Porträt Barack Obama in der Erlöserrolle
05.02.2008 5 Kommentare 4,7 (73) Legende- Druckversion
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Von Barack Obama erhofft sich die Nation Weihe, Waschung und Wunder – er wäre die schönste Hypothek, mit der sich die Amerikaner je belastet haben.
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US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama: 32,8 Prozent der Anhänger der Demokraten wollen, dass Obama für die Präsidentschaft kandidiert. In einem Duell mid dem aussichtsreichsten Republikaner John McCain würden 44,0 Prozent der Wähler für Obama stimmen, 43,7 Prozent für McCain.
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Barack Obamas Ruhm gründet auf einer Rede und zwei Büchern. Die Rede hielt Obama am 27. Juli 2004 auf dem Parteitag der Demokraten in Boston, sie dauerte 18 Minuten und umfasste 2166 Wörter, ein paar Hundert weniger als dieser Text. Die beiden Bücher sind so etwas wie die Langversion dieser Rede, das eine 448 Seiten stark, das andere 480, eine programmatische Autobiografie das erste („Ein amerikanischer Traum“), ein autobiografisches Programm das zweite („Hoffnung wagen“). Politik und Privatleben – bei Barack Obama ist das eine nicht vom anderen zu trennen. Seine Biografie ist sein politisches Programm.
Barack Obama ist mit sich und seinem Lebenslauf unbedingt einverstanden. Seine rhetorische Überzeugungskraft, seine mitreißenden Politikpredigten, seine zustimmungspflichtigen Botschaften – das alles sind nur Ableitungen und Schlussfolgerungen seiner umfassenden Selbstbejahung. Wer wirklich verstehen will, warum Barack Obama seine Landsleute fasziniert, verzückt und bezaubert, muss den Blick hinter seine Begabungen und Fähigkeiten werfen: Sie sind weder angeboren noch trainiert, sondern das zwangsläufige Produkt seiner widersprüchlichen Sozialisation.
Barack Obama hat in seinem Leben viele Verwundungen erlitten und Haken geschlagen, zwischen allen Stühlen gesessen und beständig um seine Identität gerungen. Er wird als Sohn eines ehrgeizigen Kenianers und einer gütigen Entwicklungshelferin aus Kansas geboren, seinen Vater lernt er kaum kennen, die Ehe der Eltern geht schnell in die Brüche, Barack wächst drei Jahre bei seinem Stiefvater in Indonesien auf, später bei den Eltern seiner Mutter in Honolulu (Hawaii). Er kriselt sich mit Haschisch, Nietzsche und Billy Holiday durchs Studentenleben, kämpft sich sechs Jahre lang als Kommunalarbeiter in Chicagos Süden durchs Elend schwarzer Underdogs. Als Endzwanziger pendelt er gedanklich zwischen der radikalen schwarzen Befreiungstheologie seiner Heimatkirche in Chicago und der konservativen Juristenfakultät in Harvard hin und her; er empfängt von Jeremiah Wright, seinem Pfarrer, der von der allgemeinen Tyrannei einer weiß gefärbten kapitalistischen Gier überzeugt ist, tränenüberströmt seine religiöse Erweckung – und sorgt als erster schwarzer Präsident einer Fachzeitschrift für Rechtswissenschaften („Harvard Law Review“) für nationales Aufsehen. In dieser Zeit macht Barack Obama zwei gegensätzliche Erfahrungen: Erstens, dass die weiße Gesellschaft seine Anpassung honoriert – auf Kosten seiner schwarzen Identität. Und zweitens, dass „ein Lebenslauf wie meiner nur in den Vereinigten Staaten möglich ist“.
Die Polarität seiner Prägungen hat Barack Obama nie vergessen und aufgehoben, wenngleich gezähmt und temperiert an der Seite seiner Frau Michelle, als Vater zweier Töchter, synthetisiert und umgedeutet in ein Programm der Zuversicht als Senator des Staates Illinois und internationale Politpop-Ikone. Noch immer beginnt Barack Obama seine Reden mit der Beschreibung des Weltelends, noch immer lässt er sie enden mit einem universellen Heilsversprechen – und immer dient ihm dabei die eigene Biografie als Parabel, Beglaubigung und Blaupause. Eben deshalb stehen bei Barack Obama nicht nur Gott im Zentrum seiner Gnadenrhetorik, sondern auch – die Vereinigten Staaten. Beide, Gott und die USA, erfüllen Obama zufolge die zutiefst menschliche Sehnsucht, ihr „Leben in einen großen Zusammenhang zu stellen“. Es ist dieser Zusammenhang, der Barack Obama heute widerspruchsfest in sich selbst ruhen lässt, ausgestattet mit einer stabilen Weltsicht, einem realitätsgeprüften Urteilsvermögen – und dem unerschütterlichen Glauben an die ewige Wahrheit eines Gedankenzuges, mit dem er seit nunmehr vier Jahren wie ein politischer Wanderprediger durchs Land zieht: Wer träumt, der wagt – und wer wagt, der gewinnt. Wer hofft, der eint, und wer eint, der befriedet. Wer glaubt, schafft Zukunft – und wer Zukunft schafft, der verändert die Welt.
Dieser Gedankenzug hat Barack Obama auf die Titelseiten von „Time“ und „Newsweek“ gebracht, ihm ein Haus mit vier Kaminen, Bücherregalen aus Mahagoni und einem ausgezeichnet bestückten Weinkeller beschert. Dieser Gedankenzug verschlägt den Vereinigten Staaten seit Monaten den Atem. Dieser Gedankenzug elektrisiert Hollywood, ergreift Rockbands, rührt Intellektuelle. Dieser Gedankenzug verbreitet sich wie ein Lauffeuer über die Festplatten der You-Toube-Generation – und wer weiß, vielleicht trägt dieser eine, klare, unwidersprechliche Gedankenzug Barack Obama am 20. Januar 2009 ins Weiße Haus.
Am Vorabend seines Etappensieges in South Carolina warten 1500 Fans im Koger » Center of the Arts der Landeshauptstadt Columbia auf Barack Obama. Es ist seine defintiv letzte Rede an diesem Tag, er hat sie heute bereits zweimal gehalten, sich zwischendurch mit vier Frauen getroffen zur Simulation eines ernsthaften Gesprächs über die Probleme des nationalen Bildungswesens, ausgeleuchtet von 16 Scheinwerfern, aufgezeichnet von drei Dutzend Kameras, verfolgt von 150 Journalisten... Die Zeiger der Uhren rücken auf 23 Uhr vor, die Saaltüren werden geschlossen, ein paar Dutzend Verspätete drängeln noch schnell herein, wer jetzt noch draußen in der Schlange steht, kriegt einen „Obama-08“-Button in die Hand gedrückt und wird nach Hause geschickt. Drinnen fiebert die Menge dem Countdown entgegen, die choreografierte Stimmung erreicht ihren Siedepunkt, seit anderthalb Stunden winkt und wedelt eine Hundertschaft auf der Bühne mit Obama-Plakaten, singt, tanzt, gospelt und wirft laufend Schlachtrufe ins Auditorium, und natürlich, aus dem Parkett und von den Balkonen, wo alles steht und stampft und schreit, schallt es enthusiastisch zurück: „Change – we can believe in“ – „Wir wollen glauben an die Kraft der Erneuerung.“
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Vor dem Erlöser tritt seine Frau auf. Michelle Obama fasst sich kurz, redet kaum zwei, drei Minuten – und nimmt doch alles vorweg: Sein ganzes Leben habe Barack für Menschen wie du und ich gekämpft, alltagspraktisch und lebensnah, weshalb es ihm, nur ihm (und nicht den Clintons) um mehr als den politischen Sieg gehe, nämlich um echte Bürgerbeteiligung, gelebte Demokratie, um eine bessere Zukunft und ein neues Amerika. Dann, endlich, ist es so weit: Barack Obama, Auftritt von rechts, Musik von U2, ein Küsschen links für die Gattin, ein Küsschen rechts, ein Wink in die Menge, der Griff zum Mikro, ein breites Lachen, „How is it going?“, und schon geht’s los mit dem popkulturellen Motivationsseminar: „Die Zyniker haben uns weismachen wollen, wir könnten keine Kampagne auf die Beine stellen“, ruft Obama – „und doch haben uns Hunderttausende mit ihren Spenden unterstützt.“ – „Die Zyniker haben uns weismachen wollen, mit Graswurzelbewegungen sei keine Wende herbeizuführen“, ruft Obama – „und doch haben wir bewiesen, dass die Amerikaner bereit sind für den Wechsel, für eine neue Politik in einem neuen Amerika.“ Der Saal tobt, die Menge jubelt, skandiert einig, eins, geeint: „Yes, we can. – Yes, we can. – Yes, we can.“
Und wie sie können: Amerika steht vor dem Ruin, ruft Obama, die Regierung sei ein Synonym für Korruption und Vetternwirtschaft, Washington ein Sammelbegriff für die Herrschaft von Lobbyismus und Unternehmensinteressen, Amerikas internationale Reputation durch eine bornierte Klimapolitik und dumme Kriege dahin…, aber, aber: Heilung naht – durch ihn, den Versöhner, Brückenbauer, Friedensstifter, durch eine nationale Anstrengung, die er im Namen aller Amerikaner zu unternehmen verspricht, ob jung oder alt, schwarz oder weiß, reich oder arm, durch ein Ende der alten Grabenkämpfe zwischen Demokraten und Republikanern, durch einen neuen Anfang und eine überparteiliche Politik des gesunden Menschenverstandes, „die zum Beispiel nicht wollen kann, dass 47 Millionen Amerikaner nicht krankenversichert sind“. Der Schlüssel zum Erfolg dieser Politik der Einigung und des Umbruchs, so Obama, liegt in der Hoffnung; nicht in ihrer naiven, idealistischen, pubertär herbeigesehnten Form, sondern im Gegenteil: in der Hoffnung als mentales Fitness-Programm, geeignet in jeder Lebenslage zur individuellen Ertüchtigung und spirituellen Stärkung. Hoffnung, ruft Obama, „bedeutet nicht, dass man sich etwas wünscht, sondern dass man sich Ziele setzt, um sie kämpft, sich für sie abrackert – und manchmal auch für sie stirbt“. Es ist, wieder einmal, ein Echo jener Rede aus dem Jahr 2004, als Obama von der Hoffnung der Sklaven sprach, „die um ein Feuer sitzen und Lieder von der Freiheit singen, die Hoffnung der Einwanderer, die sich auf den Weg in ein fernes Land machten“, und natürlich: „Die Hoffnung eines Zweijährigen, den sein Vater verließ“ und „die Hoffnung eines dünnen Jungen… der daran glaubt, dass Amerika auch für ihn einen Platz hat“.
Einen Tag nach seinem überwältigenden Sieg bei den Vorwahlen in South Carolina erhält Barack Obama für seine Vision eines geeinten Amerika den Ritterschlag der Kennedys. „Ich habe keinen Präsidenten erlebt, der mich so inspiriert hat, wie mein Vater andere Menschen inspiriert hat“, schreibt John F. Kennedys Tochter Caro-
line in der „New York Times“, „und ich glaube, in Barack Obama den Menschen gefunden zu haben, der dieser Präsident sein könnte – nicht nur für mich, sondern für eine neue Generation von Amerikanern.“ Noch einmal 24 Stunden später tritt Senator Ted Kennedy, der Bruder des legendären Präsidenten, gemeinsam mit Obama bei einer Wahlveranstaltung auf – es ist so etwas wie die regierungsamtliche Beglaubigung von Obamas Wechsel-, Hoffnungs- und Versöhnungsrhetorik, mit der er die Vereinigten Staaten aus ihrer innenpolitischen Lähmung und ideellen Isolation zu erlösen verspricht. Tatsächlich sind Obamas Heilsversprechen – als heimatstolzes Traumspiel, kollektive Fantasieanimation und nationale Selbsterquickung – durch Kennedys Absegnung endgültig und unumkehrbar politische Realität geworden.
Und so schreibt Barack Obama nicht nur das Drehbuch dieses Vorwahlkampfes, sondern auch ein neues Kapitel in der Geschichte der USA – lange bevor er Kandidat der Demokraten geworden ist, geschweige denn Präsident der Vereinigten Staaten. Der schwarze Senator, 46 Jahre jung, politischer Grünschnabel, hochbegabtes Wunderkind, redekünstlerisches Genie, hat weit mehr als nur die alte Figur des charismatischen Führers neu erfunden. Er hat den Amerikanern wieder eine Ahnung davon vermittelt, wie wohltuend nationale Fantasie ist, wie labend Patriotismus, wie erfrischend Demokratie. Er hat für seine Kampagne mehr Spender mobilisiert als alle anderen demokratischen Kandidaten zusammen. Er hat dabei, im Gegensatz zu Hillary Clinton, auf Finanzspritzen von der Wall Street verzichtet und dennoch rund 100 Millionen Dollar eingeworben, die der weiteren Verbreitung seiner frohen Botschaft dienen – eine Botschaft, die, gerade weil sie auf detaillierte politische Inhalte verzichtet, so abhängig ist von permanenter Wiederholung und dauernder Zirkulation, von der Verbreitung ihres emotionalen Gehalts, von der sich selbst erfüllenden Prophezeiung ihres überwältigenden Erfolgs.
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5 Kommentare zu “Barack Obama in der Erlöserrolle”



