Polen in Großbritannien: „Wir übernehmen die Jobs, die kein Brite machen will”

Polen in Großbritannien: „Wir übernehmen die Jobs, die kein Brite machen will”

, aktualisiert 23. Juni 2016, 10:19 Uhr
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Im Londoner Stadtteil Ealing leben besonders viele Einwanderer aus Polen.

von Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

In Großbritannien leben und arbeiten etwa 850.000 Polen. Sie bilden die größte Gruppe von EU-Einwanderern auf der Insel. Wie sehen Polen in London die Abstimmung der Briten über ihre EU-Zugehörigkeit? Ein Ortsbesuch.

LondonDer Mann war eigentlich nie der Typ, der sich für Politik interessiert hat. Piotr Weglarczyk ist Fahrer, zeitweise hat er für eine kleine Spedition gearbeitet, inzwischen für ein Taxiunternehmen. „Meine freie Zeit verbringe ich eigentlich lieber mit meiner Frau und Tochter – und ab und zu auch im Pub“, erzählt der Mittdreißiger aus dem Londoner Norden.

Vor einigen Monaten aber hat er seine Einstellung zu Politik geändert: „Die ganze Debatte hier über die EU-Zugehörigkeit Großbritanniens und woran all die Einwanderer hier Schuld sein sollen, vor allem die aus Polen... Deshalb hab ich versucht, die Leute aufzuklären, ihnen zu sagen, wie es ist wirklich ist mit den hier lebenden Polen“, sagt Weglarczyk. „Nämlich dass sie Jobs übernehmen, die kein Brite machen will, dass sie hier arbeiten und in die Sozialkassen einzahlen und keine Schmarotzer sind.“ Zeitweise habe er überlegt, noch aktiver zu werden, sich einer politischen Bewegung anzuschließen. „Aber mir ist schnell klar geworden: Die Leute wollen gar nicht hören, was ich ihnen erzähle. Die haben ihre eigenen Sorgen.“

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Etwa 850.000 Polen leben nach Schätzungen von Experten in Großbritannien. Sie bilden die größte Gruppe der auf der Insel lebenden EU-Ausländer und sind zu einem Symbol geworden für die Veränderungen des Landes durch die Zugehörigkeit zu der Staatengemeinschaft. Sie haben die sogenannte Arbeitnehmerfreizügigkeit in einem größeren Ausmaß als andere genutzt, um auf der Insel leben und arbeiten zu können.

Doch dieses Recht ist jetzt bedroht. Politiker, die sich dafür einsetzen, dass Großbritannien der EU den Rücken kehrt, wollen die Einwanderung begrenzen. Zu groß sei der Druck der Menschen aus anderen Ländern auf die Sozialkassen, auf das Schul- und Gesundheitssystem sowie auf den Wohnungsmarkt und das Lohnniveau – so ihre Argumentation, die in der Bevölkerung etliche Unterstützer hat.

Auch in Polen sehen Politiker die Auswanderung mit gemischten Gefühlen: Dass die besten Köpfe das Land verlassen, das sei sein „persönliches Trauma“, sagte Jaroslaw Gowin, Polens stellvertretender Ministerpräsident, in einem Interview mit der „Financial Times“.

Die britische Regierung unter Premier David Cameron hat zwar schon vor Jahren versprochen, die Zahl der Einwanderer zu senken. Doch das Gegenteil ist passiert. Im vergangenen Jahr ist diese Zahl um fast 30 Prozent auf 330.000 Einwanderer gestiegen – eine Entwicklung, die eine ganze Reihe von Briten umkehren wollen und die große Sorgen unter den auf der Insel lebenden Polen ausgelöst hat. Sie sehen der Abstimmung mit Angst und großer Verunsicherung entgegen – das haben 72 Prozent der Befragten in einer Umfrage des polnischen Meinungsforschungsinstituts Ibris angegeben.

Zu einem gewissen Grad haben einige der Polen aber gleichzeitig auch Verständnis für die britische Sicht: „Ich finde es auch nicht richtig, wenn man in ein anderes Land einfach nur kommt und Sozialleistungen kassieren will, obwohl man gar nicht in die Kasse eingezahlt hat“, sagt eine polnische Friseurin in einem Salon im Londoner Westen. „Ich könnte daher gut damit leben, wenn die britische Regierung so etwas einschränkt.“


„Die können uns doch nicht einfach so rausschmeißen, oder?“

Einen Brexit will sie allerdings nicht: „Der Gedanke macht mir Angst“, erzählt sie. Denn es sei unklar, ob und unter welchen Bedingungen sie dann noch in Großbritannien leben können. „Ich habe eine Tochter, die hier zu Schule geht. Mein Mann und ich zahlen hier Steuern. Die können uns doch nicht einfach so rausschmeißen, oder?“

Viele Polen, die es in die britische Hauptstadt zog, leben im westlichen Stadtteil Ealing. Wer hier die Einkaufsstraßen entlang läuft, findet immer wieder polnische Schilder. Hier gibt es Reisebüros und Bäckereien, Metzger und Apotheken, in denen man auf Polnisch begrüßt wird und viele Angelegenheiten auf Polnisch erledigen kann.

Die polnische Kirche von Ealing – früher mal anglikanisch, im 19. Jahrhundert von polnischen Christen gekauft und seither katholisch – ist ein beliebter Treffpunkt. An diesem Sommertag vor dem Referendum sitzt eine Gruppe von Polen, die erst vor ein paar Wochen in London angekommen ist, in der Nähe des Eingangs: „Wir haben schon vor Monaten von Freunden und Verwandten gehört, dass wir eigentlich nicht willkommen sind und es uns anders überlegen sollten“, erzählt Danuta, eine etwa 20-Jährige aus einer Kleinstadt in der Nähe von Warschau. „Aber ich will trotzdem mein Glück hier versuchen, denn ich kann Englisch und ich will arbeiten, egal was.“ Noch hat sie allerdings keinen Job gefunden.

Ein paar Meter weiter in einer polnischen Metzgerei: Der Chef, der schon vor etlichen Jahren aus Polen nach England gekommen ist, steht hinter seiner Theke und füllt gerade einige Metallschalen mit Wurst und Fleisch auf. Über den möglichen Brexit und wie er die Stimmung in Großbritannien empfindet, will er am liebsten gar nicht reden. Er schüttelt nur den Kopf auf jede Frage, die man ihm stellt, bis ihm ein Satz entfährt: Er sei es einfach so leid, für die negative Seite der britischen EU-Zugehörigkeit zu stehen und als Grund für jedes Übel, das den Briten widerfahre, gesehen zu werden. Das sei nicht fair.

In einem polnischen Lebensmittelladen eine Straße weiter sehen Kunden die Sache etwas entspannter: „Ich glaube nicht, dass sich am Ende viel für uns ändert“, meint Kris, ein polnischer Stammkunde, der hier ganz in der Nähe arbeitet. Und letztendlich würden sich wahrscheinlich nur die britischen Unternehmen durch einen Brexit ins eigene Fleisch schneiden und sich mehr Probleme einhandeln, passendes Personal zu finden. „Wir leben doch im 21. Jahrhundert. Da muss es doch möglich sein, dort zu leben und zu arbeiten, wo man möchte.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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