Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus im Interview "Spiritueller Gewinn statt Geld"

Mit einer neuen Unternehmensform will der Friedensnobelpreisträger Muhammed Yunus die Armut bekämpfen. Der Gründer der Grameen Bank in Bangladesch hat ein neues Buch geschrieben. Der Titel: "Die Armut besiegen".

Friedensnobelpreisträger Bild vergrößern Friedensnobelpreisträger Mohammed Yunus fordert die Gründung von Sozialunternehmen dpa

WirtschaftsWoche: Herr Yunus, die von Ihnen 1983 gegründete Grameen Bank vergibt Kleinstkredite an Arme, ohne dafür klassische Sicherheiten zu verlangen. Jetzt fordern sie die Gründung von Sozialunternehmen. Wie sehen die im Kern aus?

Yunus: Der Kapitalismus verleitet uns dazu, zu glauben, dass nur eine Geschäftsform möglich ist: Business, um Geld zu verdienen. Ich bin von einer weiteren Form überzeugt: eine Firma, die keine Verluste und keine Gewinne macht und dabei ein soziales Ziel verfolgt. Das kann die Bekämpfung der Armut sein, die Verbesserung der Gesundheit oder der Umwelt.

Es gibt doch bereits viele Menschen, die diese Ziele verfolgen.

Diese Menschen handeln bei ihrer gemeinnützigen Arbeit meist nicht wie Geschäftsleute, sondern agieren aus einem Wohltätigkeitsdenken heraus. Dagegen achten Sozialunternehmer darauf, dass die Kosten aus der laufenden Geschäftstätigkeit gedeckt werden. Und sie investieren, um im Markt zu bestehen. Einziger Unterschied zu einem gewöhnlichen Unternehmen: Die Gewinne werden nicht ausgeschüttet.

Was soll Menschen reizen, in solch ein Sozialunternehmen zu investieren und Risiken einzugehen?

Das Sozialunternehmen kommt den Wünschen vieler Menschen entgegen. Sie tun etwas Gutes und verändern so die Welt. Das ist vor allem ein spiritueller und emotionaler Gewinn.

Das reicht als Anreiz?

Davon bin ich überzeugt. Es gibt heute viel mehr Frust als früher. Wohlstand löst nicht alle Probleme, sondern führt auch zu neuen.

Viele Menschen und Unternehmen unterstützen schon gemeinnützige Organisationen und finanzieren etwa Stiftungen.

Die Investition in ein Sozialunternehmen ist besser. Denn der Wohltätigkeits-Dollar hat immer nur ein Leben, der Sozialunternehmens-Dollar hat ein endloses Leben. Und wenn sich das Geschäft gut entwickelt, ist etwa eine Auszahlung der Anfangsinvestition denkbar. Auch Regierungen und Privatpersonen können investieren.

Und eines Tages machen sich die Sozialunternehmen gegenseitig Konkurrenz?

Ja, aber das ist gut. Wettbewerb belebt das Geschäft. Nicht nur zwischen sozialen und gewinnorientierten Unternehmen. Auch Sozialunternehmen untereinander sollen im Wettbewerb stehen. Danone hat in Bangladesch ein Sozialunternehmen zur Produktion von nahrhaftem Joghurt in kleinen Packungen erfolgreich gestartet. Wenn Nestlé nachzöge, wäre das wunderbar.

Wie wollen Sie die Gründung von Sozialunternehmen fördern?

Wir brauchen eine veränderte Infrastruktur. Vorstellbar ist zum Beispiel ein sozialer Aktienmarkt. Private und institutionelle Anleger investieren in die Sozialunternehmen, die sie für die besten halten. Natürlich verdienen die Anleger kein Geld, aber der ideelle Nutzen ist unweit höher.

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