Pleitebank HRE: „Einfach einen Satz mehr in den Geschäftsbericht“

Pleitebank HRE: „Einfach einen Satz mehr in den Geschäftsbericht“

, aktualisiert 27. April 2017, 08:42 Uhr
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Der Prozess gegen den Ex-Chef der Pleitebank bringt erstaunliche Erkenntnisse zutage.

von Christian SchnellQuelle:Handelsblatt Online

Im Prozess gegen den Ex-Chef der Pleitebank Hypo Real Estate, Georg Funke, zeigt sich ein Finanzgebaren, das heute wie aus einer anderen Welt wirkt. Bis zu acht Milliarden Euro musste sich die Bank leihen – pro Tag.

MünchenWenn Journalisten den Begriff „Redaktionskonferenz“ hören, denken sie zuallererst an Abläufe und Rituale in der eigenen Branche. Als Stefan Reisinger im Gerichtssaal mehrmals diesen Begriff verwendet, geht es indes um das Zusammenwirken von Controllern und Wirtschaftsprüfern bei der Erstellung von Geschäftsberichten. Reisinger war als Verantwortlicher für den Bereich Markt- und Liquiditätsrisiken bei der Pleitebank Hypo Real Estate dabei, als die umstrittenen Geschäftsberichte für die Jahre 2007 und das erste Halbjahr 2008 erstellt wurden.

Reisingers frühere Chefs Georg Funke und Markus Fell müssen sich noch bis September vor dem Münchener Landgericht verantworten. Es geht um den Vorwurf der unrichtigen Darstellung der Risiken in beiden Geschäftsberichten. In der schlimmsten Phase der Finanzkrise im Herbst 2008 musste die Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE) vom Staat gerettet werden. Knapp zehn Milliarden Euro kostete das am Ende den Steuerzahler.

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In seinem dreistündigen Auftritt als Zeuge zeigte Reisinger am Mittwoch ausführlich, dass die Bank damals die im Zuge der Finanzkrise aufkommenden Risiken zwar durchaus ernst nahm, aber keinesfalls in Panik geriet. Detailreich schildert er das morgendliche Reporting zur Finanzlage der Bank. „Es hat schon in Wellen kumuliert“, nennt er in bestem Controller-Deutsch das teils deutliche Auf und Ab, das sich dabei oftmals abzeichnete. Im Geschäftsbericht 2007, an dem er nach eigenen Worten nur indirekt beteiligt war, stand demnach die angespannte Marktlage im Vordergrund, während ein Halbjahr später das Liquiditätsrisiko Schwerpunkt war. „Deswegen wurden dazu auch ein bis zwei Sätze mehr aufgenommen als üblich“, erinnert sich Reisinger.

Wie manch einer seiner Vorgänger im Zeugenstand hat aber auch er nach gut zehn Jahren Erinnerungslücken. Speziell wenn es um die Redaktionskonferenzen zu den Geschäftsberichten und den daran beteiligten Personen geht. Die beiden Angeklagten Georg Funke und Markus Fell schweigen dazu, nur gelegentliches Kopfnicken Funkes lässt erahnen, dass die Ausführungen Reisingers in seinem Sinne verlaufen. Wenn Richterin Petra Wittmann dann Zeuge, Angeklagte, Verteidigung und Staatsanwaltschaft mehrmals nach vorne bittet zur Begutachtung und Erläuterung von Unterlagen, dann steht Funke meist etwas abseits der übrigen neun Personen. Da läuft offenbar nichts, was ihn beunruhigen müsste.

Spannend sind eher die Einblicke in ein Finanzgebaren, das erst ein Jahrzehnt zurück liegt, aber heute wirkt wie aus einer anderen Welt. Den irischen Staatsfinanzierer Depfa beispielsweise hatte die HRE unter Funke als Chef erst im Jahr vor dem Fast-Zusammenbruch übernommen. Der heute so umstrittene Geschäftsbericht 2007 war der erste nach der Fusion. Kurzfristig war die Depfa immer finanziert, gewöhnlich wurden Verträge über vier bis fünf Milliarden Euro pro Tag „gerollt“, also immer wieder verlängert oder neu abgeschlossen. „In besten Zeiten waren es sogar bis zu acht Milliarden Euro“, berichtet Reisinger Einzelheiten.

„Auf Detailebene ging das 2007 noch nicht in den Geschäftsbericht ein, als Big Picture aber schon“, erinnert er sich. 2008 floss es dann stärker ein. Einen direkten Datenzugang zur Depfa habe es aber nicht gegeben. Stattdessen verließ man sich in München auf das, was aus Dublin jeden Tag gemeldet wurde. Lediglich eine „Plausibilitätskontrolle“ gab es. Was in der Praxis nichts anderes heißt, als dass man gerne geglaubt hat, was da an Zahlen vom Prestigeobjekt von der Insel kam.

Als dann Anfang August 2008 – sechs Wochen vor der Pleite von Lehman Brothers – der Markt für ungesicherte Papiere nahezu zum Erliegen kam, dachte man bei der Depfa einfach um. Den Restbestand an deckungsfähigen Papieren im Portfolio brachte man nun zwar mit dem damals üblichen Abschlag an die Kunden, es floss aber zumindest Geld zu. Und weil die neuen  Papiere nun auch noch Sicherheit versprachen, verbilligte sich sogar die Refinanzierung der Depfa. Eine generelle Umstellung des Geschäftsmodells  hin zu einer langfristigen Finanzierung war da schon nicht mehr möglich. „Eine kurzfristig finanzierte Bank ist nur über Jahre auf eine langfristige Bank umzustellen“, berichtet Reisinger aus der Praxis.

Spannend wird es dann, als die Befragung auf die Rolle der Deutschen Bank in der Phase des HRE-Niedergangs direkt nach der Lehman-Pleite zu sprechen kommt. Eine Woche nach dem weltweiten Finanzbeben nahm Funke Kontakt zum damaligen Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann auf. Es ging um eine Kreditabsicherung von 15 Milliarden Euro. „Operation blue“ wurde das Projekt intern genannt.

„Die Kollegen von der Deutschen Bank waren oft hier, sie hatten ja ein berechtigtes Interesse“, erinnert sich Reisinger. Auch mit dem laufenden Reporting wurden sie versorgt, sie sollten schließlich sehen, welche Sicherheiten jeden Tag noch da sind. Warum das „Projekt blue“ geheim gehalten werden sollte, wollte das Gericht dann noch wissen. „Es ist doch üblich, dass man überlegt, ob das Ding adhoc-relevant ist oder nicht“, ob also eine Sofortmitteilung herausgegeben wird, beantwortet Controller Reisinger diese Frage ungewohnt salopp.

Der nächste Verhandlungstag im Prozess gegen die beiden ehemaligen HRE-Vorstände Georg Funke und Markus Fell findet am kommenden Mittwoch statt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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