Venezuela Das autoritäre Reich des Señor Chávez

Korruption, Kriminalität, staatliche Willkür: Wie private Unternehmen in Venezuela, dem autoritären Reich von Hugo Chávez, ihr Überleben sichern.

Venezuelas Präsident Hugo Chávez spricht zu seinen Anhängern in Caracas,  rtr Bild vergrößern Venezuelas Präsident Hugo Chávez spricht zu seinen Anhängern in Caracas, Foto: rtr

An das Weihnachtsfest vor sieben Jahren erinnert sich Alberto Vollmer noch genau. Am Vormittag des Heiligen Abends gewährten die Banken seinem Unternehmen einen Aufschub von fünf Jahren, um die drückenden Kredite zurückzuzahlen. Alberto, damals 31 Jahre alt, hatte gerade mit seinem Bruder die Führung des Rumkonzerns Santa Teresa übernommen, der seit 114 Jahren in Familienbesitz und durch Missmanagement stark ins Schleudern geraten war. Sie entließen die Hälfte des Personals und strafften die Produktlinie; den Banken gefiel der neue Kurs. Damals dachte Alberto Vollmer: „Aus dem Gröbsten sind wir raus.“

Falsch gedacht: Im gleichen Jahr übernahm Hugo Chávez als gewählter Präsident Venezuelas die Macht. Der einige Jahre zuvor bei einem Putsch gescheiterte Fallschirmjäger und Oberst predigte den Klassenkampf. Seine Stimmen holte er sich bei den Armen. Und seine Feinde, das waren die „Oligarchen“.

Einer wie Alberto Vollmer. Dessen Clan gehört zu den zehn reichsten Familien des Landes. Auf der familieneigenen Hazienda, rund 80 Kilometer westlich von Caracas, hatte sich schon Anfang des 19. Jahrhunderts der deutsche Wissenschaftler Alexander von Humboldt über die grandiose Natur begeistert. Die Familie wurde reich, nachdem ein ausgewanderter Hamburger Händler 1830 die Cousine des südamerikanischen Freiheitshelden Simón Bolívar heiratete und auf den Zuckerplantagen Rum zu brennen begann.

Ein geradezu optimaler Ort für eine Attacke auf die Oligarchie, fanden die neuen Machthaber. Chávez-Vertraute besetzten im Februar 2000 mit 457 Familien nachts den Eingang der Plantage. „Wir brauchen Land, um Häuser zu bauen“, riefen sie Alberto Vollmer zu, „du hast genug.“ Dass er den rechtmäßigen Besitz mit Landtiteln lückenlos bis 1628 belegen konnte, interessierte die Besetzer nicht. Vollmer wusste aber auch, dass Konfrontation das Ende des Unternehmens bedeutet hätte.

Er verbrachte die folgenden Monate mit zähen Verhandlungen. „Wir umkreisten uns wie Boxer auf der Suche nach einer schwachen Stelle.“ Auf der einen Seite der gerissene, glatzköpfige Ex-Militär José Omar»Rodriguez, der mit Chávez geputscht hatte. Auf der anderen Seite der einstige Rugby-Spieler Vollmer, der mit in Harvard gelernten Verhandlungsstrategien seinen Besitz zu retten versuchte.

Fünf Monate später dann der Kompromiss: Die Vollmers gaben 60 Morgen Land freiwillig ab. Dafür siedelten darauf nur 100 Familien. Nach den Bauplänen von Vollmers Ingenieuren (Vollmer: „Wir wollten keinen Slum vor unserer Hazienda“) errichteten die Besetzer in wenigen Monaten ihre Häuser. Die Provinzregierung stellte das Baumaterial.

Fünf Jahre später wirkt die Siedlung „Camino Real“ wie eine gepflegte Schrebergartenanlage in Deutschland. Hundert Häuschen mit Blumen in den Vorgärten und sauberen Straßen – ganz anders als die trostlosen Sozialbauten im nahen Caracas, denen bald nach der Einweihung die Türen und Fenster fehlen, weil die Bewohner sie verkaufen. Alberto Vollmer ist inzwischen Pate des Sohnes des Chávez-Freundes Rodriguez.

Das Beispiel zeigt, welche Geschmeidigkeit private Unternehmer in Venezuela an den Tag legen müssen, um im autoritären Reich des Hugo Chávez wirtschaflich zu überleben. Landbesetzungen, wuchernde Kriminalität, ein korrupter Staat, der sich in alles einmischt, mafia-ähnliche Strukturen in der Wirtschaft – damit müssen sich die Unternehmen irgendwie arrangieren.

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