Suizid bezweifelt Asylbewerber in Polizeizelle verbrannt

HB BERLIN. Der 21-jährige Oury Jalloh starb Anfang Januar wenige Stunden nach seiner Festnahme in einer polizeilichen Gewahrsamszelle in Dessau. In der Zelle war ein Feuer ausgebrochen, Oury Jalloh verbrannte bei lebendigem Leibe.

Der Asylbewerber aus Sierra Leone war am Morgen des 7. Januar festgenommen worden, weil er in Dessau stark betrunken mehrere Frauen belästigt haben soll.

Bei der Festnahme soll es ein Handgemenge gegeben haben, danach stufte die Polizei den Afrikaner als gewaltbereit ein. Er wurde auf das Polizeirevier gebracht. Nach den Ermittlungsergebnissen der Staatsanwaltschaft brach das Feuer etwa zwei Stunden später aus.

Unmittelbar nach dem Vorfall vom 7. Januar waren die Dessauer Behörden offiziell noch von einem Selbstmord ausgegangen. Der in Gewahrsam genommene Oury Jalloh habe sich selbst in der Polizeizelle angezündet, hieß es damals. An dieser Version gibt es jedoch inzwischen ernst zu nehmende Zweifel.

Der Fall beschäftigt inzwischen den Innenausschuss des Landtags in Sachsen-Anhalt. Nach der von der Staatsanwaltschaft veröffentlichten Chronologie wurde Jallohs Zelle vor dem Ausbruch des Brandes mehrfach kontrolliert. Unmittelbar vor Bemerken des Feuers soll der Dienstgruppenleiter allerdings die Wechselsprechanlage leise gestellt haben, mit der Jallohs Zelle überwacht wurde.

Danach soll sie zwar wieder laut gedreht worden sein, Geräusche aus der Zelle seien aber als Wasserplätschern wahrgenommen worden. Auch Signale des Brandmelders wurden von Polizisten laut der chronologischen Darstellung mehrfach ignoriert. Grund dafür seihen häufige Fehlalarme der Anlage gewesen.

Laut Informationen der «Mitteldeutschen Zeitung», soll der 21-Jährige während des Brandes an ausgestreckten Händen und Füßen fest angebunden gewesen sein. Wie es ihm in dieser Stellung gelungen sein soll, mit einem am Körper versteckten Feuerzeug die Matratze zu entzünden, ist nicht geklärt. Die Rekonstrukteure des Falls haben dem Afrikaner eine noch dafür ausreichende Bewegungsfreiheit attestiert.

Ein Motiv für eine Selbstentzündung haben die Ermittler noch nicht gefunden, ebenso wenig ist die Frage geklärt, ob Jalloh damit eine Lösung seiner Fesseln erreichen wollte. Bisher wird noch überprüft, wie die feuerfeste Matratze in seiner Zelle überhaupt entflammen konnte.

Gerüchte über weitere Tätlichkeiten in der Zelle und angebrochene Handgelenke des Opfers bestätigte der Obduktionsbericht offenbar nicht.

Ermittelt wird nun gegen den Dienstgruppenleiter wegen Verdacht der Körperverletzung mit Todesfolge und gegen zwei weitere Beamte wegen Verdacht der fahrlässigen Tötung. Die diensthabenden Polizisten waren bereits nach Bekannt werden der Vorwürfe strafversetzt worden.

Der leitende Polizeibeamte war bereits vor zwei Jahren mit einem Todesfall in Verbindung gebracht worden, als ein 36-Jähriger im gleichen Zellentrakt an inneren Verletzungen starb.

Der Chef der Staatsanwaltschaft Dessau, Folker Bittmann, schloss ein Fremdverschulden kategorisch aus. Es gebe keinerlei Anzeichen für die vorsätzliche Tat eines Dritten, sagte Bittmann gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung (MZ).

Laut der Zeitung sehen nicht nur Landespolitiker im Zusammenhang mit dem Tod des afrikanischen Asylbewerbers großen Aufklärungsbedarf. Trotz einiger Antworten seien viele Fragen offen geblieben, zitierte die Mitteldeutsche Zeitung Bernward Rothe, SPD-Innenexperte in Sachsen-Anhalt.

Rothe kritisierte Polizei und Staatsanwaltschaft, weil die Ermittlungen erst wegen des erheblichen Mediendrucks intensiviert worden seien. Die Bundesgeschäftsführerin der Grünen, Steffi Lemke, sprach von bestürzenden Fehlern der Polizei.

Unterdessen hat sich in Dessau eine Initiative in Gedenken an Oury Jalloh gegründet, die sich für eine schnelle Aufklärung seines Todes engagiert.


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