Pinkstinks: Der Schreck der Werbewirtschaft

Pinkstinks: Der Schreck der Werbewirtschaft

, aktualisiert 29. März 2017, 09:22 Uhr
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Wenn die Gender_Forscherin ein Plakat anprangert, hängen es die betroffenen Unternehmen meist innerhalb von Tagen wieder ab.

von Corinna Nohn und Carina KontioQuelle:Handelsblatt Online

Stevie Schmiedel kämpft mit ihrem Verein Pinkstinks gegen sexistische Werbung und Rollenbilder, die schon Kinder in blaue und rosa Welten einzwängen. Nun soll die Gender-Forscherin den Deutschen Werberat kontrollieren.

HamburgEs wird wohl ein Déjà-Vu der unverhofften Art. Wobei die Freude wohl auf Seiten von Stevie Schmiedel liegen dürfte: Die 45-Jährige hat mit ihrer Initiative „Pinkstinks“ gerade vom Bundesfamilienministerium den Auftrag erhalten, den Deutschen Werberat bei seiner Arbeit zu kontrollieren.

Pinkstinks, das ist jener Verein, der seit 2012 schrill und mit der Macht des Shitstorms gegen sexistische Werbung kämpft und schon so manches Billboard zu Fall gebracht hat. Wenn Schmiedel ein Plakat anprangert, hängen es die betroffenen Unternehmen meist innerhalb von Tagen wieder ab. Der Werberat wiederum ist die Selbstkontrollinstanz der deutschen Werbewirtschaft, der zwar öffentliche Rügen und Mahnungen ausspricht, aber keine Sanktionsmechanismen hat.

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Das vom Bundesministerium geförderte Monitoring startet im August und läuft zwei Jahre lang. Pinkstinks wird unter anderem eine App entwickeln, mit der sich sexistische Werbung unkompliziert melden lässt. Schmiedel will damit auch aufzeigen, welche Werbeanzeigen auch trotz Rügen des Deutschen Werberats nicht beseitigt wurden.

Nun muss man wissen: Schmiedel und Julia Busse, die Geschäftsführerin des Werberats, kennen sich und diskutieren immer wieder mal auf Podien nebeneinander über Sexismus in der Werbung. Schmiedel kommt dort bislang meist die Rolle der nervigen Aktivistin zu, während Busse als die Repräsentantin der besonnenen Kontrollinstanz fungiert. Der Auftrag der Ministerin dürfte an diesen Verhältnissen rütteln.

Schmiedel hat nun ein Ziel erreicht, für das die Deutsch-Britin vor fünf Jahren alles in die Waagschale warf. Damals war mal wieder eine neue Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM) angelaufen, zur gleichen Zeit beschäftigte sich die Gender-Forscherin und Mutter von zwei Töchtern an der Universität gerade mit der aktuellen „Bravo“-Studie, die eindeutig zeigte: Wegen Heidi Klums Show fühlen sich immer mehr Mädchen zu dick und huldigen dem Idealbild eines Hungerhakens.

„Dürfen die das? Wer kontrolliert denn das?“, fragte sich die Wissenschaftlerin und schrieb einen aufgebrachten Leserbrief. Es folgte ein Interview mit der „Zeit“, das eine Welle von Zuspruch auslöste. So kam eins zum anderen, schließlich kündigte Schmiedel ihre lukrativen Lehraufträge und gründete den Verein Pinkstinks. Vorbild war eine gleichnamige britische Initiative.

Schmiedels Verein war anfangs eine One-Woman-Show, sie entwarf Sticker und schrieb Blogbeiträge in ihrem Wohnzimmer. Mittlerweile erhält sie so viele Spenden, dass der Verein ein Büro im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel anmieten und neben Schmiedel vier Mitarbeiter, darunter auch ein Mann, beschäftigen kann.


Kampf gegen den „Alltagssexismus“

Dem Team geht es nicht nur um offensichtlichen Sexismus, also Bilder, auf denen sich halbnackte Frauen lasziv auf Motorhauben räkeln. Pinkstinks agiert auch gegen Plakate und Vorbilder, die schon Kindern klare Rollenbilder aufzwängen: niedliches Rosa und Hausfrauenklischees nur für Mädchen und Frauen, Abenteuerimage und bloß kein Pink für Jungen und Männer. „Alltagssexismus“ nennt Schmiedel das.

Das trifft dann zum Beispiel die der Warenhauskette Galeria Kaufhof, die Spielzeugbügeleisen und Mini-Küchen mit Spüle und Herd unter einem Schild „Für Mutti” präsentierte. Schmiedel, in deren Familie übrigens der Mann für die Wäsche zuständig ist, fragt: „Wie sollen Kinder offen bleiben für vielfältige Rollenbilder, wie soll es in ihren Köpfen anders laufen als in vorherigen Generationen, wenn da nach wie vor „Für Mutti” dran steht?“ Galeria Kaufhof reagierte prompt, auch via Twitter: Die Schilder sollten nicht der Filiale hängen.

Es liegt in der Natur der Dinge, dass Schmiedel polarisiert. Der Hass im Netz ist laut. Die einen kritisieren, dass Pinkstinks nicht auch Prostitution und die Burka pauschal verurteilt. Dem Werberat wiederum, der von 42 Verbänden der Deutschen Werbewirtschaft getragen wird, geht Schmiedels Auslegung von Sexismus in der Werbung zu weit.

Geschäftsführerin Julia Busse, die Pinkstinks eine „schrille Kampagnenorganisation“ nennt, sagt zwar: „Wir sind uns in den Grundzügen einig.“ Aber: „Der Werberat stuft Motive, wo Frauen in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter dargestellt werden, nicht per se als sexistisch ein.“ Studien zeigten ja nun mal, dass Hausarbeit in Deutschland vor allem Frauensache sei.

Diese Einstellung wird unter dem Monitoring von Schmiedel sicherlich nicht unangetastet bleiben. Sie hat im Interview mit dem Handelsblatt vor kurzem noch selbstbewusst gesagt, eigentlich mache sie „ohnehin deren Arbeit. Wir sind der Werberat, wenn es um sexistische Werbung geht.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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