahrzehnten überall in der Welt, sondern inzwischen auch J-Pop und Cosplay (Kostümpartys mit selbstgemachten Fantasieuniformen).

Inzwischen hat diese japanische Subkultur auch auf andere ostasiatische Länder abgefärbt, wie zum Beispiel Südkorea, man erinnere sich an den Gangnam-Style aus Seoul. Denn offenbar bringt das Internet global genau die Sucht nach Grellem und Verrücktem hervor, die Japan schon lange befriedigt. Und daher gehört Pikotaro ins Handelsblatt – als eine Anregung zum Geld verdienen in Zeiten des Internets.

Quelle:  Handelsblatt Online
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