Prognosebörsen Mitarbeiter handeln mit Erwartungen

Hundert Laien sind oft schlauer als ein Experte. Unternehmen machen sich dieses Prinzip zu Nutze. Sie richten Prognosebörsen für ihre Mitarbeiter ein. Mit überraschendem Erfolg. Über die Klugheit der Masse und ihren unschätzbaren Wert für heikle Entscheidungen.

Wohin gehen die Kurse: Prognosebörsen liefern verlässliche Perpektiven. Quelle: ap Bild vergrößern Wohin gehen die Kurse: Prognosebörsen liefern verlässliche Perpektiven. Quelle: ap handelsblatt.com

DÜSSELDORF. Nichts versüßt den Büroalltag so wie ein gewonnener Wettkampf gegen die Kollegen: Wer wirft mehr Papierkugeln in den Eimer, wer kann alle Bundespräsidenten aufzählen, wer tippt den richtigen Herbstmeister? Mit solchen Mitteln werden die alten Schulhof-Wettkämpfe wieder aufgenommen.

Was vielen Vorgesetzten ein Dorn im Auge ist, sollte sie freuen: Wissenschaftler haben in den vergangenen Jahren ein Werkzeug entwickelt, das den Spieltrieb der Angestellten ausnutzt, um damit Marktforschung zu betreiben. Die Idee: Die Mitarbeiter sollen ein künftiges Ergebnis prognostizieren - etwa die Absatzzahlen eines neuen Produkts oder die Strategie der Konkurrenz. Wer am besten ist, bekommt hinterher einen Preis, mit dem es sich prima angeben lässt.

Diese sogenannten Prognosemärkte funktionieren nicht wie einfache Tippspiele beim Fußball, sondern wie ein Aktienmarkt. Wie an der Börse handeln die Mitarbeiter mit Aktien - allerdings mit Spielgeld und virtuellen Aktien, deren Kurs dann dem erwarteten Ergebnis entspricht.

"Auf diese Weise lassen sich äußerst treffsichere Vorhersagen machen, das gilt mittlerweile als wissenschaftlich erwiesen", sagt Martin Spann, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Passau. Spann hat als einer der ersten Wissenschaftler in Deutschland vor mehr als zehn Jahren angefangen, über Prognosemärkte zu forschen und Unternehmen bei der Umsetzung zu beraten.

Für professionelle Marktforscher wird der Boom der Prognosemärkte langsam zur Gefahr, denn die neuen Plattformen sind nicht nur billiger, sondern auch besser. Beim US-Computerkonzern Hewlett-Packard zum Beispiel waren die virtuellen Märkte meistens treffsicherer als die bisher genutzten Prognoseverfahren, zeigte eine Studie des California Institute of Technology. Achtmal sollten die Mitarbeiter an einer Prognosebörse die Zahl der bis zum Halbjahresende verkauften Drucker schätzen - sechsmal lieferten sie bessere Ergebnisse als die Vorhersagen, die HP bei Experten in Auftrag gegeben hatte.

Die Prognosemärkte basieren auf der Annahme, dass Hunderte Laien oft mehr wissen als ein einzelner Fachmann. Durch die Kräfte des Marktes, die die Kurse nach oben drücken oder herunterziehen, wird aus vielen Einzelmeinungen auf effiziente Weise eine Gesamtansicht aggregiert, die besser ist als der bloße Durchschnitt. Im Kern geht diese Theorie zurück auf den Ökonomen Friedrich August von Hayek, der als Erster den Markt als Mechanismus zum Auswerten von Informationen propagierte.

Wie ein Prognosemarkt funktioniert, macht das Telekommunikationsunternehmen Telefónica O2 vor: Die deutsche Tochter des Konzerns betreibt seit einem halben Jahr eine Börse zur Marktforschung und Feindbeobachtung. Die Aufgabe der Mitarbeiter: Sie sollen schätzen, wie viele Kunden die verschiedenen DSL-Anbieter am Ende des Jahres haben werden. Dazu handeln sie mit künstlichen Aktien der einzelnen Anbieter, die dann nach der Abrechnung Ende Dezember genauso viel wert sein werden wie die jeweiligen Marktanteile. Der Kurs einer Aktie stellt die Gesamteinschätzung der Belegschaft dar, welchen Anteil an dem hart umkämpften Markt der entsprechende Anbieter am Ende des Jahres haben wird.

Traut ein Mitarbeiter zum Beispiel der Deutschen Telekom größere Zuwächse zu, als es der Kurs widerspiegelt, sollte er deren Aktien kaufen und ins Depot legen. Hält er die Aktie dagegen für überbewertet, täte er gut daran, sie schnell abzustoßen - bevor sie auf einen realistischeren Wert fällt. "Für uns ist die Prognosebörse vor allem ein guter Frühindikator, wie sich der Markt entwickeln wird", sagt Christian Löb von Telefónica 02, der das Projekt zusammen mit der auf Prognosemärkte spezialisierten Firma Prokons umgesetzt hat. Das Interesse der Mitarbeiter sei groß, viele hätten die Entwicklung ihres Depots immer im Blick, erzählt Löb. Wer mitmacht, kann sogar richtig Geld verdienen: Unter den besten Händlern werden am Ende 3 000 Euro aufgeteilt.

Bei unternehmensinternen Börsenspielen geht es stets um Fragen, deren Antwort heute noch niemand kennen kann - bei denen es für Firmen aber sinnvoll ist, über die Erwartungen der eigenen Leute Bescheid zu wissen. "Wir wollen an das Bauchgefühl der Mitarbeiter heran", sagt Günther Fädler von Prokons, der bei seinen Projekten eng mit der Wiener Wirtschaftsuniversität kooperiert. Gleichzeitig seien die Spielbörsen gut für das Betriebsklima, zeigten Erfahrungen: Die Mitarbeiter fühlen sich gebraucht und diskutieren mehr miteinander. "Das", sagt Fädler, "fördert die Bindung an das Unternehmen."

In den ersten Jahren galten die Informationsbörsen als Spielerei für Computerfreaks. Inzwischen aber sind sie für viele Unternehmen zum festen Bestandteil der Management-Strategie geworden - vor allem in den USA, wo bereits mehr als Hundert Konzerne solche Märkte eingerichtet haben, wie Koleman Strumpf schätzt, Mitherausgeber des "Journals of Prediction Markets" und Professor an der Universität Kansas. In Europa ist man noch nicht ganz so weit, doch seit einigen Jahren sei auch hier ein stark wachsendes Interesse zu spüren, sagt Martin Spann.

Wissenschaftler wie Spann und Strumpf forschen bereits an der nächsten Generation von Informationsbörsen: Damit sollen nicht nur die Erwartungen der Mitarbeiter gesammelt werden, sondern auch ihre Ideen. "Viele Unternehmen sind so hierarchisch, dass die Ideen nicht von unten nach oben schwimmen können", sagt Spann - die Kreativität der unteren Ebenen liege bislang häufig brach.

Helfen sollen sogenannte Ideenmärkte: Dabei dürfen Mitarbeiter ihre Produktideen selbst als Aktien an die virtuelle Börse bringen. Anders als bei normalen Ideenwettbewerben, wo eine Jury entscheidet, heben oder senken hier die Kollegen den Daumen über ein neues Konzept. Wenn sie glauben, dass die Idee in der Praxis eine Chance hätte, investieren sie und holen sich die Aktien in ihr Depot. Je höher der Kurs, desto optimistischer sind also die Kollegen.

Der Passauer Betriebswirt Martin Spann hat solch einen Ideenmarkt jüngst erstmals in der Praxis getestet - beim Technologiekonzern Carl-Zeiss. Der Erfolg war groß: Mehr als 600 Mitarbeiter brachten ihre Ideen an die Börse.

Ein weiterer neuer Trend sind Prognosemärkte mit Kunden. Gerade Branchen, in denen Neuentwicklungen oft floppen, könnten so früh und umfassend die Meinungen der besonders gut informierten Kunden einholen und auswerten - und teure Fehlschläge verhindern. "Lead-User" werden diese Hobby-Fachleute bei den Betriebswirten genannt - doch sie zu finden ist oft nicht leicht, gerade in anonymen Massenmärkten.

"Mit Informationsbörsen können Lead-User ohne große Zusatzkosten identifiziert werden", sagt Martin Spann. In einem Experiment bat er die Nutzer eines Online-Filmarchivs, per virtuellem Aktienhandel die Zuschauerzahlen neuer Kinofilme zu schätzen. Das Ergebnis: Unter den besten Händlern waren viele, die wirklich über fundiertes Filmwissen verfügten - und sich damit bestens als Testkunden für neue Produkte eignen würden.

Trotz aller Erfolge haben Prognosebörsen allerdings auch ihre Grenzen. "Ein Allheilmittel sind sie sicher nicht", sagt Günther Fädler von Prokons. Schließlich können sich auch Hunderte von Menschen gemeinsam irren oder auf falsche Signale hereinfallen, die dann möglicherweise zur Bildung einer Spekulationsblase führen - genau wie am richtigen Aktienmarkt.

Auch scheinen die Hobby-Händler systematische Fehler zu machen. Das stellten kürzlich die Wirtschaftsforscher Eric Zitzewitz (Dartmouth College) und Justin Wolfers (Universität Pennsylvania) fest, als sie zusammen mit Bo Cowgill von Google die internen Prognosemärkte des Unternehmens auswerteten. Wie kein anderer Konzern setzt der Suchmaschinenriese auf diese Methode: Alle drei Monate werden hier 30 Börsen mit neuen Aufgaben freigeschaltet und 10 000 Dollar Preisgeld an die besten Händler ausgeschüttet.

Zitzewitz, Wolfers und Cowgill fanden jetzt heraus, dass die Mitarbeiter im Schnitt zehn Prozent zu optimistisch waren, wenn sie die Marktaussichten von Produkten aus dem eigenen Haus schätzten. Dabei waren es vor allem die neuen Mitarbeiter, die den Innovationen ihres neuen Arbeitgebers zu viel zutrauten.

Die wichtigstenAnreize für die Mitarbeiter, bei den Prognosemärkten mitzumachen, sind nicht die Geldpreise, die es zu gewinnen gibt, erzählt Bo Cowill - sondern eher Ruhm und Ehre. Als Google einmal vergaß, das Preisgeld an die Gewinner auszuzahlen, sei das niemandem aufgefallen. Als aber die Sieger-Shirts zu spät ausgeliefert wurden, gab es wüste Beschwerden.

Prognosebörse

Premiere Vor wenigen Tagen ist die Handelsblatt-Prognosebörse EIX ("Economic Indicators eXchange") gestartet. Auf der Webseite eix.handelsblatt.com handeln Internet-Nutzer wichtige ökonomische Indikatoren für die deutsche Wirtschaft - sie können darauf spekulieren, wie sich zentrale makroökonomische Größen in den kommenden Monaten verändern. Fünf verschiedene Größen werden gehandelt: die Zahl der Arbeitslosen, die Inflationsrate, das Bruttoinlandsprodukt, die Bruttoanlageinvestitionen und der Export.

Teilnahme An dem Experiment kann jeder kostenlos teilnehmen, der Interesse an der wirtschaftlichen Entwicklung hat und der seine Kenntnisse mit denen anderer messen möchte.

Preise Auf der Prognosebörse wird nicht mit echtem Geld gehandelt, sondern mit Spielgeld - die Währung lautet EIX-Euro. Den besten und aktivsten Teilnehmern winken Sachpreise im Gesamtwert von mehr als 36 000 Euro - zum Beispiel eine elftägige Schottland-Rundreise, eine Stereo-Anlage und Englisch-Kurse.

Partner Die Handelsblatt-Prognosebörse ist ein Gemeinschaftsprojekt des Handelsblattes, des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, des Instituts für Informationswirtschaft- und management und des Forschungszentrums Informatik, die beide dem Karlsruher Institut für Technologie angegliedert sind.

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